ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2012Private Kran­ken­ver­siche­rung: Prügel von allen Seiten

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Private Kran­ken­ver­siche­rung: Prügel von allen Seiten

Dtsch Arztebl 2012; 109(25): A-1289 / B-1113 / C-1097

Flintrop, Jens

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Es läuft derzeit einfach nicht rund für die private Kran­ken­ver­siche­rung (PKV). Ein gutes Beispiel dafür ist die Medienresonanz auf die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zur Systemgrenze zwischen privater und gesetzlicher Kran­ken­ver­siche­rung (GKV): Obwohl die Forscher in ihrer Bestandsaufnahme mit der GKV mindestens ebenso hart ins Gericht gehen wie mit der PKV, berichtete die Presse ausschließlich über die – freilich nicht von der Hand zu weisenden – Unzulänglichkeiten in der privaten Kran­ken­ver­siche­rung.

Die GKV sei in ihrer bestehenden Struktur ein System ohne Nachhaltigkeitsperspektive und ohne Selbstheilungskräfte, schreiben die Wissenschaftler des Instituts für Mikrodaten-Analyse (IfMDA) und von PremiumCircle Deutschland. Es herrsche Staatsversagen, Wettbewerb finde nur auf dem Papier statt, der Gesundheitsfonds habe den Weg in eine Einheitskasse und in die Staatsmedizin geebnet. „Der Gesetzgeber hat seit Jahrzehnten das Rentnerproblem in der GKV verdrängt und die immer weiter steigenden Lasten unter dem Deckmantel des Generationenvertrags den Erwerbstätigen aufgebürdet“, kritisiert Dr. Thomas Drabinski, IfMDA. Allein im Jahr 2012 müssten Erwerbstätige mehr als 24 Milliarden Euro zu viel einzahlen.

Auch die Systemkritik an der PKV fällt heftig aus: Da der Vertriebsmarkt häufiger provisions- als kundenorientiert arbeite, würden viele Tarife mit teilweise existenziellen Leistungsausschlüssen im Krankheitsfall verkauft. Anschlussheilbehandlungen oder Psychotherapien seien oft nicht versichert. Dabei setzten die selbstständigen Makler und auch die unternehmenseigenen Vertriebe die Policen in der Regel ohne Qualifikationsnachweis und -anforderungen ab – und das trotz der Unübersichtlichkeit des Marktes. So gebe es bei den 32 relevanten PKV-Unternehmen im Neukundengeschäft 208 Tarifsysteme mit mehr als 1 500 Kombinationen in Bezug auf den abgesicherten Leistungskatalog. „Die Ausgestaltung der Leistungskataloge und der Vertriebsmarkt haben sich in den letzten 20 Jahren wegen fehlender politischer Leitplanken verselbstständigt“, betont Claus-Dieter Gorr, PremiumCircle. Mehr als 80 Prozent der Tarife leisteten weniger als die GKV.

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Die Medienresonanz auf die Studie war indes nur für die PKV verheerend: „Viele Privatpatienten sind schlecht abgesichert“, meinte „Die Welt“, „Besser bei der Gesetzlichen“, hieß es bei der „Süddeutschen“ und „Der Tarif-Schwindel“, titelte „Der Spiegel“.

Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Die PKV-Unternehmen haben es selbst in der Hand, ihren Ruf wieder aufzupolieren, Vertrauen zurückzugewinnen und die Existenz einer privaten Alternative zur gesetzlichen „Einheitskasse“ zu sichern. Billige Lockangebote mit steigenden Prämien in den Folgejahren haben in einem seriösen Versicherungsmarkt jedenfalls nichts verloren. Um solche Offerten einzelner Anbieter unattraktiv zu machen, muss die Branche endlich eine Lösung anbieten, wie Bestandsversicherte ohne Nachteile die Versicherung wechseln können. Überfällig ist auch mehr Transparenz bei den Tarifen, vor allem im Vergleich zur GKV. Bei Vertragsabschluss gehen die meisten Neukunden doch immer noch davon aus, einen besseren Schutz als in der GKV zu erhalten. Zudem sollte sich der PKV-Verband intern auf eine weitere Begrenzung der Abschlussprovisionen einigen (über das jetzt gesetzlich festgelegte Maß von 9,9 Monatsprämien hinaus) und im Gegenzug höhere Bestandsbetreuungsprovisionen zahlen.

Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

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