ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2012Depressionen: Hohes Rückfallrisiko

WISSENSCHAFT

Depressionen: Hohes Rückfallrisiko

PP 11, Ausgabe Juni 2012, Seite 276

Sonnenmoser, Marion

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Die Bereitschaft von Patienten, nach Abklingen der Beschwerden Psychopharmaka einzunehmen, ist gering. Es gibt verschiedene Psychotherapieansätze, die helfen können, das Rückfallrisiko bei Patienten mit Depressionen zu verringern.

Depressionen gehen mit einem hohen Rückfallrisiko von bis zu 80 Prozent einher. Um Rückfälle zu vermeiden, werden häufig Psychopharmaka eingesetzt. Allerdings ist die Bereitschaft vieler Patienten nur gering ausgeprägt, nach Abklingen der Beschwerden weiterhin Psychopharmaka einzunehmen. Alternativen zur medikamentösen Behandlung bieten psychotherapeutische Verfahren. Als besonders wirksam hat sich eine Kombination aus kognitiver oder kognitiv-behavioraler Psychotherapie mit bestimmten Psychopharmaka (zum Beispiel SSRI) erwiesen, es werden jedoch immer wieder auch andere Ansätze auf ihre präventive Eignung untersucht. Psychologen um Shadi Beshai von der University of Calgary (Kanada) haben 24 einschlägige Studien ausgewertet und versucht, die Wirksamkeit einiger Verfahren im Hinblick auf die Rückfallprävention zu bewerten:

  • Die kognitive Therapie setzt an dysfunktionalen Gedanken und Einstellungen an und nutzt als Methode unter anderem die kognitive Restrukturierung. In der Praxis wird sie oft mit Verhaltenstherapie oder Trainings zur Verbesserung bestimmter Kompetenzen kombiniert oder wird in Form spezieller Programme und Varianten (zum Beispiel Coping with Depression) durchgeführt. Sie ist sowohl als alleinige Therapie als auch in Kombination mit Psychopharmaka wirksamer als Psychopharmaka allein, insbesondere in schwereren Fällen. Es gibt jedoch Hinweise, dass die präventive Wirkung durch akute, negative Lebensereignisse vermindert wird.
  • Die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (MBCT) wurde explizit zur Verhinderung von Rückfällen bei Depressionen entwickelt. Sie propagiert, gegen die Störung nicht anzukämpfen, sondern sie bewusst wahrzunehmen und als einen Teil des eigenen Lebens zu akzeptieren. Laut Beshai und Kollegen hat sich die MBCT als wirksam erwiesen, allerdings hilft sie am besten Patienten mit chronischen Depressionen und mehreren Krankheitsepisoden. Als Grund vermuten die Wissenschaftler, dass Patienten, die den Kampf gegen die Störung infolge schwerer Beeinträchtigungen weitgehend aufgegeben hätten, eher bereit wären, sich auf diesen Ansatz einzulassen, als weniger beeinträchtigte Patienten.
  • Die interpersonelle Therapie (IPT) ist ebenfalls zunächst speziell zur Behandlung und Rückfallprävention bei Depressionen entwickelt worden. Sie konzentriert sich auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und Kompetenzen der Betroffenen und versucht, in diesem Bereich Lösungen herbeizuführen. Auch mit Hilfe der IPT können Rückfälle wirksam verhindert werden, vor allem wenn Einfluss auf das soziale Umfeld ausgeübt werden kann. Negative Ereignisse, die außerhalb sozialer Einflussmöglichkeiten liegen, reduzieren hingegen die präventive Wirksamkeit der IPT.
  • Das Cognitive-Behavioral Analysis System of Psychotherapy integriert verhaltenstherapeutische, interpersonelle und psychodynamische Ansätze und wurde ebenfalls zur Behandlung von Depressionen entwickelt. Auch hier konnten bereits Wirksamkeitsnachweise erbracht werden.

Nach Beshai und Kollegen sind alle genannten Therapieansätze prinzipiell dazu geeignet, Rückfälle wirksam zu verhindern. Allerdings hängt es von verschiedenen Faktoren ab, ob die Ansätze tatsächlich greifen, zum Beispiel von der Schwere der Erkrankung, von der Anzahl der Rückfälle und vom Auftreten negativer Lebensereignisse. Als Risikofaktoren gelten darüber hinaus das Fortbestehen von Residualsymptomen, Komorbiditäten, geringe soziale Anpassung und dysfunktionale kognitive Schemata. Als protektive Faktoren werden unter anderem Wohlbefinden, soziale Unterstützung und Achtsamkeit angesehen.

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Da es bis jetzt keine gesicherte Rückfallprävention für alle Patienten gibt, werden immer wieder neue Wege beschritten, beispielsweise werden nicht klinische und noch kaum untersuchte Methoden mit bewährten Verfahren kombiniert. „Zudem muss an individuell relevanten Risikofaktoren für das Wiederauftreten von Depression angesetzt werden, um Rezidive zu verhindern“, meinen die Psychologen Anne Katrin Risch und Ulrich Stangier von der Universität Jena. Darüber hinaus sollten auch die vielfältigen Möglichkeiten des Internets und der Selbsthilfe künftig stärker berücksichtigt werden.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Beshai S, Dobson K, Bockting C, Quigley L: Relapse and recurrence prevention in depression. Clinical Psychology Review 2011; 31(8): 1349–60.
2.
Holändare F, Johnsson S, Randestadt M, Tillfors M, Carlbring P, Andersson G, Engström I: Randomized trial of internet-based relapse prevention for partially remitted depression. Acta Psychiatrica Scandinavica 2011; 124(4): 285–94.
3.
Risch AK, Stangier U: Neuere kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze zur Rückfallprävention bei rezidivierender Depression. Verhaltenstherapie 2006; 16(4): 275–81.
1.Beshai S, Dobson K, Bockting C, Quigley L: Relapse and recurrence prevention in depression. Clinical Psychology Review 2011; 31(8): 1349–60.
2.Holändare F, Johnsson S, Randestadt M, Tillfors M, Carlbring P, Andersson G, Engström I: Randomized trial of internet-based relapse prevention for partially remitted depression. Acta Psychiatrica Scandinavica 2011; 124(4): 285–94.
3.Risch AK, Stangier U: Neuere kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze zur Rückfallprävention bei rezidivierender Depression. Verhaltenstherapie 2006; 16(4): 275–81.

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