ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2012Filmkritik: „Jasmin“: Die anderen sind krank, ich nicht

KULTUR

Filmkritik: „Jasmin“: Die anderen sind krank, ich nicht

Dtsch Arztebl 2012; 109(25): A-1329 / B-1151 / C-1131

Osterloh, Falk

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Zwei Frauen, ein Verbrechen: Dr. Feldt (links) und Jasmin. Fotos: Camino Filmverleih
Zwei Frauen, ein Verbrechen: Dr. Feldt (links) und Jasmin. Fotos: Camino Filmverleih

Jasmin ist depressiv. Wegen eines furchtbaren Verbrechens wird ihr der Prozess gemacht. Die Psychiaterin Dr. Feldt soll herausfinden, ob sie schuldfähig ist. Ein intensives Kammerspiel beginnt.

Eigentlich bin ich ein lebensfroher Mensch“, sagt Jasmin und versucht ein Lächeln. Es will nicht ganz gelingen. „Ich will auf keinen Fall, dass Sie denken, ich bin verrückt“, sagt sie kurz darauf, „so wie die anderen hier. Die anderen Leute sind einfach richtig krank, ja, aber ich nicht.“

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Jasmin lebt in einer psychiatrischen Klinik. Denn sie hat ein grauenvolles Verbrechen begangen. Von den anderen Bewohnern, den „richtig Kranken“, wird sie dafür bespuckt. Aber das kennt sie schon.

Ihr gegenüber sitzt Dr. Feldt. Sie arbeitet als Fachärztin für Psychiatrie in der Klinik. Und sie soll herausfinden, wie es zu dem Verbrechen kommen konnte. Vier Tage lang sitzen sich die beiden Frauen gegenüber. Gemeinsam durchleben sie Jasmins Leidensgeschichte – die Geschichte einer depressiven Frau. An deren Ende tötet Jasmin ihre Tochter Franziska. Das Gericht will wissen, ob sie schuldfähig ist: Und Dr. Feldt soll es während der Exploration herausfinden. Emotional stößt die Ärztin dabei an ihre Grenzen: Denn sie ist selbst schwanger.

„Jasmin“ ist ein Kammerspiel reinster Art. Vier Tage, zwei Frauen, eine Geschichte. Ein solches Format funktioniert nur mit einem guten Drehbuch und zwei starken Schauspielern. „Jasmin“ hat beides. Die Theaterschauspielerinnen Anne Schäfer und Wiebke Puls erzählen die Geschichte mit ihrer Mimik und spinnen wortlos die emotionalen Fäden, die beide Frauen während der Gespräche zunehmend aneinanderweben. „Meine Mutter hat mir die Schuld am Herzinfarkt meines Vaters gegeben“, erzählt Jasmin. „Damals war ich sieben Jahre alt.“ „Heftig“, flüstert die Ärztin. „Danke“, sagt Jasmin. „Sie nehmen mich ernst. Das bin ich nicht gewöhnt.“

Der Film „Jasmin“ von Nachwuchsregisseur Jan Fehse zeigt, was Kino alles kann. Statik und Tiefe, Entschleunigung und Verdichtung zugleich. Dass der Film ausschließlich aus Dialog besteht, tut seiner Intensität keinen Abbruch. Die Gesichter der Protagonistinnen sind die Klangkörper ihrer Seelen. Die Bilder entstehen nicht auf der Netzhaut, sondern im Kopf. Dabei ist der Film ausgesprochen glaubwürdig. Wenn Jasmin unter Tränen sagt: „Ich habe meine Tochter unendlich geliebt“, besteht kein Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit. „Die geschilderten biografischen Daten und psychopathologischen Fakten sind realistisch und fachlich korrekt“, urteilt der Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie II Nord am Münchener Klinikum Ost, Dr. med. Herbert Pfeiffer. „Sie sind ein Beitrag zur Versachlichung des Verhältnisses der Öffentlichkeit zur Psychiatrie und eine Annäherung an das schwer erträgliche Thema des Kindesmordes.“ Das Drehbuch ist mit Unterstützung von Prof. Dr. med. Matthias Dose, dem Ärztlichen Direktor der Klinik Taufkirchen des Isar-Amper-Klinikums, entstanden. Der Film läuft seit dem 14. Juni im Kino.

Falk Osterloh

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