ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2012E-Health: Weg von der Karte, hin zu den Anwendungen

POLITIK

E-Health: Weg von der Karte, hin zu den Anwendungen

Dtsch Arztebl 2012; 109(24): A-1219 / B-1047 / C-1039

Krüger-Brand, Heike E.

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Medienbrüche und Fragmentierung in der Medizin lassen sich mittels Gesundheitstelematik überwinden. Zudem könnte ihr Einsatz jungen Ärzten die Niederlassung auf dem Land erleichtern. Foto: Fotolia/18percentgrey
Medienbrüche und Fragmentierung in der Medizin lassen sich mittels Gesundheitstelematik überwinden. Zudem könnte ihr Einsatz jungen Ärzten die Niederlassung auf dem Land erleichtern. Foto: Fotolia/18percentgrey

Spannender als das Thema elektronische Gesundheitskarte ist inzwischen die Frage, welche Lösungen auf Basis der Infrastruktur möglich und nötig sind.

Wenn über Telematik und Telemedizin diskutiert wird, dreht sich inzwischen längst nicht mehr alles um die elektronische Gesundheitskarte (eGK). Das Thema der Einführung der Karte haben viele Experten bereits abgehakt, wie bei der „eHealth Conference 2012“ in Saarbrücken festzustellen war. Die Fachtagung mit circa 300 Teilnehmern aus Selbstverwaltung, Politik, Wissenschaft und Industrie wurde gemeinsam von der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung e.V., dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und dem Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Saarlandes veranstaltet.

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„Das Flaggschiff von E-Health bleibt die eGK, und für die Verbreitung ist 2012 ein ganz entscheidendes Jahr“, meinte zwar Andreas Storm (CDU), Ge­sund­heits­mi­nis­ter des Saarlandes. Auch gelte es immer wieder, die Diskussion um die Technologie zu führen, das hätten nicht zuletzt die Beschlüsse des Deutschen Ärztetages in Nürnberg erneut gezeigt. Dennoch gebe es eine klare Zielsetzung seitens des BMG für eine Flächendeckung der Karte sowie einen Zeitplan der Betreibergesellschaft gematik für die Online-Struktur und der auf ihr basierenden Anwendungen. „Für die Akzeptanz ist es jetzt äußerst wichtig, möglichst rasch Anwendungen der Karte zu realisieren“, betonte Storm.

Der Fokus sei auf die Chancen zu richten, die sich mit Telematik und Telemedizin verbinden, hob BMG-Staatssekretär Thomas Ilka in seinem Vortrag hervor. Die eGK sei eine gute Grundlage vor dem Hintergrund der notwendigen Tele­ma­tik­infra­struk­tur. „Wenn wir die Karte erst einmal haben, werden sukzessive weitere Anwendungen hinzukommen“, sagte Ilka. „Datenschutz wird dabei immer ein Thema sein. Daran wird kein Weg vorbeiführen“, betonte er. Die Ausschreibungen für die geplanten Feldtests, die zunächst die Online-Aktualisierung der Versichertenstammdaten und die qualifizierte elektronische Signatur umfassen, sind laut Ilka auf gutem Weg. Die Abgabefrist hierfür lief Ende Mai 2012 aus. Die Vergabe an Industriekonsortien soll planmäßig im vierten Quartal abgeschlossen werden.

