ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2012Psychoanalyse: Hohe Qualität und vielfältige Themen

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Psychoanalyse: Hohe Qualität und vielfältige Themen

Habibi-Kohlen, Delaram

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Den Schwerpunkt des deutschen Auswahlbandes des International Journal of Psychoanalysis bilden in diesem Jahr der Körper und sein Stellenwert in der klinischen Arbeit und der psychoanalytischen Theoriebildung. Die Auswahl besticht durch hohe Qualität und die Vielfalt der Themen.

Vorangestellt wird diesen Arbeiten der „Brief aus Paris“ von Marilia Aisenstein, griechisch-französische Lehranalytikerin mit dem Schwerpunkt Psychosomatik. Sie gibt einen Überblick über die Entwicklung der französischen Institutslandschaften. Interessant ist ihr dialektisches Verständnis der französischen Entwicklung: Während Lacan die Sprache und den Signifikanten betont, stellt die französische Psychosomatik eher wie in einer Ergänzungsreihe den Affekt und die Identifikation in den Mittelpunkt.

Lombardi und Pola beschreiben die zentrale Bedeutung des Körpers in der Adoleszenz. Nahezu regelhaft sind passagere psychotische Prozesse aufgrund der stürmischen Konflikte zwischen Trennungsanforderungen und Erfahrungen von Begrenztheit einerseits und verstärkter Triebe andererseits, was katastrophische Veränderungen darstellt. Sensibel veranschaulichen die Autoren, wie wichtig die Zurückhaltung in Bezug auf Übertragungsdeutungen hier ist, da der adoleszente Patient zunächst einmal „Rudimente eines funktionierenden psychischen Metabolismus“ aufbauen muss.

Germano Vollmer jr. und Antonio Carlos J. Pires beschäftigen sich in „Produktive und störende Turbulenzen im Feld der Supervision“ mit stagnierenden Supervisionen. Hier werden gemeinsame psychische Schmerzen bei Supervisand und Supervisor abgewehrt, so dass eine unbewusste Kollusion entsteht. Interessant dabei ist, dass sich die Autoren nicht auf das projektiv Identifikatorische beschränken, also auf eine Übertragungsverlängerung hinein in die Supervision, sondern auch eigene Übertragungen des Supervisors auf den Patienten, Supervisanden und den gemeinsamen Kontext (Ausbildungsinstitut, Kollegen) nicht ausklammern.

Ein Juwel in diesem Band: Adele Abella verhilft in ihrem Aufsatz „Zeitgenössische Kunst und Hanna Segals Überlegungen zur Ästhetik“ zu neuen Einsichten zum Stellenwert zeitgenössischer Kunst. Sie liefert in einem Bogen eine Synopsis ausgehend von Freuds kunsttheoretischen Schriften (Kunst als Sublimierung) über Hanna Segals Gedanken, die über Freud hin- ausweisen (Kunst als Wiedergutmachung aggressiver Impulse, die durch die formale Ästhetik im Kunstwerk bewältigt werden) bis zu eigenen Reflexionen zur zeitgenössischen Kunst, die die formale Ästhetik gewollt verwirft. Sie provoziert eine seelische Transformation durch die Differenz zwischen dem Wunsch nach Befriedigung, Abrundung und Auflösung in Harmonie und deren Ausbleiben. Delaram Habibi-Kohlen

Angela Mauss-Hanke (Hrsg.): Internationale Psychoanalyse 2011. Ausgewählte Beiträge aus dem International Journal of Psychoanalysis, Band 6. Psychosozial-Verlag, Gießen 2011, 310 Seiten, broschiert, 29,90 Euro

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