ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2012Hygiene: Hysterie in Deutschland

POLITIK: Kommentar

Hygiene: Hysterie in Deutschland

Dtsch Arztebl 2012; 109(25): A-1314 / B-1136 / C-1113

Daschner, Franz

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Prof. Dr. med. Franz Daschner, ehemaliger Direktor des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg
Prof. Dr. med. Franz Daschner, ehemaliger Direktor des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg

Um es vorwegzunehmen: Nicht die Kliniken und die Fachpresse, sondern die Publikumsmedien reagieren hysterisch: Ein Hygieneskandal folgt dem nächsten. München, Mainz, Bremen, der nächste Skandal kommt bestimmt. Einige Hunderttausend Patienten erkranken pro Jahr an Krankenhausinfektionen, die Zahl der Toten pro Jahr schwankt in der Presse zwischen 5 000 und 20 000. Kaum betritt der Patient ein deutsches Krankenhaus, wird er von resistenten Keimen angefallen. Hygieneschlamperei in Kliniken auf allen Ebenen.

Wann wird der Öffentlichkeit endlich vermittelt, dass die meisten Krankenhausinfektionen mit Schlamperei in Kliniken überhaupt nichts zu tun haben? Nur 30 Prozent aller Krankenhausinfektionen sind vermeidbar, 70 Prozent der Krankenhausinfektionen sind der Tribut an eine moderne, lebensrettende Medizin. Bei jedem Venenkatheter, bei jedem Blasenkatheter, bei jeder Beatmung, bei jeder Operation besteht die Gefahr einer unvermeidbaren Krankenhausinfektion. Auch mit dem besten Desinfektionsmittel kann man die Haut nicht keimfrei machen; Mundhöhle, obere Atemwege und Harnröhrenöffnung sind nun einmal nicht steril.

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So sind Harnwegsinfektionen, Venenkathetersepsis, Beatmungspneumonie und postoperative Wundinfektionen mit Abstand die häufigsten Krankenhausinfektionen – die meisten nicht vermeidbar. Einen Chirurgen ohne Patienten mit postoperativer Wundinfektion gibt es nicht, ebenso wenig eine Klinik ohne Krankenhausinfektionen. Je mehr schwierige, langdauernde Operationen, je mehr Intensivmedizin, je mehr ältere Patienten mit verschiedenen Grundkrankheiten, je mehr Transplantationsmedizin, je mehr Palliativmedizin, je mehr künstliche Gelenke, umso höher die Krankenhausinfektionsrate. Eine Klinik mit überdurchschnittlich hoher Krankenhausinfektionsrate bedeutet nicht automatisch, dass es dort mit der Hygiene im Argen liegt, sondern eine solche Klinik betreut in der Regel und nach meiner langjährigen Erfahrung die besonders kranken und infektionsanfälligen Patienten.

Kurz zu den Frühgeborenen-Todesfällen in Mainz und Bremen: Während meiner pädiatrischen Facharztausbildung vor ungefähr 40 Jahren sind fast alle Frühgeborenen unter 1 000 Gramm gestorben. Heute überleben Frühgeborene mit 500 Gramm trotz infektionsgefährdender Venenkatheter und Beatmung, obwohl sie noch keine körpereigene Abwehr haben. Es ist eine fantastische Leistung der modernen Medizin, dass so viele extrem unreife Frühgeborene ohne Infektion überleben und nicht automatisch ein Hygienefehler, wenn einige an Infektionen sterben.

Vor 40 Jahren starben fast alle Patienten mit Leukämie, heute überleben die meisten, unter anderem, weil Knochenmark transplantiert werden kann. Damit aber das Knochenmark des Spenders vom Patienten nicht abgestoßen wird, muss dessen körpereigene Abwehr mit der Gefahr extremer Infektionsanfälligkeit auf fast null heruntergefahren werden. Die unvermeidbare Krankenhausinfektionsrate bei diesen Patienten beträgt etwa 50 Prozent.

Die Fakten: Circa 3,5 Prozent aller deutschen Patienten bekommen auf Allgemeinstationen eine Krankenhausinfektion, auf Intensivstationen ungefähr 15 Prozent. Die Krankenhausinfektionsrate in Deutschland ist somit nicht höher als in anderen europäischen Ländern mit vergleichbaren Medizinsystemen. Die Niederlande werden uns immer als leuchtendes Beispiel vorgehalten. Richtig ist, dass dort die MRSA-Rate wesentlich niedriger ist, die durchschnittliche Krankenhausinfektionsrate aber ist die gleiche. Wir haben in Deutschland eine sehr gute Infektionszentrale, das Robert-Koch-Institut in Berlin. Dort erarbeitet die Krankenhaushygienekommission, wenn auch leider zu langsam, die neuesten Hygieneempfehlungen. Wir haben ein sehr gutes Infektionsschutzgesetz, um das uns viele Länder beneiden, und neue fortschrittliche bundesweite Hygienegesetze, die allerdings noch umgesetzt werden müssen.

Fazit: Das Problem Krankenhausinfektionen kann leicht gelöst werden. Keine Knochenmarks- oder Organtransplantationen, keine operativen Eingriffe bei abwehrgeschwächten älteren und sehr jungen Patienten, in der Intensivmedizin nur das Allernötigste, keine Palliativmedizin. Diese Empfehlung ist grotesk und zynisch zugleich. Wann wird endlich von einer fairen Presse der Öffentlichkeit vermittelt, dass die meisten Krankenhausinfektionen unvermeidbar sind? Wer moderne Medizin will, muss ein bestimmtes Infektionsrisiko in Kauf nehmen. Natürlich kann noch viel verbessert werden. Wir haben zu wenig Hygienefachpersonal, und vor allem zu wenig Hygieniker, weil viele Universitäten die Hygieneinstitute und somit die Weiterbildungsstätten wegrationalisiert haben. Das rächt sich jetzt. Der neue siebensemestrige Bachelorstudiengang „Krankenhaushygiene“ der Technischen Hochschule Mittelhessen ist sicher nicht die Lösung. Wir brauchen keinen Krankenhaushygieniker light, sondern als ebenbürtigen Ansprechpartner für erfahrene Kliniker den Facharzt für Hygiene.

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