ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2012Von schräg unten: Zukunftsforschung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Zukunftsforschung

Dtsch Arztebl 2012; 109(25): [64]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Dr. med. Thomas Böhmeke

Nicht ohne Stolz muss ich feststellen, dass ich Deutschlands bedeutendster ärztlicher Zukunftsforscher bin. Denn die Zukunft, da sind wir uns alle einig, sie wird schräg, und wer hat in den letzten zehn Jahren unzählige Artikel hierzu verfasst? Na also. Daher widme ich mich auch heute allzu gern der Fortbildung all jener, die noch glauben, dass unsere Zukunft rosig und glänzend, nach- und reichhaltig wird. In der Zukunft wird es nämlich nicht mehr unsere Aufgabe sein, im vertrauensvollen und bedingungslosen Miteinander die Nöte und Gebrechen unserer Patienten in gesunde Bahnen zu lenken, sondern wir werden Leitlinien und Mangelmedizin, Bürokratie und Gesetzesflut an unseren Patienten exekutieren. Und das sieht so aus:

Anzeige

„Guten Tag, Herr Doktor, schön, dass ich . . .“ Halt! Bevor wir in sprechstündliche Konversation treten, muss ich Sie fragen, ob Sie die Bewilligung zur Datenweitergabe nach § 73 Abs. 1 b Sozialgesetzbuch V schon unterzeichnet haben. „Selbstverständlich, aber ich wollte doch nur . . .“ Was Sie wollen, spielt erst mal keine Rolle, denn ich muss mich vergewissern, ob Sie überhaupt der deutschen Sprache mächtig und des Denkens fähig sind, um solche wichtigen Dokumente zu unterzeichnen. Falls mentale oder verbale Einschränkungen bestehen, so weise ich Sie darauf hin, dass Sie einen gesetzlichen Vertreter bestellen können. Zeichnen Sie mir die entsprechende Erklärung ab. „Ja, nein, also . . . Herr Doktor, ich komme doch nur . . .“ Dazu kommen wir später, jetzt gibt es Wichtigeres zu tun. Ihre Krankenkasse weist darauf hin, dass Sie die Pflicht haben, sich bei jedem Arztbesuch zu überzeugen, dass der Praxisinhaber zertifiziert ist. Ich zeige Ihnen hiermit meine Zertifizierungen im Original. Unterschreiben Sie hier, dass Sie davon Kenntnis genommen haben. „Ja, natürlich, ich unterschreibe ja alles, aber ich wollte . . .“ Moment. Hier kann niemand mehr machen, was er will, auch Sie nicht. Wenn Sie ein Medikament wollen, das nicht leitlinienkonform ist, so müssen Sie eine schriftliche Begründung beim Medizinischen Dienst einreichen. Hier ist der Vordruck, den Sie dafür benutzen müssen. Wenn Sie sich beschweren wollen, lassen Sie sich von meiner Angestellten die Adresse der Gutachterkommission aushändigen, vor der Sie sich äußern können. Wenn Sie auswandern wollen, weil Sie der Meinung sind, Deutschland wäre überreguliert, so bekommen Sie die Adressen . . .

„Herr Doktor! Ich bin nur gekommen, um mich für die gute Behandlung meiner Frau zu bedanken!“ Was?! Wie konnte das passieren? Ich meine, wie konnten Sie überhaupt in meine Sprechstunde vordringen? Für solch ein Anliegen gibt es keinen leitliniengerechten Vordruck!

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema