ArchivMedizin studieren3/2012Ausländische Gesundheitssysteme: Toast auf Krankenhausfluren

Studium

Ausländische Gesundheitssysteme: Toast auf Krankenhausfluren

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 3/2012: 10

Schmitt-Sausen, Nora

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Fotos: Fotolia_jannyjus/iStockphoto [m]
Fotos: Fotolia_jannyjus/iStockphoto [m]

Das britische Gesundheitssystem befindet sich im Umbruch. Es öffnet sich vom durchorganisierten Staatsbetrieb hin zu mehr Flexibilität und Wettbewerb. Ein Auslandsaufenthalt auf der Insel ist deshalb im Moment besonders spannend.

4. Teil: Großbritannien

Anzeige

Lederschuhe statt Sneakers, Stoffhose statt Jeans, Bluse statt T-Shirt: Wer für einen Auslandsaufenthalt nach Großbritannien geht, sollte vorher seinen Kleiderschrank aufpeppen. Das äußere Erscheinungsbild britischer Ärzte unterscheidet sich von dem der deutschen Mediziner sehr. Weiße Kittel sucht man auf den Krankenhausfluren vergeblich. Stattdessen baumelt die Krawatte neben dem Stethoskop. Und noch etwas dürfte deutsche Studierende irritieren: Auf den Fluren von britischen Kliniken riecht es nach Toast. In jeder Abteilung steht ein Toaster bereit. Patienten und Personal bereiten sich damit das traditionelle englische Frühstück zu. Auch für Felix Vollbach war diese Erfahrung bei seinem Arbeitsaufenthalt in London eine – angenehme – Überraschung.

„Die Ausbildung ist bei den Engländern praktischer als bei uns. Das merkt man in der Klinik.“ Felix Vollbach. Foto: privat
„Die Ausbildung ist bei den Eng­ländern praktischer als bei uns. Das merkt man in der Klinik.“
Felix Vollbach. Foto: privat

Der Bonner hatte sich dazu entschieden, ein Tertial seines praktischen Jahres in Großbritannien zu verbringen. Vier Monate hat der heute 29-Jährige zum Abschluss seines Studiums im Chelsea and Westminster Hospital in der Allgemeinchirurgie gearbeitet. Ein besonders lohnender Einblick. Denn: Zurzeit macht er in Bielefeld seinen Facharzt in plastischer Chirurgie.

Nicht nur der Toastgeruch ist Vollbach in guter Erinnerung geblieben. Auch das große Praxisverständnis, mit dem junge englische Ärzte ans Werk gehen, haftet nach. „Die medizinische Ausbildung ist bei den Engländern praktischer als bei uns. Sie lernen bereits im Studium beispielsweise Standards zu Patientenuntersuchungen. Das merkt man im Klinikalltag.“ Und noch etwas hat Vollbach angesprochen: Die sehr strukturierte Arbeitsweise seiner Kollegen und ihre nüchterne Art zu denken, mit der sie Problemsituationen analysieren.

Diese medizinischen Ausbildungsstrukturen sind in Großbritannien über Jahre gewachsen. Der National Health Service (NHS) war bei seiner Gründung das erste staatliche Gesundheitsversorgungssystem weltweit. Das Besondere daran: Jeder Bürger Großbritanniens hat das Recht auf kostenfreie ärztliche Versorgung. Finanziert wird das Ganze aus Steuergeldern. Die Idee, dass der Staat sich um die gesundheitliche Absicherung seiner Bürger kümmerte, war damals revolutionär.

Doch mit den Jahren ist der NHS so gebrechlich geworden wie viele der Patienten, die innerhalb der staatlichen Strukturen versorgt werden. Inzwischen spielt der private Sektor eine zunehmende Rolle. Auch das merkt man in der Praxis schon an kleinen Dingen: „In den Zimmern der Privatpatienten liegt Teppich. Das ist für Briten der Inbegriff für Wohlstand. Beim regulären Patienten ist es Linoleumboden“, erzählt Vollbach. Dass finanzstarke Patienten in den Privatsektor flüchten, ist auch in Großbritannien längst Realität.

Das Kernproblem ist, dass das staatliche System chronisch unterfinanziert ist. Dabei gibt Großbritannien laut internationaler Statistik deutlich weniger Geld für die Gesundheitsversorgung aus als zum Beispiel Deutschland. Allerdings trägt bei uns die Kosten auch nicht allein die Staatskasse.

Seit Jahren befindet sich das britische Gesundheitssystem deshalb im Umbruch. Derzeit durchlebt es eine besonders stürmische Phase. Ende März hat das britische Parlament nach hitziger Diskussion eine tiefgreifende Reform beschlossen. Der NHS soll umstrukturiert werden und effizienter arbeiten. Bislang belasteten vor allem hohe Verwaltungskosten das System. Außerdem will die Regierung, dass sich das System für den Wettbewerb im Gesundheitssektor mehr öffnet.

Was das System zu stemmen hat, ist viel: Der NHS kümmert sich um die hausärztliche Versorgung und den Krankenhaussektor. Auch die zahnärztliche Versorgung sowie der Zugang zu Optikern und Apotheken werden von dem nationalen Gesundheitsdienst geregelt. Die Patienten wenden sich bei Beschwerden in der Regel an einen Allgemeinarzt in ihrem lokalen Umfeld. Dieser veranlasst gegebenenfalls weitere Behandlungsschritte und schickt die Patienten – falls notwendig – zur fachärztlichen Versorgung. Diese findet in den Ambulanzen der Krankenhäuser statt.

