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MBA für Klinikärzte: Mehr vom Geschäft verstehen

Dtsch Arztebl 2012; 109(25): A-1341

Daniels, Katharina

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Foto: Fotolia/ddgrigg
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Mehr und mehr Klinikärzte eignen sich ökonomische Kenntnisse an. Der Master of Business Administration kommt für diejenigen in Frage, die dies im Hinblick auf höchste Führungspositionen tun wollen.

Ärzte, die im Krankenhaus Karriere machen wollen, müssen heute weit mehr als nur fachliche Expertise aufweisen können. Bei der Besetzung ärztlicher Führungspositionen erwarten Klinikleitungen oder Vorstände Führungsqualitäten und betriebswirtschaftliche Kompetenzen. „Im ärztlichen Dienst“ so heißt es in der Studie „Zukunft für das Krankenhaus“, herausgegeben von der Robert-Bosch-Stiftung im Jahr 2007, „hat schon heute neben der Habilitation eine MBA-Qualifikation Bedeutung in der Ausschreibung neuer Chefarztstellen erlangt“.

Der Postgraduierten-Abschluss Master of Business Administration (MBA) gilt als Nachweis überfachlicher Qualifikation. Was in Deutschland noch den Charakter des Besonderen hat, ist in Österreich bereits Gang und Gäbe: „Dass der österreichische Chefarzt (Primar) sich mit einem MBA qualifiziert, ist teilweise sogar Eingangsvoraussetzung“, sagt der Unternehmensberater und Coach Jens Hollmann, der an Hochschulen in Deutschland und Österreich lehrt.

Aktuell lassen sich, wie der Hannoveraner Prof. Dr. Wolfgang Hellmann feststellt, im Hinblick auf den Adressatenkreis Krankenhausärzte vor allem branchenspezifische (Gesundheitswesen) und einrichtungsspezifische Programme (Krankenhaus) unterscheiden. Zur erstgenannten Gruppe gehören der MBA Health Care Management und Masterprogramme zur Gesundheitsökonomie, häufig mit dem Fokus auf Versorgungsforschung und Ethik und wenig krankenhausspezifisch ausgerichtet, sowie der Master of Health Business Administration (MHBA). Ein einrichtungsspezifisches Programm ist der MHM/MBA der Hochschulen Hannover und Neu-Ulm mit spezifischer Ausrichtung auf leitende Ärzte. Generalisierte Programme zu Fragen allgemeiner Unternehmensführung (z.B. anglo-amerikanische Programme) werden in diesem Beitrag vernachlässigt.

Beim MBA Health Care Management sind laut Hellmann häufig drei Koordinaten inhaltlich entscheidend: Qualitätssteigerung im Gesundheitswesen, Kostenersparnis durch BWL-orientiertes Führungshandeln und Prozessoptimierung, mit der sukzessiven Abkehr von der funktionalen Ablauf- und Aufbauorganisation hin zur Prozessorientierung. Eine Entwicklung, so der Humanbiologe, „die verbunden ist mit flacheren Hierarchien, Gleichwertigkeit von Professionen und Dienstleistungen und größeren Investitionen, die vom jeweiligen Stand der Prozessorientierung abhängig sind. In Deutschland steckt diese Entwicklung allerdings noch in den Kinderschuhen.“

Die MBA Health Care Management-Programme richten sich an Ärzte, Mitarbeiter der Pharmaindustrie und Angestellte in Klinikverwaltungen. Die Donau-Universität Krems hat nach zehn Jahren Erfahrung im branchenübergreifenden MBA ergänzend den sechssemestrigen MBA-Studiengang „Management im Gesundheitswesen/Healthcare Management (Vertiefung Krankenhausmanagement)“ konzipiert, auch mit Blick auf Anforderungsprofile der Kliniken: Im Wiener Krankenanstaltenverbund etwa, einem der größten Gesundheitseinrichtungen in Europa, wird von Chefärzten ein dreisemestriger Universitätslehrgang Healthcare Management verlangt. Hintergrund ist die Messbarkeit von Qualifikationen im Bewerbungsverfahren. Im Studiengang „Krankenhaus- und Gesundheitsmanagement“ in Krems werden berufsgruppenspezifische Lehrgänge angeboten, zum Beispiel nur für Ärzte, für die Pflege oder den Rettungsdienst, einige Module aber müssen gemeinsam absolviert werden. „Ein sehr sinnvoller Übungsraum“, konstatiert Fachbereichsleiterin Dr. Andrea Gruber, „um auch im Krankenhaus in den Dialog zu kommen“.

Das MBA-Studium Krems beinhaltet ein Kerncurriculum, in dem unter anderem Führungsqualifikationen, Methoden- und Sozialkompetenzen sowie Betriebswirtschaft, Controlling und Projektmanagement enthalten sind. Ein Modul des Vertiefungscurriculums richtet sich auf Krankenhausmanagement und Prozessoptimierung. OP-Management und Klinikmarketing werden in Wahlfächern angeboten. Abschließend bearbeiten die Studierenden Fallstudien. Cirka 80 Prozent des Studiums sind präsenzpflichtig, begleitet durch blended learning (virtuelle Seminare). Den Studierenden werden auf Basis des European Credit Transfer System ECTS-Punkte europaweit angerechnet. Nach vier Semestern kann der Studierende bereits mit einem Master of Science abschließen.

Das einzige Fernstudium im Rahmen der Postgraduiertenabschlüsse ist der auf das Gesundheitswesen ausgerichtet MHBA an der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen. Die Hauptzielgruppe sind Ärzte in leitenden Positionen, die berufsbegleitend gesundheitsökonomische Kompetenz erwerben wollen. Chefarzt Dr. med. Michael Schmidt hat mit genau dieser Zielsetzung das viersemestrige Fernstudium absolviert. „Weder im Studium noch in der Aus- und Weiterbildung werden Ärzten Hintergründe der Klinikführung vermittelt“, sagt Schmid. „Auf der anderen Seite werden sie ständig mit Fragen des Budgets konfrontiert.“ Der Arzt beantrage ein neues Gerät, der Einkäufer lehne ab: ‚Nein, das kriegen Sie jetzt nicht.‘ Meist münze dann der Arzt die Absage auf sich als Person und sei gekränkt, der Konflikt programmiert. „Wirtschaftlich auch im Interesse des Krankenhauses als Organisation zu denken, ist den meisten Ärzten fremd“, resümiert Schmidt. „Die Sprache der Geschäftsführung zu verstehen“, das war ein wichtiger Beweggrund für den Chefarzt, das Studium parallel zu seiner beruflichen Einbindung als Leitender Oberarzt zu absolvieren.

Der übermittelte Lernstoff wird in einzusendenden Hausarbeiten abgeprüft. In den ersten drei Semestern gibt es je ein Präsenzwochenende mit Vorlesungen und einer Klausur. Im vierten Semester wird die Masterarbeit geschrieben, die Themenauswahl erfolgt in Abstimmung mit dem Institut. Die Studierenden können eigene Vorschläge einbringen. Inhaltlich werden unter anderem Aspekte zur Entwicklung der Krankenhauslandschaft, zur Verzahnung ambulanter und stationärer Versorgung und zur Finanzierung des Gesundheitssystems behandelt. „Für viele Ärzte ist es Neuland“, macht Schmidt deutlich, „wie ein Krankenhaus seine Einnahmen und Ausgaben regelt, um am Ende des Jahres sogar noch Gewinn zu machen. Davon haben wir Ärzte keine Ahnung. Dabei wäre es so wichtig, Kenntnisse hierüber zu haben, um kompetent mitreden und mitentscheiden zu können.“

Das krankenhausspezifische MHM/MBA Programm Hannover/Neu-Ulm beinhaltet einen besonderen Ansatz. Hier können die Absolventen bereits nach zwei Semestern den Postgraduiertengrad des Medical Hospital Manager erwerben und im Anschluss einen uneingeschränkten MBA der Hochschule (FH) Neu-Ulm – alles am Standort Hannover. Adressaten sind Fach-, Ober- und Chefärzte sowie Ärztliche Direktoren. Der Inhalt des MHM-Studiums mit insgesamt knapp 400 Unterrichtseinheiten ist zentriert auf Krankenhaus- und integriertes Versorgungsmanagement für Ärzte.

Das erste Semester ist durch einen generalistischen Ansatz gekennzeichnet mit Grundlagen der Unternehmensführung inklusive Marketing, Personalmanagement und Aspekten des Führungsverhaltens. Im zweiten Semester folgt Krankenhausführung mit Medizin- und Krankenhausrecht, Gesundheitspolitik und -ökonomie. Das dritte und vierte Semester zum Erreichen des MBA konzentriert sich auf angewandtes Projektmanagement, IT-unterstützte Aufbau- und Ablauforganisation mit Auslandsexkursion. Absolventen mit dem Abschluss MHM können sich vertiefend 60 Prozent der Lehrgangsstunden auf das dreistufige Curriculum Qualitätsmanagement der Bundes­ärzte­kammer anrechnen lassen. „Eigentlich ist im MHM schon alles drin, was für den Klinikarzt wichtig ist“, sagt Hellmann. Der MBA habe allerdings Signalfunktion gegenüber der Verwaltung: „Dieser Leitende Arzt versteht etwas von unserem Geschäft.“

