ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2012Koronare Herzkrankheit: Das richtige Maß an Sport

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Koronare Herzkrankheit: Das richtige Maß an Sport

Dtsch Arztebl 2012; 109(25): A-1331

Reisdorf, Simone

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Individuell dosierte körperliche Aktivität verbessert die Perfusion des Myokards. Nitroglycerinpräparate prophylaktisch eingenommen unterstützen den Trainingseffekt.

Viele Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK) beziehungsweise Herzinsuffizienz können von körperlicher Bewegung profitieren. Madlen Uhlemann nannte bei der 15. Jahrestagung des Herzzentrums Leipzig körperliche Bewegung ein „stark wirksames Medikament“. Sie verwies auf eine Studie ihres Instituts, in die 101 Patienten mit stabiler KHK bei mindestens 75-prozentiger Koronarstenose eingeschlossen waren (Circulation 2004; 109: 1371–8). Sie wurden auf täglich 20 Minuten Ergometertraining mit 70 Prozent der maximalen Belastung oder auf eine perkutane Intervention randomisiert. „Die Rate des ereignisfreien Überlebens fiel mit 88 versus 70 Prozent signifikant zugunsten der Sportgruppe aus“, sagte Uhlemann (p = 0,023).

Priv.-Doz. Dr. med. Ivo Buschmann vom Gefäßzentrum der Charité – Universitätsmedizin Berlin betonte: „Neben einer verbesserten Endothelfunktion induziert Sport auch die Ausbildung von Kollateralgefäßen. Und Kollateralen sind der effektivste endogene Weg des Körpers, einer Hypoperfusion entgegenzuwirken, auch am Herzen.“

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Herzinsuffizienz: Beginn unter ärztlicher Aufsicht

Das Vorgehen bei Trainingsbeginn für Patienten mit Herzinsuffizienz erläuterte Dr. med. Martin Grunze von der Dünenwald-Klinik Trassenheide. „Kontraindiziert ist Sport hier lediglich bei Patienten mit aktiver Entzündung, frischem Herzinfarkt, instabiler Angina pectoris, hämodynamisch bedeutsamen Klappenvitien, Infektionskrankheiten, Fieber, frischen Thrombosen oder einer Ruhe-Herzfrequenz über 100 pro Minute“, zählte er auf. Bei Herzinsuffizienzpatienten ohne diese Einschränkungen sollte in einer ersten Trainingseinheit unter kardiologischer Aufsicht besonders auf Ischämiezeichen, ventrikuläre Tachykardien und den Blutdruck geachtet werden. Vor allem bei schwer erkrankten Patienten sei es empfehlenswert, in einem kardiologischen Rehazentrum ein individuelles Trainingsprogramm zu erstellen. „Anfangs genügen drei- bis viermal wöchentlich moderates Ausdauertraining und moderates Krafttraining mit maximal 15 Wiederholungen“, meinte Grunze, „dann kann langsam gesteigert werden.“

Welche Ausdauersportart langfristig ambulant zum Einsatz komme – Wandern, Walken, Schwimmen, Radfahren – , sollte sich nach den Patientenpräferenzen richten, sagte Grunze. Die Intensität sollte so bemessen sein, dass dem Patienten „warm wird und er tiefer atmen muss, er aber noch zusammenhängend reden kann“. Dies sei der Fall bei einer Belastung von etwa 40 bis 55 Prozent der maximal erzielbaren Herzfrequenz. Patienten mit ICD sollten eine Herzfrequenz mindestens 30 Prozent unter der Detektionsfrequenz – nicht höher – anstreben. Daneben sollten alle Patienten für Zeichen einer Verschlechterung der Herzinsuffizienz sensibilisiert werden: „Wer unter dem Training mehr als 1 kg am Tag oder 1,8 kg an drei Tagen zunimmt, nachts mehr als ein- bis zweimal urinieren muss, Beinödeme oder einen Ruhepuls von mehr als 100 bekommt, sollte seinen Arzt aufsuchen.“

Patienten, die unter stabiler KHK, aber nicht unter Herzinsuffizienz leiden, kann durchaus etwas mehr Sport zugemutet werden: „Mindestens fünfmal wöchentlich je 30 Minuten mit 60 bis 70 Prozent der maximalen Leistungsfähigkeit, die zuvor im Ergometertest ermittelt wurde – nahe der anaeroben Schwelle“, beschrieb Uhlemann die „richtige“ Dosis. Noch erfolgreicher habe sich hier ein Intervalltraining gezeigt (Eur J Appl Physiol 2011; 111: 579–89). Dabei können die Patienten unter ärztlicher Aufsicht, etwa in der Rehaklinik, kurzzeitig bis an ihre Grenzen gehen: „Für etwa zwei Minuten sollen sie hier 90 bis 95 Prozent ihrer maximalen Leistungsfähigkeit erreichen; diese intensiven Trainingsabschnitte sind eingebettet in Phasen moderaten Ausdauertrainings“, erklärte Uhlemann.

Nitroglycerinpräparat kann den Trainingsstart erleichtern

„Bei Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit und stabiler Angina pectoris bessert eine Ballondilatation meist sofort die Symptome. Eine konventionelle Therapie ausschließlich mit Sport und Medikamenten tut dies erst nach einigen Monaten.“ Daran erinnerte Priv.-Doz. Dr. med. Stephan Gielen vom Universitätsklinikum Halle/Saale. Um die Patientenadhärenz beim Sport trotzdem zu fördern, empfiehlt sich der Einsatz kurz wirksamer Nitroglycerinpräparate wie Nitrolingual®: Dies steigert dosisabhängig die Anginaschwelle, die Zeit bis zum Auftreten einer klinisch relevanten ST-Strecken-Senkung und somit die körperliche Belastbarkeit.

Das hat eine doppelblinde randomisierte placebokontrollierte Crossover-Studie mit 51 Patienten, die eine stabile Angina pectoris haben, kürzlich bestätigt (Clin Med Insights Cardiol 2012; 6: 87–95). Eine solche Therapie kann dem Patienten Beschwerden ersparen und so die Angst vor dem Training nehmen, wie die Experten betonten.

Simone Reisdorf

Symposium: „Interventionelle Kardiologie durch Training überflüssig?“ im Rahmen der 15. Jahrestagung des Herzzentrums Leipzig, Veranstalter: Pohl-Boskamp

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