ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2012Medizinische Wissenschaft: Ein durchaus ungewöhnliches Werk

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Medizinische Wissenschaft: Ein durchaus ungewöhnliches Werk

Dtsch Arztebl 2012; 109(24): A-1245

Konitzer, Martin

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Der Münsteraner Emeritus für „Theorie der Medizin“ legt mit diesem Handbuch, Frucht 40-jähriger Arbeit, sein Opus magnum vor – „not light reading“, wie er eingangs einräumt. Sadegh-Zadeh beansprucht mittels analytischer Philosophie, das heißt konzeptioneller und logischer Analyse, die logischen Grundlagen medizinischer Wissenschaft darzustellen. Als Einstieg dient ihm eine Mangelerfahrung aus Studienzeiten, die er an fünf Fehldiagnosen kasuistisch illustriert: den Mangel nämlich an genereller klinischer Entscheidungslehre und Systematik der Diagnose. Damit steht er in der Tradition klinischer Reformer und theoretischer Stichwortgeber der 70er Jahre, wie R. N. Braun, R. Gross, F. Hartmann, Th. von Uexküll.

In sieben Kapiteln (Sprache, Patient, Wissen, Ethik, Logik, Ontologie, Wissenstheorie) und einem logischen Anhang bringt Sadegh-Zadeh sein Anliegen anders zur Durchführung als die genannten Altvorderen – allerdings mit verwandten Schlussfolgerungen. Seine Vorgehensweise sei für den Terminus „Evidence based Medicine“ (EBM) verdeutlicht. Zunächst wird im Kapitel „Klinische Praxis/Therapie“ konzeptionsanalytisch sowohl das Bedeutungsfeld von „evidence“ umschritten als auch mittels sozialem Konstruktivismus gemäß L. Fleck (Denkstil, Denkkollektiv) und Th. Kuhn (Paradigma) EBM als soziales Phänomen betrachtet. Im Kapitel „Medizinisches Wissen“ formuliert Sadegh-Zadeh dann mittels formalisierter Prädikatenlogik einige Sätze zu „What evidence is“ und „What evidence is not“, um zu dem Schluss zu kommen, dass „evidence“ als Basierung medizinischen Wissens ein „misnomer“ ist, handelt es sich im logischen Verständnis doch nicht um individuelle „evidence“, sondern um „general hypotheses“ aufgrund von Studienergebnissen an Kollektiven.

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Man lasse sich als interessierter Leser von der Formellastigkeit weiter Abschnitte des Buches nicht abschrecken – der logische Anhang hilft weiter. Gleiches gilt für die englische Sprache. Es ließe sich darüber streiten, warum ein so deutlich in deutscher Tradition medizinischer Theoriebildung stehendes Werk in englischer Verpackung daherkommen muss. Das hieße aber zu verkennen, dass der Autor die Bausteine seines jetzigen Gebäudes seit 40 Jahren in englischsprachigen Journalen publiziert. Schließlich bleiben aber die Hürden des Preises, des Umfangs.

Ein unkonventioneller Vergleich mit einem anderen Folianten sei daher abschließend gewagt: „Zettels Traum“ (Arno Schmidt) galt zunächst als so unverständlich wie unverkäuflich in der literarischen Öffentlichkeit. Auch von dem an Theoriebildung interessierten Teil der medizinischen Öffentlichkeit mag angesichts von Sadegh-Zadehs ungewöhnlichem und sperrigem Werk zunächst eine ähnliche Reaktion zu erwarten sein, bevor die Akzeptanz gelingt, die dem Buch zu wünschen ist. Martin Konitzer

Kazem Sadegh-Zadeh: Handbook of Analytic Philosophy of Medicine. Springer, Dordrecht, Heidelberg 2012, 1125 Seiten, gebunden, 426,93 Euro

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