ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2012Arzthaftpflicht: Prämien für Kliniken steigen

POLITIK

Arzthaftpflicht: Prämien für Kliniken steigen

Dtsch Arztebl 2012; 109(24): A-1214 / B-1044 / C-1036

Rieser, Sabine

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Mehr Patienten als früher verlangen nach einem vermuteten Behandlungsfehler Schadens- ersatz – die Anzahl der anerkannten Fälle steigt aber in viel geringerem Umfang. Versicherungsmakler Ecclesia rechnet gleichwohl vor, dass die Policen teurer werden.

Die Haftpflichtversicherer beobachten, dass sich die Zahl der Anträge auf Schadensersatz nach einem vermuteten Behandlungsfehler in den letzten Jahren deutlich erhöht hat. „Die Anzahl der begründeten Schadensfälle ist in den letzten Jahren aber nicht gestiegen“, stellte Manfred Klocke Anfang Juni klar. Der Hauptgeschäftsführer der Ecclesia Gruppe, des führenden Versicherungsmaklers im Gesundheitswesen, verwies auf eigene Daten. Danach wurden 1997 in knapp einem Promille der Behandlungsfälle im Krankenhaus Ansprüche geltend gemacht, 2006 dann ungefähr 1,5 Promille. Dies entspricht einer Steigerung um etwa 50 Prozent.

Während 1997 in 0,54 Promille der Fälle Schadensersatz gezahlt wurde, war dies 2006 in 0,6 Promille der Fälle notwendig. Dies entspricht einer Steigerung um lediglich elf Prozent. Ecclesia unterhält nach eigenen Angaben die größte Heilwesenschaden-Datenbank und wertet seit 15 Jahren kontinuierlich die Schäden von knapp 250 Krankenhäusern aus.

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Statt 350 in Zukunft 520 Millionen für Policen

Mehr anerkannte Schadensfälle zählt der Versicherungsmakler zwar nicht, aber: „Die Schäden werden alle teurer, und unter dieser Last stöhnt die Versicherungswirtschaft“, so Klocke. Die Krankenhäuser müssen aus Sicht von Ecclesia deshalb kurzfristig mit spürbaren Prämienerhöhungen für ihre Betriebshaftpflichtversicherungen rechnen. Statt 350 Millionen Euro wie bisher seien für alle Kliniken zusammen eher 520 Millionen Euro anzusetzen, sagte Klocke. Ausschlaggebend seien die enorm gestiegenen Kosten bei Großschäden, etwa in der Geburtshilfe.

Seinem Kollegen Franz-Michael Petry sei zuzustimmen, wenn er in einer Studie zu „Arzthaftung in Europa“ schreibe: „Der Arzthaftungsbereich befindet sich in einer geradezu paradoxen Situation. Durch die zunehmende Perfektionierung der Technik und die fortschreitende Spezialisierung der medizinischen Wissenschaft ist das medizinische Risiko ständig gesunken. Gleichzeitig hat sich jedoch das forensische Risiko für den Arzt, das heißt, die Gefahr, mit Schadensersatzansprüchen, Strafanzeigen und damit staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen überzogen zu werden, dramatisch erhöht.“

Fallzahlen der Heilwesenschäden (eigene Auswertung der Ecclesia Gruppe; 140 Krankenhäuser seit 1987)
Fallzahlen der Heilwesenschäden (eigene Auswertung der Ecclesia Gruppe; 140 Krankenhäuser seit 1987)
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Fallzahlen der Heilwesenschäden (eigene Auswertung der Ecclesia Gruppe; 140 Krankenhäuser seit 1987)

Klocke wies darauf hin, dass in Deutschland viele Verfahren außergerichtlich geregelt würden, vor allem mit Hilfe der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern. Deren Arbeit lobte der Versicherungsfachmann ausdrücklich. Er gab zudem zu bedenken, dass die Haftpflichtversicherer 2006 lediglich in etwa 10 000 Fällen Schadensersatz zahlen mussten – bei knapp 17 Millionen Behandlungsfällen im Krankenhaus. Die Zahl der belegten Todesfälle durch Behandlungsfehler lag bei knapp 1 200.

DKG fordert Ausgleich für höhere Haftpflicht

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) forderte angesichts der angekündigten Beitragssteigerungen für die Haftpflicht, diese bei der Finanzausstattung der Kliniken zu berücksichtigen. „Zu einer gut funktionierenden Krankenhausversorgung gehört auch ein faires Entschädigungsrecht, wenn Fehler passiert sind“, betonte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum. Die DKG setzt sich derzeit dafür ein, dass die Krankenhäuser mehr Geld erhalten, weil ihre Ausgaben gestiegen sind, unter anderem die für Personal- und für Energiekosten.

Der von der Versicherungswirtschaft angekündigte Prämienanstieg führe bei den Kliniken zu einer Verschärfung der ohnehin bestehenden Finanzierungsprobleme, warnte Baum. Schließlich könnten sie derartige Risikokosten nicht auf die Behandlungskosten umlegen. Er forderte, dies bei den Verhandlungen um mehr Geld zu bedenken und zudem in Zukunft solche Kosten in die Kalkulation des geplanten Orientierungswerts für die Kliniken aufzunehmen.

Klocke und Baum äußerten sich bei der Präsentation der Studie „Arzthaftung in Europa“, die Ecclesia und DKG gemeinsam in Auftrag gegeben hatten. Patienten, bei denen ein Behandlungsfehler anerkannt wurde, erhalten in Deutschland demnach höhere Entschädigungen als in den meisten anderen europäischen Ländern.

Sabine Rieser

Fallzahlen der Heilwesenschäden (eigene Auswertung der Ecclesia Gruppe; 140 Krankenhäuser seit 1987)
Fallzahlen der Heilwesenschäden (eigene Auswertung der Ecclesia Gruppe; 140 Krankenhäuser seit 1987)
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Fallzahlen der Heilwesenschäden (eigene Auswertung der Ecclesia Gruppe; 140 Krankenhäuser seit 1987)

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