ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2012Oropharynxkarzinom: Patienten mit viraler Genese haben bessere Prognose

MEDIZINREPORT

Oropharynxkarzinom: Patienten mit viraler Genese haben bessere Prognose

Dtsch Arztebl 2012; 109(24): A-1236 / B-1062 / C-1049

Leinmüller, Renate

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Humane Papillomaviren sind in den USA zu etwa 80 Prozent Ursache für Oropharynxkarzinome. In Westeuropa liegen die Raten um 35 Prozent. Foto: picture alliance
Humane Papillomaviren sind in den USA zu etwa 80 Prozent Ursache für Oropharynxkarzinome. In Westeuropa liegen die Raten um 35 Prozent. Foto: picture alliance

HPV-assoziierte Oropharynxkarzinome unterscheiden sich sowohl molekularbiologisch als auch klinisch erheblich von HPV-negativen Karzinomen. Man diskutiert, ob es sich hierbei um eine eigene Tumorentität handelt.

Während Kopf-Hals-Tumoren früher überwiegend auf Nikotinabusus zurückgeführt wurden, gelten in den USA heute humane Papillomaviren (HPV) als wahrscheinliche Auslöser jedes zweiten Oropharynx- und jedes vierten Mundhöhlenkarzinoms. Bis 2020 wird eine Verdoppelung dieser Tumoren mit viraler Genese prognostiziert. In Deutschland liege ihr Anteil derzeit noch weitaus niedriger, erklärte Prof. Dr. med. Jens Klußmann, Gießen, im Vorfeld der 83. Jahreshauptversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Kopf- und Hals-Chirurgie in Mainz.

Er führte den Unterschied darauf zurück, dass in den USA und Skandinavien bereits vor vielen Jahren erfolgreiche Antiraucher-Kampagnen liefen. Damit wurde der wichtigste Risikofaktor für diese Tumoren zurückgedrängt – als Folge erhält ein anderer nun mehr Gewicht.

Bei systematischen Untersuchungen über einen Zeitraum von 15 Jahren in den USA und im europäischen Ausland (SEER Residual Tissue Repositories Program) wurden humane Papillomaviren (HPV) nachgewiesen – speziell der onkogene Typ HPV-16, der bereits vom Zervixkarzinom bekannt ist (J Clin Oncol 2011; 29: 4294–301). Die Inzidenz des HPV-positiven Oropharynxkarzinoms stieg von 1988 bis 2004 um 225 Prozent an (von 0,8/100 000 auf 2,6/100 000). Gleichzeitig nahm die Inzidenz der HPV-negativen Oropharynxkarzinome im selben Zeitraum um 50 Prozent ab (von 2,0/100 000 auf 1,0/100 000). Außerdem ergab sich eine positive Assoziation zur Zahl der Sexualpartner, was auf ein verändertes Sexualverhalten mit besonderer Bedeutung oraler Praktiken hinweist. Nach Auffassung von Klußmann ist dies ein „starkes Argument“, die HPV-Impfung nicht nur für Mädchen, sondern auch für Jungen zu propagieren. Denn immerhin stehen Kopf-Hals-Tumoren bei Männern an vierter Stelle der bösartigen Neuerkrankungen.

Funktionserhalt ist ein Ziel

Ob diese HPV-assoziierten Oropharynxkarzinome als eigene Entität zu betrachten sind, ist derzeit noch unklar. Fest steht nach Angabe der HNO-Experten jedenfalls, dass betroffene Patienten im Mittel etwa zehn Jahre jünger sind und auch deshalb eine bessere Prognose (30 Prozent höhere Heilungschancen) und Überlebenszeit haben. HPV-positive Patienten hatten ein signifikant längeres medianes Gesamtüberleben als HPV-negative (131 versus 20 Monate; p < 0,001; Hazard Ratio 0,31). Spekulativ könnte eine De-Intensivierung der Therapie möglich sein, derzeit werden jedoch Tumoren mit positivem und negativem HPV-Nachweis nicht unterschiedlich behandelt.

Insgesamt stirbt derzeit aber trotz intensiver Therapien und interdisziplinärer Kooperation die Hälfte der Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren. Einen entscheidenden Durchbruch sieht Kongresspräsident Prof. Dr. med. Norbert Stasche, Kaiserslautern, allerdings beim Lokalrezidiv und bei Fernmetastasen: Erstmals seit 30 Jahren wurde hier durch die Einführung der Antikörpertherapie (Cetuximab) – in Kombination mit der platinbasierten Chemotherapie – ein längeres medianes Gesamtüberleben (etwa drei Monate) erzielt, ohne die Lebensqualität der Patienten zu beeinträchtigen.

Bei umschriebener Tumorausdehnung ist die Laserchirurgie Standard, wobei heute ein weitestgehender Funktionserhalt von Sprech- und Schluckorganen angestrebt wird. Bei Lymphknotenbefall und bei knappen Resektionsgrenzen wird eine adjuvante Radiochemotherapie vorgenommen.

Bei fortgeschrittenen Hypopharynx- und Larynxkarzinomen wird geprüft, ob der Kehlkopf durch eine platinbasierte Dreifachchemotherapie mit anschließender Radiatio zu erhalten ist. Wichtig für die Abwägung zwischen Spättoxizität der Chemotherapie und dem frühen Organverlust ist die Lebensqualität. Bei den larynxerhaltenden Therapiestrategien läuft auch eine Studie, bei der Cisplatin oder der Antikörper jeweils mit Radiatio nach einer Induktionschemotherapie verglichen wird.

Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige