ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Umweltthema im April: Allergische Atemwegserkrankungen im Frühjahr

POLITIK: Aktuell

Umweltthema im April: Allergische Atemwegserkrankungen im Frühjahr

Eckel, Heyo; Hüttemann, Ulrich; Rink, Claus

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LNSLNS In den kommenden Frühsommerwochen wird in der Laienpresse wieder zu lesen sein, daß die Erhöhung der Ozonkonzentrationen – bedingt durch die einsetzenden Schönwetterperioden – für die Zunahme von Atemwegsbeschwerden verantwortlich sei. Es steht außer Frage: Mit dem Beginn des Flugs von Baum- und Sträucherpollen nimmt die Zahl der Asthmanotfälle deutlich zu. Insbesondere Birkenpollen, die in unseren Breiten zu den häufigsten Pollen im Frühjahr zählen, führen immer häufiger zu akuten asthmatischen Symptomen. Möglicherweise kommt der relativ plötzliche Beginn der Birkenpollensaison für viele Allergiker so überraschend, daß sie keine prophylaktische Medikation einsetzen. Dennoch bleibt die Zunahme von schweren Asthmaanfällen in den Frühjahrsmonaten unklar, so daß zu fragen ist, inwieweit ein pathologischer Synergismus zwischen Pollenflug und Luftschadstoffen, insbesondere Ozon, besteht. Neue Erkenntnisse weisen darauf hin, daß Ozon in bestimmten Konzentrationen bei Patienten mit allergischem Asthma zu einer Verstärkung der Beschwerden führen kann, wenn sie gleichzeitig unter starker körperlicher Belastung stehen. Dennoch ist noch völlig offen, welchen Einfluß Ozon auf die mögliche Zunahme allergischer Erkrankungen hat. Es liegen Ergebnisse von Tierexperimenten vor, wonach Ozon – ebenso wie zum Beispiel Schwefeldioxid (SO2), Stickoxide (NOx) und Passivrauchen – die IGE-Bildung gegen natürliche Allergene verstärken kann. Solchen experimentellen Beobachtungen stehen allerdings epidemiologische Aussagen diametral entgegen, wonach die zunehmende Asthmaprävalenz und -mortalität einer Abnahme der untersuchten Luftschadstoffe gegenübersteht (Beispiel: "Philadelphia-Studie" 1969 bis 1991).
Aber Pollen können nicht nur in Verbindung mit Ozon, sondern auch mit Luftschadstoffen gesundheitsschädliche Wirkungen entfalten. Eine möglicherweise verstärkte Trägerfunktion besitzen Schwebstäube – auch schon in sehr geringen Konzentrationen. Schwebstäube sind Staubteilchen, deren gesundheitsschädigende Wirkung insbesondere dann einsetzt, wenn sie kleiner als 10 µm sind (PM10). Solche Staubpartikel dringen wegen ihres geringen Durchmessers bis in die Alveolarprovinzen ein und können dort festgehalten werden. Es wird diskutiert, daß Schwebstäube in einem "quasi" additiven Synergismus mit Pollen über große Reichweiten – nämlich 300 bis 400 Kilometer – transportiert werden können und so nicht nur am Entstehungsort, sondern auch weit entfernt davon respiratorische Symptome bei Menschen auslösen können.
Möglicherweise ist die allergieauslösende Wirkung der Pollen gerade aus diesem Grund in Ballungsgebieten verstärkt. Neuere kontrollierte toxikologische und klinische Studien (Los Angeles) belegen einen Zusammenhang zwischen Schwebstaub PM10 und respiratorischen Symptomen – vorwiegend in den Sommermonaten. Die gesundheitsschädliche Wirkung von Schwebstäuben wird verständlich, da die bronchoalveoläre Deposition selbst bei niedrigen Konzentrationen (Immissionsbelastungen) vielfach höher ist als bei starker Einwirkung grobkörniger Stäube. Neue Untersuchungen aus Brisbane zeigen, daß eine hohe Korrelation zwischen Partikeln mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 µm und starken Asthmaperioden im Herbst besteht. Dabei wurde durch mikroskopische Untersuchungen und statistische Analyseverfahren der Einfluß der "Bioaerosole" mittels Ferntransport herausgestellt.
Da den Schwebstäuben wiederum eine Trägerfunktion für zahlreiche Fremdstoffe zukommt, insbesondere Metalloxyde, Schwermetalle, Aromaten und Aldehyde, müssen sie bei der toxikologischen und klinischen Bewertung von Luftschadstoffen auf Atemwegssymptome ebenso mitberücksichtigt werden wie die Pollenflugkonzentrationen. Dies setzt aber einheitliche Meß- und Analyseverfahren voraus, die zur Zeit technisch noch nicht zur Verfügung stehen.


Prof. Dr. med. Heyo Eckel
Prof. Dr. med. Ulrich Hüttemann
Dr. rer. nat. Claus Rink


Rückfragen: Dr. Claus Rink, c/o Georisk GmbH, Schloß Türnich, 50169 Kerpen, Tel 0 22 37/6 12 22

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