ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2012Medizinischer Fakultätentag: Hochschulmedizin unter Druck

POLITIK

Medizinischer Fakultätentag: Hochschulmedizin unter Druck

Dtsch Arztebl 2012; 109(25): A-1302 / B-1126 / C-1108

Hibbeler, Birgit

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Das Land Hessen soll das Universitätsklinikum Gießen und Marburg von der Rhön-Klinikum AG zurückkaufen. Das fordert der Medizinische Fakultätentag und plädiert zugleich für eine ausreichende Finanzierung der Hochschulmedizin.

Protest gegen den Stellenabbau: Mehr als 1200 Menschen demonstrierten Mitte März in der Innenstadt von Marburg. Foto: dpa
Protest gegen den Stellenabbau: Mehr als 1200 Menschen demonstrierten Mitte März in der Innenstadt von Marburg. Foto: dpa

Es ist nur ein Gedankenspiel. Aber was wäre, wenn der kleinere Fisch nicht nur von einem größeren geschluckt wird? Was, wenn die Übernahme der Rhön-Klinikum AG durch den Konzern Fresenius nicht das Ende der Geschichte ist? Schließlich ist nicht ausgeschlossen, dass irgendwann ein noch größerer Fisch ins Spiel kommt, möglicherweise sogar ein ausländischer Großkonzern. Der könnte Fresenius und damit auch das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) schlucken. „Dann wird vielleicht über die Daseinsvorsorge in Mittelhessen in Wladiwostok entschieden“, sagte Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer auf dem Medizinischen Fakultätentag (MFT) Anfang Juni in Göttingen.

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Der Greifswalder Pharmakologe wurde auf der Veranstaltung zum neuen MFT-Präsidenten gewählt. Er trat damit die Nachfolge von Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann an. Kroemer wies darauf hin, dass die Vorgänge am UKGM zu einem Umdenken beigetragen hätten. „Die Privatisierungseuphorie, die es vor zehn Jahren gab, hat sich wieder gelegt“, betonte Kroemer. Das Modell Gießen/Marburg sei kein Erfolgskonzept.

Die Hochschulmedizin gehört aus Sicht des MFT nicht in die Hände von Aktionären. Die Universitätsmedizin – bestehend aus Krankenversorgung, Forschung und Lehre – sei eine öffentliche Aufgabe. So steht es in einer vom MFT verabschiedeten Resolution. „Der Medizinische Fakultätentag empfiehlt dem Land Hessen, die Rückübernahme der Universitätskliniken in Gießen und Marburg“, heißt es darin. Ein reiner Betreiberwechsel sei keine Option. Könne das Land Hessen sich nicht zu einem Rückkauf entschließen, solle es den Betrieb des Klinikums in öffentlich-privater Partnerschaft prüfen.

Stellte sich nicht mehr zur Wahl: Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann (74) war seit 2009 Präsident des Medizinischen Fakultätentages. Foto: MFT/Regina Sablotny
Stellte sich nicht mehr zur Wahl: Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann (74) war seit 2009 Präsident des Medizinischen Fakultätentages. Foto: MFT/Regina Sablotny

Dass das Privatisierungsprojekt in Gießen und Marburg misslungen sei, habe viele Gründe, berichtete Prof. Dr. med. Matthias Rothmund, Marburg. So sei es ein Fehler gewesen, dass Rhön eine Investitionsbeteiligung des Landes abgelehnt habe. Auch sei es nicht klug, Medizinische Versorgungszentren gegen den Willen der Niedergelassenen vor Ort zu gründen. Im Endeffekt sei das Projekt allerdings „gescheitert an der Unternehmenskultur von Rhön“. Die Personen in der Geschäftsführung hätten ständig gewechselt. Außerdem habe Rhön nicht begriffen, was es bedeute, ein Uniklinikum zu führen. „Für die ist das einfach ein großes Krankenhaus“, erläuterte der Dekan. Verständnis für Forschung und Lehre gebe es nicht. „Da kommen zwei Welten zusammen, die nicht zueinander passen“, meinte Rothmund. Mit einer Verbesserung durch einen neuen Eigentümer rechnet er nicht. Eine Rücknahme durch das Land Hessen hält er für unwahrscheinlich.

DRGs decken Kosten nicht

Die Entwicklung in Gießen und Marburg ist ein Beispiel dafür, wie ökonomischer Druck sich auf die Hochschulmedizin auswirkt. MFT-Präsident Kroemer sieht aber auch grundsätzliche Schwierigkeiten für alle Standorte. In den Diagnosis Related Groups (DRGs) sind seiner Ansicht nach die Leistungen der universitären Spitzenmedizin nicht angemessen abgebildet. Das System berge die Gefahr, wenig lukrative Bereiche zurückzufahren, die aber zum Spektrum eines Universitätsklinikums gehörten.

