ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2012Börsebius: Wie Zieten aus dem Busch

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Börsebius: Wie Zieten aus dem Busch

Dtsch Arztebl 2012; 109(25): A-1335 / B-1155 / C-1135

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Spanien flüchtet wegen seiner maroden Banken unter den Rettungsschirm, Zypern wohl auch, wer wird ihnen denn noch so alles folgen? Sicher ist, das Gedrängel unter dieser voluminösen Schutzeinrichtung wird immer größer, und kein Mensch weiß, wann es so turbulent wird, dass – wie beim fliegenden Robert im Struwwelpeter – Schirm plus Insassen führerlos durch die Gegend fliegen („Hui, wie pfeift der Wind und keucht, dass der Baum sich niederbeugt! Seht! Den Schirm erfasst der Wind und der Robert fliegt geschwind durch die Luft so hoch, so weit. Niemand hört ihn, wenn er schreit. An die Wolken stößt er schön, und der Hut fliegt auch davon“).

Kurzum: In diesem Zustand von Heulen und Zähneklappern werden die Forderungen nach der Einführung von Eurobonds immer dringlicher, und dabei setzt sich José Manuel Barroso immer vehementer für die Einführung dieser Finanzierungsinstrumente ein. „Wir brauchen eine ernsthafte Diskussion über die Vergemeinschaftung nationaler Schulden in Form von Stabilitätsbonds“, forderte der EU-Kommissionspräsident dieser Tage vor dem Europäischen Parlament in Strasburg.

Touché! Glaubt Barroso ernsthaft daran, die Eurobonds mit einer verbalen Aufwertung in „Stabilitätsbonds“ so adeln zu können, dass die böse Absicht kaschiert wird? Was an den Eurobonds stabil sein soll, wo sie gerade eo ipso für instabile Verhältnisse Pate stehen, ist mir ein echtes Rätsel. Kommen die Eurobonds, oder wie auch immer sie heißen werden, bedeutet das unweigerlich ein Nachlassen in den Sparbemühungen, führt also geradezu und erst recht zu wirtschaftlichen Verwerfungen. Gottlob ist das mit unserer Bundeskanzlerin nicht zu machen – das erhoffe ich mir zumindest inbrünstig.

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Die allerneueste Idee aus Brüssel ist an atemberaubender Chuzpe nicht zu überbieten. Im Gespräch ist jetzt die Begebung von sogenannten Eurobills, also gemeinsamen Geldmarktpapieren. Vorgesehen ist, dass die Euroländer in Eigenregie Geldmarktpapiere emittieren können. Inklusive Haftung der bonitätsstarken Länder! Der Teufel steckt darüber hinaus auch noch im Detail. In Deutschland haben Geldmarktpapiere eine Laufzeit von maximal zwölf Monaten, in Spanien jedoch bis zu 18 und in Italien bis zu 24 Monaten. Mit diesen längeren Laufzeiten werden aus Eurobills dann einfach mal so auf die Schnelle Eurobonds. So einfach, so dreist geht via Hintertüre der Betrug am Sparer.

„Nein“, sowohl zu Eurobonds, als auch zu Eurobills, kann die Antwort also nur lauten: Wer wie Zieten aus dem Busch mit einer überraschenden Attacke den Feind zu übertölpeln versucht, muss sich schon etwas Besseres einfallen lassen. Es ist nicht einzusehen, dass Deutschland (die Niederlande, Finnland und Luxemburg) für Schulden einstehen müssen, die sie nicht gemacht haben. Wirklich nicht.

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Avatar #573318
Jürgen Homöopathiker
am Montag, 2. Juli 2012, 16:52

Wie Zieten aus dem Busch

Sehr geehrter Herr Börsebius,
Sie schreiben: "Was an den Eurobonds stabil sein soll ... ist mir ein echtes Rätsel. Kommen die Eurobonds ... bedeutet das unweigerlich ein Nachlassen in den Sparbemühungen, führt also geradezu und erst recht zu wirtschaftlichen Verwerfungen. Gottlob ist das mit unserer Bundeskanzlerin nicht zu machen - das erhoffe ich mir zumindest inbrünstig."
Meine Frage: Was beinhalten Bundesanleihen, Bundesobligationen etc. der BRD Finanzagentur anderes?
Sie schreiben zum guten Ende: "Es ist nicht einzusehen, dass Deutschland (die Niederlande, Finnland und Luxemburg) für Schulden einstehen müssen, die sie nicht gemacht haben."
Sie haben recht, dass wir Steuerzahler, unsere Kinder und Enkelkinder nicht "für Schulden einstehen müssen, die "wir" nicht gemacht haben". Das ist "wirklich nicht" einzusehen.
Jürgen Seipel, 63739 Aschaffenburg