ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2012Mengenentwicklung in den Kliniken: Kritik an falschen Anreizen

POLITIK

Mengenentwicklung in den Kliniken: Kritik an falschen Anreizen

Dtsch Arztebl 2012; 109(24): A-1211 / B-1041 / C-1033

Rieser, Sabine

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Der Sommer mag kühl sein – die Debatte um OP-Zahlen und Preisforderungen der Kliniken verläuft hitzig. Dazu trägt ein Gutachten bei, wonach Kliniken in den letzten Jahren zusätzliche Leistungen vor allem aus finanziellen Gründen erbracht haben.

Deutschlands Bevölkerung wird älter, kränker und damit automatisch teurer in der stationären Versorgung – diese einfache Gleichung schätzen Gesundheitsökonomen nicht sonderlich. Das trifft auch auf Dr. Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) zu, der vor kurzem eine Studie zu Mengenentwicklung und Mengensteuerung von Krankenhausleistungen präsentierte. In Auftrag gegeben hatte sie der GKV-Spitzenverband. Nach Auffassung von Augurzky und Mitautoren sind die gestiegene Anzahl von Krankenhausfällen und der jeweils abgerechnete Schweregrad nicht unabänderlich.

Zwischen 2006 und 2010 sei die Zahl der Fälle um 8,1 Prozent gestiegen, die Summe aller Casemixpunkte um insgesamt 13 Prozent, rechnete der RWI-Experte vor. Basis des Casemix sind gewichtete Fallzahlen, für die man mit Hilfe von Alters- und Geschlechtsstandardisierungen prüfen kann, welcher Anteil der Steigerung auf den demografischen Wandel zurückgeht. „Über die Bevölkerungsentwicklung allein ist dieses Wachstum nicht erklärbar“, betonte Augurzky. 40 Prozent des Anstiegs lassen sich seiner Darstellung nach auf die demografische Entwicklung zurückführen, 60 Prozent auf andere Faktoren. Dazu zählten der medizinisch-technische Fortschritt, aber auch ökonomische Anreize.

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Die RWI-Fachleute analysierten, dass vor allem Erkrankungen des Kreislaufsystems und des Muskel-Skelett-Systems/Bindegewebes Treiber des Mengenwachstums sind. Auffällig war zudem, dass Krankenhäuser mit einem hohen Basisfallwert im Durchschnitt signifikant höhere Fallzahlen erbrachten als Häuser mit einem niedrigen. Nachweisen lassen sich nach Augurzky auch Mengenausweitungen bei bestimmten DRG – nämlich jenen, bei denen sich wegen der Kostenstruktur durch zusätzliche Patienten auch tatsächlich mehr Geld verdienen lässt.

Dr. Wulf-Dietrich Leber, Leiter der Abteilung Krankenhäuser des GKV-Spitzenverbands, formulierte weniger zurückhaltend seine Schlüsse: „Man muss immer mehr aufpassen, dass man nicht unters Messer kommt“, kommentierte er die Ergebnisse des RWI. „Vieles deutet darauf hin, dass in den Kliniken aufgrund ökonomischer Anreize medizinisch nicht notwendige Leistungen erbracht werden“, ergänzte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GVK-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg. „Wir brauchen kurzfristig eine Stabilisierung von Preis und Menge, und wir brauchen mittelfristig neue Modelle zur Steuerung der Mengen, insbesondere im Bereich planbarer Operationen.“

Der Vorstoß kommt nicht von ungefähr. Am 14. Juni (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) soll das Psychiatrie-Entgeltgesetz im Bundestag verabschiedet werden. Angehängt an das eigentliche Vorhaben werden aber noch mehrere andere Themen, unter anderem Vorschläge zur Mengenbegrenzung im Krankenhaus (Kasten). Doch das, was die Regierungsfraktionen vorschlagen, geht den Krankenkassen nicht weit genug. Sie fordern weiterhin, Selektivverträge für planbare stationäre Leistungen abschließen zu dürfen.

Und mehr: Augurzky und Co. schlagen vor, den Kliniken eine Art Tauschhandel mit Operationsberechtigungen zu ermöglichen, neutraler als Zertifikatehandel für Casemix-Punkte bezeichnet. Jede Klinik würde anfangs Zertifikate erhalten, um eine bestimmte Anzahl von Casemixpunkten mit den Krankenkassen abrechnen zu können. Diese könnten dann frei zwischen den Häusern gehandelt werden: Wer weniger Casemixpunkte abrechnen möchte und kann, könnte die Berechtigung dazu einer anderen Klinik verkaufen. Die Spielregeln würde eine neue „Bundesagentur für Zertifikatehandel“ überwachen – alles andere als ein einfaches, unbürokratisches Verfahren.

Sabine Rieser

VORSCHLÄGE DER KOALITION

Derzeit kursieren mehrere Vorschläge, wie Union und FDP die Mengen- und Preisentwicklung in den Krankenhäusern beeinflussen wollen.

  • Mehrleistungsabschlag: Wird von einem auf zwei Jahre verlängert. Statt 30 Prozent soll von 2013 an ein Abschlag von 25 Prozent gelten.
  • Forschung: Die Selbstverwaltungspartner auf Bundesebene vergeben einen gemeinsamen Forschungsauftrag, um die Leistungsentwicklung und bestehende Einflussgrößen zu untersuchen. Ergebnisse sollen bis zum 30. 6. 2013 vorliegen.
  • Tariferhöhungen: Die Tarifsteigerungen 2012 sollen den Kliniken anteilig finanziert werden.
  • Orientierungswert: Ein Veränderungswert, der die Kostenentwicklung in den Krankenhäusern anteilig abbildet, soll ab 2013 die Grundlohnrate als Obergrenze für den Anstieg des Landesbasisfallwerts ersetzen.
  • Krankenhauseinweisungen: Versicherte sollen für eine Krankenhausbehandlung keine Zuzahlung mehr leisten müssen, wenn sie ein von der Kasse gewähltes Krankenhaus aufsuchen.

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