Die Hochschulmediziner sehen folgende Probleme: An den Unikliniken werden insbesondere Patienten mit schweren Krankheitsverläufen behandelt. Zwar gebe es auch hier eine Normalverteilung von Schweregraden, die sei aber nach rechts verschoben, also in den teuren Bereich. Die Schere aus Kosten und Einnahmen geht auseinander. Auch die Besonderheiten von Forschung und Lehre werden nicht abgebildet – wenn also etwa eine OP länger dauert, weil der Eingriff Assistenzärzten oder Studierenden erklärt wurde. Kroemer plädierte für einen Zuschlag für universitär erbrachte Leistungen. Dieser solle aber nicht im DRG-System direkt verankert werden. Das führe nur dazu, dass die Kassen die Patienten in andere Krankenhäuser schickten. Vielmehr kann er sich einen zusätzlichen Topf aus Bundesmitteln vorstellen.

Die DRGs bilden die Leistungen der Universitätsmedizin nicht ausreichend ab. Darin waren sich die Teilnehmer des MFT einig. Doch nicht nur die Krankenversorgung ist unterfinanziert. Auch die Landeszuführungsbeträge für Forschung und Lehre sind zu niedrig. Zudem unterscheiden sie sich von Bundesland zu Bundesland und von Standort zu Standort. Darauf wies Prof. Dr. med. Detlev Michael Albrecht, Dresden, hin. Er stört sich an dem häufig verwendeten Begriff „Landeszuschuss“. Das klinge nach der Subventionierung eines ineffizienten Betriebs. Albrecht stellte klar: „Es geht um die Bezahlung einer in Auftrag gegebenen Leistung.“

Wirtschaftsfaktor Fakultät

Forschung und Lehre sieht die Politik nicht automatisch als einen Wert. In Dresden wurde deshalb eine Studie in Auftrag gegeben, die verdeutlicht, welche regionalen wirtschaftlichen Impulse die Universitätsmedizin hat. Das können Arbeitsplätze in Zulieferfirmen und Steuereinnahmen sein, aber auch die Ausgaben, die Studierende in einer Universitätsstadt tätigen. Die Ergebnisse zeigen: Nicht nur das Klinikum ist ein Wirtschaftsfaktor. Auch die Nettowertschöpfung der Fakultät übersteigt die laufende Vergütung für Forschung und Lehre sowie Investitionen in diese Bereiche. Solche Daten sind aus Sicht von Albrecht in der Diskussion mit der Politik äußerst hilfreich. „Das bringt die Akzeptanz auf eine ganz andere Ebene“, berichtete er.

Die medizinischen Fakultäten treten selbstbewusster auf als noch vor einigen Jahren. „Der MFT reagiert nicht nur, sondern agiert“, betonte der scheidende Präsident Bitter-Suermann. Zu einem großen Teil dürfte das auch sein Verdienst sein. Während seiner Amtszeit wurde die Arbeit der MFT-Geschäftsstelle in Berlin intensiviert, außerdem mit dem Verband der Universitätsklinika die Dachorganisation „Deutsche Hochschulmedizin“ gegründet. Unter Bitter-Suermann hat sich der MFT professionalisiert. „Die Fakultäten sind ihm zu tiefem Dank verpflichtet“, sagte sein Nachfolger Kroemer.

Dr. med. Birgit Hibbeler

Der neue Präsident

Foto: Universitätsmedizin Greifswald
Foto: Universitätsmedizin Greifswald

Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer (52) ist neuer Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT). Kroemer ist kein Arzt, sondern Pharmakologe und derzeit Dekan sowie Wissenschaftlicher Vorstand der Universitätsmedizin Greifswald. Seit 2009 war er MFT-Vizepräsident und tritt die Nachfolge von Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann aus Hannover an.

Kroemer ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundes­ärzte­kammer. Im September wechselt er aus Greifswald an die Universität Göttingen. Dort wird er Dekan der Medizinischen Fakultät sowie Vorstand für Forschung und Lehre der Universitätsmedizin.

Giessen und Marburg

2005 wurden die Universitätskliniken in Gießen und Marburg zusammengelegt und dann für 112 Millionen Euro an die Rhön-Klinikum AG verkauft. Nie zuvor war ein Uniklinikum in Deutschland privatisiert worden.

Viele sahen das mit Skepsis. Doch es gab auch Hoffnung: Mit dem Kauf hatte Rhön eine Investitionszusage gegeben. Tatsächlich wurde in die Standorte investiert. Allerdings bereitete die Bedienung der Kredite dem Klinikum zunehmend Probleme.

Im Februar wurde bekannt, dass 500 Stellen wegfallen sollten. Die Empörung war groß. Im April machte der Konzern Fresenius, zu dem die Helios Kliniken gehören, den Aktionären ein Kaufangebot. Der Rhön-Vorstand rät dazu, es anzunehmen.

Der neue Präsident

Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer (52) ist neuer Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT). Kroemer ist kein Arzt, sondern Pharmakologe und derzeit Dekan sowie Wissenschaftlicher Vorstand der Universitätsmedizin Greifswald. Seit 2009 war er MFT-Vizepräsident und tritt die Nachfolge von Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann aus Hannover an.

Kroemer ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundes­ärzte­kammer. Im September wechselt er aus Greifswald an die Universität Göttingen. Dort wird er Dekan der Medizinischen Fakultät sowie Vorstand für Forschung und Lehre der Universitätsmedizin.

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