Mit dem Ruf des NHS ist es nicht zum Besten gestellt. „Billig“ und „schlecht“ sind Beschreibungen, die dem britischen System seit vielen Jahren hartnäckig anhaften. Das hat vor allem einen Grund: die langen Wartezeiten. Es können Wochen, manchmal Monate vergehen, bis Patienten nötige OP-Termine bekommen. Das hat auch Vollbach bei seinem Aufenthalt in London so erlebt: „Es gab Fälle, dass Patienten kleinere Verletzungen etwa an den Händen hatten. Auf einen Termin für die OP mussten sie drei, vier, gar fünf Monate warten. In der Klinik rechnet man dann schon bei der Vergabe des Termins damit, dass der Patient ihn überhaupt nicht wahrnimmt und andere Wege der Behandlung sucht.“ Auch an diesem Problem soll sich durch die Reform etwas ändern. Nora Schmitt-Sausen

TO-DO-LISTE Grossbritannien: Alles auf einen Blick

1. Eine Stelle finden

Nahezu alle medizinischen Fakultäten haben Kooperationen mit ausländischen Universitäten. Allerdings zählt Großbritannien nicht zu den kooperationsfreundlichsten Ländern. Deshalb: Rechtzeitig über das Auslandsbüro der Uni Informationen einholen, ob es Kooperationen gibt. Für Selbstorganisierer: Der Auslandsaufenthalt muss als Studienleistung anerkannt werden. Das verlangt entsprechende Bescheinigungen.

2. Die Finanzen durchrechnen

Ein Aufenthalt in Großbritannien ist nicht die günstigste Wahl. Neben den Kosten für Leben und Unterkunft, die von Ort zu Ort sehr variieren, kommen selbst bei Kurzaufenthalten oft Semester- oder Bearbeitungsgebühren hinzu. Die Heim-Universitäten greifen ihren Studenten teils finanziell unter die Arme, außerdem gibt es Stipendienmöglichkeiten, wie das Erasmus-Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).

3. Bewerbungsunterlagen zusammentragen

Die Auslandsbüros der Universitäten geben meist detailliert Auskunft darüber, was für die Bewerbung erforderlich ist und welche Fristen zu wahren sind. Auch die Universitäten im Ausland stellen Informationen online zur Verfügung. Die Vorlaufzeit für einen Aufenthalt in Großbritannien kann gut anderthalb bis zwei Jahre betragen.

4. Unterkunft sichern

Eines der größten Probleme ist es, eine Unterkunft im Ausland zu finden, denn man bewegt sich hier ja auf unbekanntem Terrain. Manchmal können die Universitäten bei der Suche helfen oder vermitteln gar direkt Zimmer. Ein vielgenutztes Angebot für Großbritannien ist die Seite Gumtree (www.gumtree.com). Dort kann man – sortiert nach Ländern und Städten – nach Kurzzeit- und Ferienunterkünften suchen.

5. Informieren, informieren, informieren

Neben dem typischen Reiseführer lohnt es sich, in einen Studienführer zum Gastland zu investieren. So liefert beispielsweise der Studienführer Großbritannien und Irland vom DAAD Fakten, Übersichten und Adressen in Hülle und Fülle. Eine gute Hilfe ist auch die Homepage der britischen Botschaft (ukingermany.fco.gov.uk/de/). Sie gibt Auskünfte über Stipendien, Studiengebühren, Lebenshaltungskosten und Links zum Studentenleben.

Foto: Fotolia/tom
Foto: Fotolia/tom

Kurzinterview

Veronika Schmidt, Köln, hat ein PJ-Tertial in Brighton/England absolviert. Die 26-Jährige war im Royal Sussex Hospital in der Inneren. Im Interview schildert sie ihre Eindrücke.

Warum haben Sie sich für Großbritannien entschieden?

Ich wollte in ein Land gehen, in dem ich die Sprache gut verstehe. Ich hatte vorher noch nicht viel Erfahrung in der Inneren, und die Vermittlung des Fachwissens sollte im Vordergrund stehen.

Welche Tätigkeiten konnten Sie übernehmen?

Ich durfte Blut abnehmen, die Anamnese erheben und Voruntersuchungen machen.

Welche Eindrücke haben Sie bei der Arbeit gewonnen?

Das englische Teamwork war gut spürbar. Die Leute haben sich auch außerhalb der Klinik getroffen. Toll ist, dass viele Ärzte für eine Station zuständig sind.

Was haben Sie vom britischen Gesundheitssystem mitbekommen?

Ich hatte das Gefühl, dass die Patienten geduldiger sind, weil sie weniger erwarten. Die Einrichtung der „Outpatient Clinics“ also der Fachärzte, die am Krankenhaus praktizieren, finde ich gut. So sind viele Informationen an einem Ort gesammelt.

Welche anderen Stationen hatten Sie während Ihres PJ, und wie fällt Ihr Vergleich zur Arbeit in Großbritannien aus?

Ich habe auch meine beiden anderen Tertiale – Chirurgie und Pädiatrie in Deutschland – sehr positiv erlebt. Es wurde mir viel erklärt, und man hat sich Zeit für mich genommen. Ich hatte weit mehr Eigenverantwortung als in England und habe mehr Praktisches gelernt. Dafür hatte ich in England mehr Zeit für das Eigenstudium.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema