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Science Slam: Der Witz in der Wissenschaft

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 3/2012: 24

Protschka, Johanna

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Foto: luup Verlag
Foto: luup Verlag

Junge Wissenschaftler aus allen Forschungsbereichen treten bei einem Science Slam gegeneinander an. Es gewinnt der lustigste, informativste und publikumswirksamste Vortrag. Ein Blick in den Ring

Die Stimmung ist gut, und der Saal platzt aus allen Nähten. Das Publikum wirkt lässig-studentisch, aber auch ein paar Leute, die ihre Studienzeit wahrscheinlich schon hinter sich haben, tummeln sich an einem Dienstagabend im Dortmunder Club Domicil. Der Luups-Verlag hat zu einem Science Slam geladen, zu einem Wettstreit der Jungwissenschaftler, der die ganze Bandbreite der universitären Forschung abdeckt. Da ist zum Beispiel Kai Kühne aus Trier, der sein Promotionsthema aus dem Bereich Arbeitsrecht vorstellt. Genauer gesagt hat er untersucht, inwiefern die politischen Einstellungen der Richter in deren Urteile einfließen – klingt nicht gerade sehr lustig, doch der Vortrag hat es in sich. Aus dem Fachbereich Physik kommt André Lampe. Er ist Doktorand am Institut für Chemie und Biochemie der Freien Universität Berlin und versucht dem Publikum mit der Präsentation „Die Geschichte vom Lemur und der Maulwürfin“ seinen Forschungsgegenstand näherzubringen, der aber eigentlich weniger mit Tieren, sondern mehr mit Laseroptik und der Entwicklung eines Bluttests zu tun hat. Die Lacher sind ihm sicher, er macht das nicht zum ersten Mal. Und dann ist da noch Christiane Licht. Sie studiert im sechsten Semester Medizin in Münster und „slamt“ auch schon seit einem Jahr. Sie präsentiert hier keine Doktorarbeit, sondern ein Thema, mit dem sie sich in ihrer Freizeit beschäftigt. Dabei geht es um Kryptographie und Musik.

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Sollte nun jemand den Eindruck bekommen, das klingt zuweilen etwas komisch, dem sei gesagt: Das ist auch so gemeint. Doch geht es hier nicht nur um reinen Spaß, es soll auch etwas hängenbleiben beim „Volk“, wenn die Jungforscher gegeneinander in den Ring treten. Der erste bundesweite Science Slam wurde bereits 2006 in Darmstadt von Alex Dreppec organisiert. Der Psychologe und Schriftsteller ließ sich von den etwas bekannteren Poetry Slams inspirieren, bei denen die Teilnehmer dem Publikum innerhalb einer vorgeschriebenen Zeit selbstgeschriebene Texte vortragen. So ähnlich funktioniert das auch bei einem Science Slam. Hier steht aber vor allem im Vordergrund, komplizierte Sachverhalte unterhaltsam und verständlich zu vermitteln. Denn nur wer die Zuschauer überzeugt und bei Laune hält, trägt am Ende den Sieg davon. Mittlerweile gibt es immer erfahrenere und mutige „Neu“-Slammer, die wissen, wie sie ihr Publikum begeistern können. Gregor Büning von Policult, der schon viele Slams veranstaltet hat, bestätigt die Beliebtheit der Slams. Darauf, wie ein Science Slam abläuft, hat der Veranstalter aber kaum Einfluss: „Nicht jeder Science Slam ist gleich hochwertig. Das ist wie Impro-Theater, wir lassen uns selbst immer wieder überraschen “, sagt Büning in der Pause.

Die 20-jährige Medizinstudentin Licht kommt jetzt lächelnd auf die Bühne. Sie beschäftigt sich mit Kryptographie, sozusagen außeruniversitär. Locker-flockig erklärt sie den Zuschauern den Unterschied zwischen Kryptographie und Kryptoanalyse und was Transposition und Substitution im „Kryptokontext“ bedeuten. Über Monate hinweg hat sie Unmengen von Noten gezählt und sie in Tabellen eingetragen. Ihre selbst entwickelte Geheimsprache basiert auf diesen Tabellen, wobei sie einen Kode entwickelt hat, der jedem Buchstaben des Alphabets einen Ton oder Klang zuordnet. Auf der Bühne spielt sie Beispiele mit ihrer Klarinette vor und erklärt dem perplexen Publikum daraufhin, dass sie auch Werke von großen Komponisten wie Bach, Vivaldi und Mozart unter die Lupe genommen hat. 40 000 Noten hat sie dafür von Hand gezählt! Dabei konnte sie die am häufigsten verwendeten, also „Lieblingstöne“ des jeweiligen Meisters ausfindig machen, und wer jemals ein paar alte Notenblätter findet, die eine Häufung der Note „D“ aufzeigen, der hält höchstwahrscheinlich ein Stück von Johann Sebastian Bach in den Händen. Das Publikum klatscht anerkennend. Gewonnen hat sie diesen Slam am Ende nicht. Gut drauf ist sie trotzdem: „Man kommt in die unterschiedlichsten Städte und trifft nette Leute. Heute Abend sind auch ein paar meiner Kommilitonen da, das macht richtig Spaß.“ Sie ist hier die einzige Frau, bei den anderen Slams sind die Frauen ebenfalls in der Minderheit. Erklären kann sich Licht das aber nicht: „Vielleicht fehlt den Mädels einfach der Mut, oder die Slams müssen noch besser beworben werden? Also, ich rufe hiermit die Frauen dazu auf, endlich mitzumachen!“

Eine Frau, die sich bereits traut, „mitzuslammen“, studiert auch Medizin. Giulia Enders von der Goethe-Universität Frankfurt/M. hat unlängst mit ihrem Vortrag bei einem Berliner Science Slam den ersten Platz belegt. Das Forschungsthema ihrer Doktorarbeit sorgte für große Heiterkeit: Sie beschäftigt sich mit einer Fülle von Bakterien im menschlichen Darm und warb für diesen wichtigsten Teil des Verdauungstrakts. Ihre Präsentation nannte sie deshalb auch „Darm mit Charme“ und überzeugte damit das begeisterte Publikum. Johanna Protschka

Weitere Informationen unter: www.luups.de oder
www.youtube.com/scienceslam

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