ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1996Aktionen der Apotheker: Keine Angst vor heißen Eisen

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Aktionen der Apotheker: Keine Angst vor heißen Eisen

Dauth, Sabine

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LNSLNS Vor rund zwei Jahren legte die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) ein Konzept vor, Überschrift: "Verbesserung der Arzneimittelversorgung – Mehr Verantwortung für den Apotheker." Aufgeschreckt durch Wünsche nach einem Distributionsrecht für Ärzte oder nach Versandapotheken, gingen die Apotheker in die Offensive: sie wollten klarstellen, daß man mit ihrer Ausbildung mehr kann und will, als Rezepte zu entziffern und Medikamente über den Ladentisch zu reichen.
Diese Woche sollen sie nun erneut den Beweis antreten: Am 22. April hat die ABDA eine Aufklärungswoche zum Thema "Arzneimittelfehlgebrauch" gestartet. "Wer sich der Öffentlichkeit als verantwortungsbewußter Arzneimittelexperte empfehlen will, der muß auch heiße Eisen anfassen", erklärte Klaus Stürzbecher, Präsident der ABDA.
Ein heißes Eisen haben sich die Apotheker in der Tat gesucht. Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren sind in Deutschland schätzungsweise 1,2 bis 1,4 Millionen Menschen arzneimittelabhängig. Ob Aktionswoche oder nicht – die Apothekenbetriebsordnung verpflichtet schon heute pharmazeutisches Personal, erkennbarem Arzneimittelmißbrauch entgegenzutreten. Wenn ein begründeter Verdacht besteht, muß zum Beispiel die Abgabe eines Medikaments verweigert werden.
Die Apotheker kennen jedoch die Realitäten sehr genau. Stürzbecher machte daraus bei der Ankündigung der Aktion auch kein Hehl: Viele Arzneimittelabhängige wechseln häufig die Apotheke, um keinen Verdacht zu erregen. Viele bekommen ihre Mittel verordnet – von einem Arzt, der vielleicht guten Glaubens handelt oder es eigentlich besser wissen sollte. Und schließlich leben die Apotheker nicht von Beratung und Warnung, sondern vom Verkauf.
Klaus Stürzbecher vertrat jedoch die Auffassung, die Apotheker seien zu diesem Thema gefordert, weil der Anteil der Selbstmedikation wachse. Auch Ärzte wüßten oft nicht mehr, was ihre Patienten alles einnehmen. Dazu kommt nach der Beobachtung von Apothekern noch, daß mehr und mehr Produkte verlangt werden, die zwar nicht unbedingt abhängig machen, aber auch nicht für jeden unschädlich sind: Appetitzügler, Abführmittel, dubiose Nahrungsergänzungsmittel.
Diejenigen, die Arzneimittel bewußt mißbrauchen, werde man mit der Aktion sicher nicht ansprechen, meinte Stürzbecher. "Wir werden aber sehr wohl die Menschen erreichen, die, ohne es zu wollen, in einen Teufelskreis der Abhängigkeit geraten."
Keine Angst vor heißen Eisen haben derzeit auch die hessischen Apotheker. Sie wollen eine "Stiftung Arzneimitteltest" gründen, mit deren Hilfe Arzneimittel, aber auch Nahrungsergänzungsmittel (die den Lebensmitteln gleichgestellt sind) von unabhängigen Experten bewertet werden sollen. Die Ergebnisse will man sowohl über die Apotheken als auch in den Medien verbreiten lassen.
Anlaß für diese Idee war nach dem Bekunden der Landesapothekerkammer Hessen die spektakuläre Aktion des Marburger Apothekers Dr. Gregor Huesmann. Der hatte im letzten Sommer erstmals Anti-Werbung gemacht – zunächst für ein Haifischknorpelpulver. Sein Motto dafür lautete: "Der Scheiß des Monats – Präparate, die wir Ihnen nicht empfehlen können."
Huesmann erntete viel Lob für seinen Mut, jedoch auch sofort eine einstweilige Verfügung auf Antrag des Knorpelpulver-Herstellers. Das Landgericht München befand nach Darstellung der Apothekerkammer schließlich, daß die Aktion gegen das Wettbewerbsrecht verstoße. Außerdem hätten Apotheker allenfalls ein individuelles Beratungsrecht gegenüber ihren Kunden. Nun soll Huesmann 200 000 DM Schadensersatz zahlen.
Um kritischen Mitgliedern Rückendeckung zu geben, will die Kammer deshalb die Stiftung gründen. Ob sie sich mit ihren lobenswerten Ansprüchen nicht überheben wird, bleibt allerdings abzuwarten. So heißt es am Anfang einer langen Liste mit Aufgaben der Stiftung: Fachkundig, neutral und objektiv sollen Experten für die Stiftung Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel bewerten, wobei das Arzneimittelgesetz (AMG) mit seinen Vorschriften nicht alleiniger Maßstab für Qualitätskriterien sein könne.
Man mag manchen irrationalen Zulassungs- und Nachzulassungsvorschriften des AMG kritisch gegenüberstehen. Aber wie die Apotheker diesen Dschungel im Sinne des Verbrauchers lichten wollen – das werden sie noch erklären müssen. Sabine Dauth
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