Kommunikationsbedarf an vielen Stellen

Mit Blick auf die Medienbrüche und die vorherrschende Fragmentierung in der Medizin lässt sich an vielen Stellen ein Bedarf an Telematik und Telemedizin ausmachen. Darauf verwies der Telematikbeauftragte der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Dr. med. Franz-Joseph Bartmann. „Wir haben eine hochdifferenzierte Diagnostik, die auf digitalen Daten beruht“, erläuterte er. Der „Wahnsinn“ sei: Die Daten werden digital erhoben, anschließend analogisiert und in Form eines Briefes weitergegeben. Um sich abzusichern, wiederhole ein Arzt eher Untersuchungen, als dass er sich auf Fremddaten verlasse. Dabei sind die Prioritäten von schwerkranken Patienten oftmals andere als von Gesunden: „Patienten, die ernsthaft krank und existenziell bedroht sind, die versuchen doch – unter Preisgabe ihrer Identität – in Internetforen, in Chats oder bei Facebook den rettenden Strohhalm zu finden. Bei denen spielt das, was im Hinblick auf eine eventuelle Datenproblematik diskutiert wird, überhaupt keine große Rolle mehr“, gab Bartmann zu bedenken. Jeder Übertritt eines Patienten von einem Segment ins nächste stelle derzeit jedoch ein Problem dar. Will der Hausarzt bei einem schwierigen Fall etwa den Rat eines Experten einholen, ist dafür ein eigenes KV-Formular erforderlich. Für die Überwindung dieser Fragmentierung des Gesundheitswesens sind aus Sicht des BÄK-Experten daher verlässliche und verfügbare Informationen erforderlich.

Ein weiteres Szenario, das den Bedarf an Telematik verdeutlichen kann, ist nach Bartmann der Fachärztemangel auf dem Land: Hier würde die Angst der jungen Leute vor beruflicher Isolation viel zu wenig berücksichtigt. „Das ist die Generation 85plus, die hat von der Kita bis zur Weiterbildung im Krankenhaus immer kooperativ zusammengearbeitet, und das sollen sie plötzlich mitten auf dem platten Land aufgeben?“ Mit telematischen und telemedizinischen Verfahren wären sie hingegen in der Lage, diese Isolation zu durchbrechen, indem sie Probleme mit anderen, sogar in Echtzeit, teilen könnten. Weitere Potenziale der Telematik liegen Bartmann zufolge in der Verbesserung der Effektivität in der Notfallbehandlung durch besser verfügbare Daten sowie in Telekonsultationsnetzwerken bei niedergelassenen Haus- und Fachärzten. Der interkollegiale Austausch könne hier die Qualitätssicherung und auch die Attraktivität der Niederlassung erhöhen.

Gesundheitsökonomischer Nachweis ist schwierig

Wenn der Bedarf da ist, warum gibt es nicht mehr Telemedizin? „Telemedizin ist nicht umsonst“, meinte Dr. Norbert Rösch, Centre de Recherche Public Henri Tudor, Luxemburg. Seiner Ansicht nach lassen sich die sozio- und gesundheitsökonomischen Vorteile telemedizinischer Anwendungen nur schwer in Pilotstudien nachweisen. Dies seien künstlich geschaffene Umgebungen, Lösungen auf Zeit, häufig verbunden mit hohen Betriebskosten, da die Technologie nur in geringen Stückzahlen produziert wird. Die Politik müsse daher ein klares Bekenntnis zur Telemedizin als Versorgungsoption ablegen, forderte Rösch. Das erzeuge Planungssicherheit und fördere beispielsweise auch die Integration der Hausärzte.

Das Saarland ist ein gutes Beispiel dafür, dass Gesundheitstelematik nicht an den Grenzen haltmachen kann, da Gesundheitsleistungen auch grenzüberschreitend in Anspruch genommen werden. Informations- und Kommunikationstechnologien, die für nationale Gesundheitssysteme entwickelt werden, müssen künftig zunehmend auch europaweit nutzbar sein. Einerseits arbeiten die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) daran, Grundlagen für interoperable Kommunikationslösungen zu schaffen, andererseits gibt es bereits zahlreiche regionale Absprachen und vorhandene Infrastrukturen zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, die integriert werden müssen.