Ob ein Klinikarzt mit Karriereambitionen ein Präsenz- oder lieber ein Fernstudium wählt, ist auch eine Frage der Erwartungshaltung des Absolventen. Humanbiologe Hellmann verficht die Präsenzpflicht: Grundlagen der BWL könne man zwar auch gut online bewältigen, „Kommunikation und Führung aber haben auch mit Erfahrungsaustausch zu tun, das funktioniert nur im Präsenzseminar.“ Auch Fachbereichsleiterin Gruber aus Krems betont die Vorteile der Präsenz: „ Das Arbeitspensum ist durch die konzentrierte Aufbereitung vielleicht sogar noch optimiert im Vergleich mit einem Fernstudium, in dem der Studierende immer den Druck im Nacken hat, sich jetzt wieder den Studieninhalten widmen zu müssen.“ Vor allem aber sei das Lernen mit Simulationen konkreter Geschehnisse vom heimischen Bildschirm aus nicht machbar. Und: „Es kommt ein hoher Mehrwert in der Netzwerkbildung hinzu.“ Für Chefarzt Schmidt ein weniger wichtiges Moment: „Networking habe ich nicht vermisst. Ich bin dort hingegangen mit der Prämisse, in meinem Krankenhaus Chefarzt zu werden, für mich war die inhaltliche Fortbildung wichtig“.

Jens Hollmann setzt als Lehrbeauftragter im MBA-Studiengang Krems zwei Schwerpunkte: „Wie führe ich als Chefarzt wirksam? Und wie kann die Organisation Klinik angemessen in die Zukunft geführt werden?“ Die überfachlichen Führungsqualifikationen, die der Chefarzt der Zukunft braucht, erstrecken sich in den Seminaren und Trainings des Dozenten von der Führung einzelner Mitarbeiter über das Führen von Teams bis hin zur Selbstführung – „Feldkompetenzen, die der Chefarzt aufweisen sollte“, sagt Hollmann.

Prof. Hellmann wiederum sieht einen tiefgreifenden Wandel im Wirken des Chefarztes: Im Außenverhältnis wird dieser voraussichtlich zunehmend Manager sein und das operative Geschäft den Oberärzten überlassen. Der Chefarzt ist der Ansprechpartner für die Unternehmenskommunikation, führt Verhandlungen mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen, managt Audits und schafft strategisch übergreifende Bedingungen für die Abteilung und für das Krankenhaus. Inwieweit dieses neue „Einsatzprofil“ sich breiter etablieren wird, bleibt abzuwarten, denn die Möglichkeit der Umsetzung ist natürlich abhängig von der Größe und Struktur eines Hauses.“

Zunehmend wichtiger wird im Krankenhaus aus seiner Sicht auch die interdisziplinäre Behandlung in Zentren. „Hier muss sich der Chefarzt mit den chefärztlichen Kollegen aus anderen Abteilungen arrangieren. Er braucht in besonderer Weise soziale, kommunikative und betriebswirtschaftliche Kompetenzen“, so Hellmann

Muss ein MBA sein? Tun es nicht auch ökonomisch ausgerichtete interne Fortbildungen privater Klinikkonzerne? Hellmann ist skeptisch: „Es kann sein, dass der Absolvent die dort erworbenen Kenntnisse in einem anderen Haus nur eingeschränkt nutzen kann“, meint er. Klinikärzten, die eine Karriere außerhalb des Krankenhauses ansteuern, empfiehlt er ein komplexes, generalisiertes MBA-Programm. St Gallen etwa bietet dies an, ebenfalls Trier, Toronto, Krems. Die Kosten dafür liegen allerdings schnell im hohen fünfstelligen Bereich. Solche Studiengänge sind deshalb nur geeignet für angestrebte Karrieren in der Pharmaindustrie, in Versicherungen (Risikobewertung von Krankenhäusern), in Ärztekammern oder bei renommierten Unternehmensberatungen.

Dozent Hollmann rät, curriculare Schwerpunkte genau zu überprüfen, vor allem aber zu schauen, ob problemorientiertes Lernen angeboten wird, ob mit Fallsimulationen geübt wird und ob das Themenfeld der Selbstregulation berücksichtigt wird. „Interessant und wirklich nutzbringend ist die Kombination aus Projektarbeit und case-studies neben klassischen Vorträgen und Seminaren.“ Auch die Auswahl der Referenten sollte ein Qualitätskriterium sein. Gute Qualitätsnachweise sind die Zertifizierungen internationaler Agenturen zur Sicherung von Hochschulqualität wie zum Beispiel der FIBAA (www.fibaa.org) und der Zentralen Evaluationsagentur ZEvA, www.zeva.org.

Katharina Daniels

KOSTEN UND INFOS

Der sechssemestrige MBA in Krems kostet 14 500 Euro inklusive Prüfungsgebühren. Kontakt und Studienbroschüre: andrea.gruber@donau-uni.ac.at.

Die Gebühr für das zweisemestrige MHM-Studium in Hannover beträgt inklusive aller Materialien 4 270 Euro. Es gibt eine Broschüre zum Studiengang, Infos im Internet: www.fh-hannover,de, www.fh-neu-ulm.de.

Das viersemestrige MHBA-Fernstudium in Nürnberg kostet inklusive aller Materialien 5 400 Euro. Infos: www.mhba.de.

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