ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2012Personalisierte Medizin: Erst am Anfang des Weges

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Personalisierte Medizin: Erst am Anfang des Weges

Dtsch Arztebl 2012; 109(25): A-1305 / B-1128 / C-1110

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die individualisierte Medizin ist mit großen Hoffnungen verbunden. Zunächst müssten jedoch die Risiken diskutiert werden, meint der Deutsche Ethikrat.

Foto: SPL/Agentur Focus
Foto: SPL/Agentur Focus

Fortschritt, Zukunft und eine bessere und effizientere Gesundheitsversorgung – für all dies stehen die Begriffe personalisierte oder individualisierte Medizin. In der Tat kann die auf der Basis von Biomarkern stratifizierende Medizin auch bereits einige Erfolge vorweisen, die die Hoffnung auf eine Revolution in der Medizin nähren, vor allem in der Onkologie. Dennoch steht man erst am Anfang eines langen Weges. Dies wurde bei der Jahrestagung des Deutschen Ethikrates Ende Mai in Berlin deutlich.

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Zwar ist es im Rahmen einer individualisierten Medizin bereits möglich, die molekularen Besonderheiten, deretwegen Menschen verschiedene Krankheitsverläufe zeigen und unterschiedlich auf Medikamente reagieren, besser zu erfassen, die Therapie zu optimieren und die Prognose der Erkrankung zu verbessern. Parallel zu diesen Fortschritten und geweckten Hoffnungen hat jedoch eine kritische Auseinandersetzung eingesetzt – sowohl mit den Begriffen „personalisierte“, „individualisierte“ und „stratifizierte“ Medizin, die zum Teil synonym, aber auch abgestuft eingesetzt werden, als auch mit dem Potenzial dieser Entwicklungen. Können sich Patienten und Gesundheitssystem in naher Zukunft tatsächlich auf eine maßgeschneiderte Medizin freuen, die mit diagnostischen Tests für jeden die individuell beste Therapie ermittelt? Diese Frage stellen sich Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte, und ihr ging schwerpunktmäßig auch der Deutsche Ethikrat nach.

Die neu gewählte Vorsitzende des Ethikrates, Prof. Dr. med. Christiane Woopen, brachte die eng miteinander verflochtenen Hoffnungen und Befürchtungen zu Beginn der Veranstaltung auf den Punkt: „Werden Patienten auf dem Prunkwagen der personalisierten Medizin in das Paradies medizinischen Fortschritts gefahren oder werden sie vor den Karren der molekularbiologischen Forschung und der Pharmaindustrie gespannt?“ Anliegen des Ethikrates sei es, das Wohl des Patienten in den Vordergrund zu stellen.

Fortschritte werden vor allem in der Onkologie erwartet

Hört oder liest man Francis S. Collins, den langjährigen Leiter des internationalen Humangenomprojekts und Autor des Buches „Meine Gene – mein Leben“ (DÄ, Heft 42/2011), so steht der Nutzen der personalisierten Medizin für den Patienten außer Frage. Er sieht die Medizin in der Tat am Beginn einer revolutionären Phase.

Wie Collins setzt auch der Onkologe Prof. Dr. med. Jürgen Wolf vom Zentrum für Integrierte Onkologie an der Universitätsklinik Köln auf die personalisierte Medizin: „Substanzielle Fortschritte in der Onkologie sind nur von einer personalisierten Therapie zu erwarten“, betonte er. Gleichzeitig plädierte Wolf für ein strikt biologisches Verständnis des Begriffs personalisierte Medizin. Eine enge Interaktion zwischen Grundlagenforschern und Klinikern sei unabdingbar. Um die personalisierte Therapie in der breiten Versorgung zu etablieren, hält er den Aufbau von Netzwerken zwischen onkologischen Spitzenzentren, die sowohl die neueste Genomanalytik als auch die Infrastruktur für die Durchführung klinischer Studien vorhalten, sowie nichtakademischen Krankenhäusern und Praxen für dringend erforderlich.

Auch nach Ansicht des Pharmakologen Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer von der Universität Greifswald müssen erst einige Grundvoraussetzungen geschaffen werden, um die personalisierte Medizin zu nutzen. „Wir verstehen noch zu wenig von den Daten, die wir bereits in der Hand haben“, sagte er. Eine molekulargenetische Betrachtung reiche nicht aus, sondern müsse mit anderen klinischen Daten verbunden werden, für die aber die Referenzwerte teilweise noch fehlten. „Momentan schaffen wir nur die Voraussetzungen, um die künftigen Möglichkeiten der individualisierten Medizin zu überprüfen“, erklärte Kroemer.

Grundsätzlich hält der Wissenschaftliche Vorstand der Universität Greifswald und Koordinator des Forschungsverbunds Greifswald Approach to Individualized Medicine – GANI_MED jedoch allein aufgrund der Veränderungen der Bevölkerungsstruktur in den nächsten Jahren einen grundlegenden Wandel im Gesundheitssystem für unumgänglich. Die Effektivität der Therapie müsse bei gleichzeitiger Kostenreduzierung gesteigert werden. Dafür sei eine individuell zugeschnittene Medizin neben der Prävention ein möglicher Ansatz.

Gegen einen vorschnellen Einsatz individueller diagnostischer Tests und Therapien sprach sich auch der Sozialmediziner Prof. Dr. Dr. med. Heiner Raspe von der Universität zu Lübeck aus. Die Aussicht auf Profit führe einerseits zu überzogenen Versprechungen der Anbieter von individuellen Gesundheitsleistungen und andererseits zu einer gleichzeitigen Entwertung des Angebots der gesetzlichen Krankenkassen mit dem Vorwurf, sie würden dem antiquierten Modell „one size fits all“ folgen. Eine Finanzierung der häufig teuren Maßnahmen durch die Kassen bringe Probleme für die Solidargemeinschaft mit sich, betonte Raspe. Es fehlten dann nicht nur Ressourcen in anderen Bereichen, sondern auch die Vorhersagbarkeit und Kontrollierbarkeit von Krankheiten würden überschätzt.

„Ein Schritt auf dem Weg zur effektiveren Therapie“

Aus Sicht der Industrie ist die Entwicklung von Arzneimitteln für kleinere Patientengruppen dann sinnvoll, wenn der klinische Nutzen durch den individuellen Zuschnitt der Therapie noch so groß ist, dass er auch den Einsatz bei einer kleinen Gruppe rechtfertigt. „Die personalisierte Medizin ist eine Weiterentwicklung auf dem Weg zur effektiveren Therapie“, erklärte Dr. Hagen Pfundner von der Pharmafirma Roche. Höhere Kosten bei der Forschung ließen sich im Idealfall durch die Vermeidung von Fehlbehandlungen und eine gesteigerte Versorgungsqualität ausgleichen, Prof. Dr. med. Jürgen Windeler vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen forderte, in jedem Fall die etablierten Methoden der evidenzbasierten Medizin bei der Evaluierung der neuen Ansätze einzusetzen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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