ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2012Frauenheilkunde: Chefärztinnen gesucht!

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Frauenheilkunde: Chefärztinnen gesucht!

Dtsch Arztebl 2012; 109(24): A-1287 / B-1111 / C-1095

Martin, Wolfgang

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Wegen massiver personeller Probleme stellt sich in vielen Krankenhäusern die Frage, ob sie ihre Gynäkologie/ Geburtshilfe als klassische Hauptabteilungen weiterführen können.

Wegen des anhaltenden Ärztemangels gehen inzwischen auch auf Chefarztausschreibungen deutlich weniger Bewerbungen ein als noch vor zehn oder 15 Jahren. In keinem anderen Fachgebiet ist die Besetzung von Führungspositionen aber so schwierig geworden wie in der Frauenheilkunde. Die Nachfrageentwicklung der vergangenen Jahre verlief in der Frauenheilkunde ähnlich wie in den meisten anderen Fachgebieten: Nach einem regelrechten Ausschreibungsboom, der 2007 seinen Höhepunkt erreichte, ist die Zahl an Stellenanzeigen inzwischen wieder auf das Niveau des Jahres 2000 zurückgegangen. Dies bedeutet aber nicht, dass sich die Lage auf dem Stellenmarkt entspannt hat. Viele Vakanzen werden inzwischen gar nicht mehr per Anzeigenschaltung ausgeschrieben.

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Wie aber lässt sich die zunehmend geringe Resonanz auf Ausschreibungen von Führungspositionen speziell in der Frauenheilkunde erklären? Eine Begründung scheint auf der Hand zu liegen: In der Frauenheilkunde sind fast 60 Prozent der Beschäftigten weiblich; und wegen der Schwierigkeiten, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, verzichten die meisten Frauen „auf eine klinische Karriere“. Aber ist es wirklich so einfach?

Im Sommer 2010 wurden 12 000 Medizinstudierende dazu befragt, welche Faktoren gegen eine Tätigkeit im Krankenhaus sprächen. Die hohe Arbeitsbelastung und die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurden an erster Stelle genannt. Mehr als die Hälfte der Befragten beanstandete darüber hinaus die starren Hierarchien. Während im Hinblick auf die beiden ersten Kritikpunkte inzwischen allgemeiner Konsens ist, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht, wird den Führungsstrukturen bisher relativ wenig Beachtung geschenkt.

Dabei wirken sich die Vorbehalte gegenüber den hierarchischen Strukturen bereits heute auf die Karriereplanung von Ärztinnen und Ärzten aus – und es sind mehrheitlich Frauen, die die Konsequenzen ziehen. In der Folge bewerben sich relativ wenige Fachärztinnen auf Oberarztpositionen; auf Chefarztausschreibungen geht in vielen Fällen überhaupt keine Bewerbung einer Frauenärztin ein.

Hier sind die Krankenhäuser gefordert; wollen sie nicht auf Dauer den größten Teil des Bewerberpotenzials in der Frauenheilkunde verprellen. Ein Überdenken der tradierten Führungsstrukturen, hin zu flacheren Hierarchien und teamorientierten Modellen ist überfällig.

Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung haben im Wettbewerb um den Ärztenachwuchs einen besonders schweren Stand. Von vielen Ärztinnen und Ärzten wird die Überlebensfähigkeit der dortigen Abteilungen Gynäkologie/Geburtshilfe skeptisch beurteilt, so dass sie sich für größere Häuser entscheiden. Und die Aussicht, angesichts des zunehmenden Bewerbermangels irgendwann gänzlich ohne ärztliche Mitarbeiter dazustehen, steigert auch nicht die Bereitschaft, eine Chefarztposition in einem Haus der Grund- und Regelversorgung zu übernehmen. Gleichzeitig steigt mit zunehmender Personalknappheit die Arbeitsbelastung – auch und gerade für die Leitenden Ärztinnen und Ärzte. Geregelte Arbeitszeiten sind so immer schwieriger zu realisieren. Betroffen ist vor allem der Sektor Geburtshilfe, der naturgemäß besonders schwer planbar ist und wo geregelte Arbeitszeiten kaum zu verwirklichen sind.

Eine Besonderheit in der Frauenheilkunde besteht darin, dass in einigen Regionen die Grundversorgung in erster Linie von Belegabteilungen getragen wird. Diesem Modell stehen die nachrückenden Ärztinnen und Ärzte inzwischen jedoch sehr skeptisch gegenüber. Dies hat zum einen mit dem Thema „Arbeitsbelastung“ zu tun, aber besonders mit der als unzureichend empfundenen Honorierung; hierbei dürften auch die extrem hohen Prämien für die Berufshaftpflichtversicherung eine wichtige Rolle spielen. Viele Ärztinnen und Ärzte haben eher den Eindruck, dass das Belegarztsystem langsam, aber sicher zwischen ambulanter und stationärer Versorgung zerrieben wird, obwohl es eigentlich eine Brückenfunktion übernehmen könnte.

Angesichts massiver personeller und struktureller Probleme stellt sich inzwischen bei vielen Krankenhäusern die Frage, ob sie ihre Gynäkologie/Geburtshilfe als klassische Hauptabteilungen weiterführen können. Wie kann dann aber in Zukunft überhaupt noch eine flächendeckende medizinische Grundversorgung in der Frauenheilkunde gewährleistet werden? Die Entwicklungen auf dem ärztlichen Arbeitsmarkt belegen, dass dies nur unter Einbindung der niedergelassenen Frauenärztinnen und Frauenärzte vor Ort gelingen wird, sei es als klassische Beleg- oder als Konsiliarärzte. Dazu müsste es im Gegenzug aus Sicht der Krankenhäuser aber auch einfacher und praktikabler werden, dass Krankenhausärzte zur vertragsärztlichen Tätigkeit zugelassen werden.

Dr. Wolfgang Martin, Mainmedico GmbH, Consulting & Services, Frankfurt am Main

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