ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2012Körperbilder: Pierre-Auguste Renoir (1841–1919) – Ambiguität der Gefühle

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Pierre-Auguste Renoir (1841–1919) – Ambiguität der Gefühle

Dtsch Arztebl 2012; 109(24): [116]

Schuchart, Sabine

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Pierre-Auguste Renoir: „Le garçon au chat“ („Der Junge mit der Katze“), 1868, Öl auf Leinwand, 123 × 66 cm: Den einzigen männlichen Akt im Frühwerk Renoirs könnte man auf den ersten Blick auch für ein Mädchen halten. So androgyn wirkt der nackte Körper des Jünglings, so feinsinnig und verträumt sein Gesicht, das er zärtlich an eine Katze schmiegt. Der schwarze Hintergrund und die kalte Farbpalette verweisen auf den künstlerischen Einfluss Manets, dem der junge Renoir nacheiferte. RMN (Musée d’Orsay) / René-Gabriel Ojéda
Pierre-Auguste Renoir: „Le garçon au chat“ („Der Junge mit der Katze“), 1868, Öl auf Leinwand, 123 × 66 cm: Den einzigen männlichen Akt im Frühwerk Renoirs könnte man auf den ersten Blick auch für ein Mädchen halten. So androgyn wirkt der nackte Körper des Jünglings, so feinsinnig und verträumt sein Gesicht, das er zärtlich an eine Katze schmiegt. Der schwarze Hintergrund und die kalte Farbpalette verweisen auf den künstlerischen Einfluss Manets, dem der junge Renoir nacheiferte. RMN (Musée d’Orsay) / René-Gabriel Ojéda

Viel ist nicht bekannt über dieses ungewöhnliche Aktbild Renoirs, in dem ein graziler Jüngling dem Betrachter seinen perlmutterfarbenen Hintern zuwendet und das so gar nicht an die schwülstigen Frauenkörper seiner späteren Jahre erinnert. Modell dafür stand vermutlich der elfjährige Felix Tréhot, der Bruder seiner langjährigen Geliebten Lise Tréhot. Renoir malte in seinen Anfangsjahren fast ausschließlich Frauenakte, für die Lise oder professionelle Modelle posierten. Seinem einzigen männlichen Akt verlieh er sehr feinsinnige, elegante Züge. Scheu, in sich gekehrt, rätselhaft, auch ein wenig lasziv blickt der Junge aus dem Bild. Seine Körpersprache unterstreicht seine Gefühle: Schamhaft überkreuzt er seine Beine und kann die unnatürliche, unbequeme Pose nur aushalten, indem er sich mit den Armen auf einem Tisch abstützt.

Unverkennbar ist der Einfluss von Renoirs Vorbild Édouard Manet und dessen fünf Jahre zuvor entstandenem Skandalbild „Frühstück im Grünen“, das eine nackte Frau mit zwei bekleideten Kavalieren beim Picknick zeigt. Wie Manet lässt Renoir den bloßen Leib in krassem Kontrast zum schwarzem Hintergrund aufleuchten. Auch sein Akt stellt eine reale Person dar und ist an keine mythologische oder göttliche Figur geknüpft, wie es bis dahin üblich war und vom Publikum erwartet wurde. Renoir, am Anfang seiner Karriere stehend und hin- und hergerissen zwischen seiner ärmlichen Herkunft, dem künstlerischen Boheme-Milieu, in dem er verkehrte, und der bourgeoisen Pariser Gesellschaft, ging aber nicht ganz so weit. Er stellte seinen Jüngling in ein bürgerliches Interieur mit prachtvoll ornamentierter Tischdecke und verzichtete auf die Zurschaustellung jedweder Geschlechtsmerkmale. Doch gerade aus der Ambiguität des nackten Körpers erwächst eine Art sexueller Zwiespältigkeit, die den Künstler als subtilen Beobachter der Gefühlswelt seines Gegenübers ausweist.

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Das 1868 entstandene bittersüße, alles andere als süßliche Motiv gehört zum neu entdeckten Frühwerk Renoirs. Das Kunstmuseum Basel präsentiert die Porträts, Landschaften und Stillleben der 1860er und 1870er Jahre diesen Sommer in einer Überblicksschau und will so mit dem zuckrigen Image des Impressionisten aufräumen, das einer adäquaten Rezeption seiner großartigen Malerei manchmal im Wege steht. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Renoir. Zwischen Bohème und Bourgeoisie: Die frühen Jahre“

Kunstmuseum Basel, St. Alban-Graben 16, CH-4010 Basel

Di.–So.10–18 Uhr

www.kunstmuseum-basel.ch

bis 12. August

„Renoir. Zwischen Bohème und Bourgeoisie: Die frühen Jahre“, Katalog zur Ausstellung Basel, geb. Ausgabe, 302 S., Hatje Cantz; 49,80 Euro

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