Europäische Entwicklungen mitgestalten

Drei Aufgaben stehen innerhalb der EU auf der Agenda, berichtete Dr. Matthias von Schwanenflügel, Leiter der Unterabteilung Haushalt, Recht und Telematik im BMG: die Umsetzung der Patientenmobilitätsrichtlinie, die digitale Agenda und die E-Health Governance Initiative. Aus Sicht des Ministeriums gibt es zwei Gründe für Deutschland, sich an diesen Aktivitäten zu beteiligen: „Wir wollen mitgestalten und die Erfahrungen, die wir in Deutschland zum Beispiel mit dem Datenschutz gesammelt haben, auf der EU-Ebene einbringen“, betonte von Schwanenflügel. An den hohen Sicherheitsanforderungen, die in Deutschland gelten und technisch umgesetzt werden sollen, will das BMG keine Abstriche machen, sondern vielmehr auch die europäischen Kollegen davon überzeugen. So habe der Bundesdatenschutzbeauftragte im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages kürzlich noch einmal dargestellt, warum die eGK ein Mehr an Datenschutz bedeute, „und das transportieren wir auf die EU-Ebene“, erklärte von Schwanenflügel. Daneben gehe es um die Synchronisierung der europäischen Maßnahmen, etwa im Hinblick auf die Frage der Interoperabilität, um Insellösungen zu vermeiden.

Ein wichtiges EU-Projekt ist dabei die E-Health Governance Initiative, die von 2011 bis 2014 von der EU-Kommission finanziert wird und an der sich 26 Mitgliedstaaten beteiligen. Ziel ist es, die Entwicklung und den Einsatz von elektronischen Gesundheitsdienstleistungen in den Mitgliedstaaten strategisch-politisch zu steuern. Erarbeitet werden sollen unter anderem Lösungen zur elektronischen Identifikation (Authentisierung, eID). Das zweite Arbeitsgebiet ist die semantische und technische Interoperabilität. In dieser Arbeitsgruppe hat Deutschland den Vorsitz. Die Initiative sei zwischenzeitlich in dem E-Health-Netzwerk nach Art. 14 der Patientenmobilitätsrichtlinie aufgegangen, erläuterte von Schwanenflügel. Das Signal: „Das Thema E-Health und alles, was damit zusammenhängt, ist eine politische Frage, weil es zentrale Auswirkungen für die gesundheitliche Versorgung in den Mitgliedstaaten hat.“

Das dritte E-Health-Projekt ist epSOS (European Patients’ Smart Open Services). Dabei geht es darum, Patientendaten elektronisch grenzüberschreitend auszutauschen und die Möglichkeiten eines integrierten europäischen Versorgungsraums zu erproben. Arbeitsschwerpunkte sind das elektronische Rezept und die Patientenkurzakte. Das Projekt wurde nach dem Ende der ersten Phase bis 2013 verlängert. Deutschland war aufgrund von datenschutzrechtlichen Bedenken bei den Tests bislang nicht dabei, will sich aber ab 2013 an der Patientenkurzakte beteiligen, da die deutschen Sicherheitsanforderungen inzwischen berücksichtigt werden.

Heike E. Krüger-Brand

Saarbrücker Erklärung

Als ein Ergebnis der „eHealth Conference 2012“ werden die folgenden Thesen zum Einsatz von Telematik und Telemedizin der 85. Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder, die Ende Juni 2012 unter Vorsitz des Saarlandes in Saarbrücken tagt, zur Abstimmung vorgelegt:

  • Nutzerorientierte Anwendungen für Ärzte und Patienten sichern die Akzeptanz und den breiten Einsatz.
  • Die Tele­ma­tik­infra­struk­tur muss verbindlich nach dem vorliegenden Zeitplan (Testphase Sommer 2013 – Rollout Sommer 2014) und in festgelegten Schritten realisiert werden.
  • E-Health-Anwendungen verbessern langfristig die Versorgung, reduzieren vermeidbare Kosten und stärken die Patienten.
  • Die Mitgliedstaaten sollen dafür sorgen, dass die europäische Gesamtstrategie Raum für einzelne nationale und grenzüberschreitende Lösungen lässt.
  • Kommunikative Qualität muss als medizinische Kernkompetenz verstanden werden.
  • Datenschutz sichert Akzeptanz und ist impliziter Bestandteil des Prozesses.

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