ArchivMedizin studieren3/2012Neue Approbationsordnung: Mit Pfeifen zum Erfolg

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Neue Approbationsordnung: Mit Pfeifen zum Erfolg

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 3/2012: 7

Richter-Kuhlmann, Eva

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Zwang schafft keine neuen Hausärzte: Dies verdeutlichen Stephan Irannejad (3. v. l.) und seine Kommilitonen vor dem Bundesrat in Berlin. Foto: dpa
Zwang schafft keine neuen Hausärzte: Dies verdeutlichen Stephan Irannejad (3. v. l.) und seine Kommilitonen vor dem Bundesrat in Berlin. Foto: dpa

Der bundesweite Studentenprotest hat sich gelohnt: Der Bundesrat lehnte einen Zwangsabschnitt Allgemeinmedizin im PJ ab. Auch das Hammerexamen ist vom Tisch.

Am 11. Mai knallte so mancher Sektkorken bei den Medizinstudierenden – so auch auf dem Rostocker Mediball. Der war zwar schon länger geplant, entwickelte sich aber spontan zu einer „Triumphparty“. Direkt nach der Entscheidung des Bundesrates zur neuen Approbationsordnung fuhren die Vertreter der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) von Berlin nach Rostock. „Hier konnten wir mit den Rostocker Kommilitonen den Sieg der Studierenden feiern“, berichtet Melissa Camara Romero, Präsidentin der bvmd, dem Deutschen Ärzteblatt Studieren.de.

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Foto: Michael Peters
Foto: Michael Peters

Mit mitgebrachtem Hannoveraner Bier würdigten auch Stephan Irannejad und seine Kommilitonen sofort nach ihrem Bekanntwerden vor Ort die Entscheidung des Bundesrates. Der Medizinstudent vom Allgemeinen Studierenden-Ausschuss Hannover gehörte nämlich zu den knapp 100 Studierenden aus Berlin und Hannover sowie der bvmd, die am Morgen des 11. Mais vor dem Bundesratsgebäude lautstark gegen den Zwang protestierten, im praktischen Jahr (PJ) das Fach Allgemeinmedizin absolvieren zu müssen. „Die Versäumnisse der Politik bei der Allgemeinmedizin dürfen nicht auf den Rücken der Studierenden ausgetragen werden“, erklärte Irannejad. „Durch Zwang kann kein Wohlfühlen erreicht werden.“

Der Protest vor dem Bundesratsgebäude und in den Tagen zuvor an 15 medizinischen Fakultäten sowie eine Online-Petition mit Tausenden Unterschriften gegen den Zwangsabschnitt Allgemeinmedizin im PJ haben ihre beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt: Der Bundesrat stimmte der von der Bundesregierung erstellten Novelle der Approbationsordnung für Ärzte unter Auflagen zu und lehnte die Anträge von Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen ab. Diese hatten vorgesehen, die Studierenden während ihres PJ zu drei Monaten Allgemeinmedizin zu verpflichten. Ebenso scheiterte der Vorschlag, einen viermonatigen Pflichtabschnitt in der Allgemeinmedizin einzuführen und das Wahltertial abzuschaffen.

Abgesegnet von der Länderkammer ist damit nun auch eine erhöhte Mobilität im PJ – eine langjährige Forderung der Medizinstudierenden. Das PJ soll ab dem nächsten Jahr an jeder Universitätsklinik in Deutschland und deren Lehrkrankenhäusern absolviert werden können. Sofort nach dem Inkrafttreten der Novelle soll es möglich sein, das PJ in Teilzeit zu absolvieren. Abgeschafft wird ferner das bei den Studenten verhasste „Hammerexamen“, indem das schriftliche Staatsexamen wieder vor das PJ gelegt wird. Zudem müssen Studierende künftig einen Leistungsnachweis in „Schmerzmedizin“ erwerben.

„Mit dem Gesamtpaket der Novelle sind wir sehr zufrieden“, betont Melissa Camara Romero. Zwar hätten nach den Maximalwünschen der Studierenden die Mobilität im PJ noch weiter gefasst und die Schmerzmedizin kein zusätzlicher Querschnittsbereich mit einer Prüfung sein können, aber alles in allem sei es super gelaufen (siehe Interview in diesem Heft). Auch die Famulaturen im ambulanten Bereich seien eine akzeptable Lösung.

Auch für viele Fachgesellschaften und Berufsverbände sowie die Bundes­ärzte­kammer war der 11. Mai ein Grund zum Feiern. Denn die Berufsverbände der Anästhesisten, Augenärzte, Chirurgen, Internisten, Frauenärzte, Kinder- und Jugendärzte, Radiologen und Pathologen hatten vor einem vierteiligen praktischen Jahr gewarnt, um die Qualität der medizinischen Ausbildung zu wahren. Das Wahltertial bietet ihnen zudem die Möglichkeit, Studenten ihr Fach näherzubringen. Auch der Medizinische Fakultätentag hatte im Vorfeld zu bedenken gegeben, dass jegliche Evidenz für die Erwartung fehle, dass sich mehr Absolventen für die Allgemeinmedizin entschieden, wenn man alle PJ-Studierenden in dieses Fachgebiet zwinge.

Der Bundesrat setzt ebenfalls offensichtlich lieber auf positive Motivation statt auf Zwang. In einer begleitenden Entschließung weist er nämlich darauf hin, dass in der Tat die in der Novelle vorgeschlagenen Maßnahmen zur Stärkung der Allgemeinmedizin in der ärztlichen Ausbildung noch nicht ausreichend sind. Er plädiert deshalb dafür, die Studenten bereits zu einem früheren Zeitpunkt der Ausbildung in Einrichtungen der hausärztlichen Versorgung zu schicken, um diese an das Gebiet zu binden.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), die den Kompromiss vorgeschlagen hatte, ein Pflichtquartal statt eines Pflichttertials Allgemeinmedizin einzuführen, hätte es zwar für „einen Sieg der Vernunft“ gehalten, wenn das Pflichtquartal Realität geworden wäre. Doch trotzdem schmollt sie jetzt nicht, sondern will die Herausforderung annehmen, den Ärztenachwuchs für einen freiwilligen Abschnitt in der Allgemeinmedizin zu begeistern. „Wir werden Herz und Hirn der Studierenden gewinnen und durch eine neue, für viele Studierende noch unbekannte Ausbildungsqualität überzeugen“, sagte der Präsident der DEGAM, Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach. Als einen Schritt in die richtige Richtung wertet die DEGAM die Tatsache, dass nun aufgrund der Novelle die Universitäten bis Oktober 2019 gewährleisten müssen, dass alle Studierenden der jeweiligen Universität ein Wahltertial in der Allgemeinmedizin absolvieren können.

Dies ist auch ganz im Sinne von vielen Studierenden. Denn eine „Null-Bock-Stimmung“ bezüglich der Allgemeinmedizin herrscht ja eigentlich nicht. Auch Andreas Kühn von der Fachschaft der Berliner Medizinstudierenden kann sich durchaus vorstellen, künftig einmal Hausarzt zu werden und befürwortet eine Stärkung der Allgemeinmedizin in der medizinischen Ausbildung, wie sie die neue Ärztliche Approbationsordnung jetzt vorsieht. Dennoch hatte er den Protest vor dem Bundesrat mitorganisiert. „Wir waren ganz einfach gegen den Zwang. Er hätte alle guten Ansätze ins Gegenteil verkehrt“, ist er überzeugt. Bevor die neue Approbationsordnung nun in Kraft treten kann, muss das Bundeskabinett der Rechtsverordnung und den vom Bundesrat beschlossenen Änderungen noch zustimmen. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Das Ändert sich . . . . . . sofern das Bundeskabinett abschließend zustimmt

  • Splittung des „Hammerexamens“ in einen schriftlichen Teil vor und einen mündlichen Teil nach dem praktischen Jahr für Studierende, die ab Januar 2014 in das praktische Jahr gehen
  • Freie Wahl der PJ-Stätte unter den Universitätskliniken in Deutschland und ihren angegliederten Lehrkrankenhäusern ab April 2013
  • Einführung eines Querschnittbereichs „Schmerzmedizin“: Studierende, die sich für das Staatsexamen ab Oktober 2016 anmelden, brauchen den Schein.
  • Famulaturen: einen Monat in der hausärztlichen Versorgung, einen Monat in der ambulanten Krankenversorgung und zwei Monate in einem Krankenhaus für Studierende, die nach Oktober 2013 die Zulassung zum Examen beantragen
  • Das Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin wird für Studierende, die nach Oktober 2013 in das PJ gehen, verdoppelt auf zwei Wochen.
  • Teilzeit im PJ ab dem Tag nach Verkündung der Gesetzesänderung möglich, 30 Fehltage zulässig
  • PJ-Wahltertial Allgemeinmedizin: Unis müssen zunächst für zehn, später für 20 Prozent der Studierenden einen Platz vorhalten, bis Oktober 2019 sogar für alle Studierenden der jeweiligen Uni.
  • „Soziale und kommunikative Fähigkeiten“ sollen in die ärztliche Ausbildung aufgenommen werden.

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