ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2012Psychotherapie älterer Menschen: Vorbehalte in den Köpfen

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Psychotherapie älterer Menschen: Vorbehalte in den Köpfen

Dtsch Arztebl 2012; 109(26): A-1360 / B-1176 / C-1156

Bühring, Petra

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Nur sehr wenige Männer höheren Alters begeben sich in eine Psychotherapie. Foto: picture alliance
Nur sehr wenige Männer höheren Alters begeben sich in eine Psychotherapie. Foto: picture alliance

Psychotherapie im höheren Lebensalter wird immer noch unterschätzt und zu wenig in Anspruch genommen. Ein Symposium der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung ging den Ursachen hierfür nach.

Sigmund Freud äußerte sich zur Wirksamkeit von Psychotherapie bei älteren Menschen sehr pessimistisch: „Bei Personen nahe an oder über 50 Jahre pflegt einerseits die Plastizität der seelischen Vorgänge zu fehlen, auf welche die Therapie rechnet – alte Leute sind nicht mehr erziehbar –, und andererseits das Material, welches durchzuarbeiten ist, die Behandlung ins Unabsehbare verlängert.“ Inzwischen ist man eines Besseren belehrt und weiß, dass auch ältere Menschen von einer Psychotherapie profitieren und dass man dafür nicht gleich das ganze Leben durcharbeiten muss.

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Doch Freuds Vorurteil hielt sich lange: „Erst im 21. Jahrhundert hat die Psychotherapie im Alter richtig Fuß gefasst“, erklärte Prof. Dr. Ursula Lehr, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V. In ihrem Vortrag beim Symposium der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) „Psychotherapie in einer älter werdenden Gesellschaft“, Ende Mai in Berlin, wies die 1930 geborene Gerontologin auf die vielfältigen Belastungen hin, mit denen alte Menschen zurechtkommen müssen: der mögliche Verlust des Partners, von Freunden oder Verwandten durch Tod, eigene Erkrankungen oder gesundheitliche Beeinträchtigungen, traumatische Erlebnisse aus Kriegszeiten, die reaktiviert werden, sowie Mobilitätseinschränkungen.

Nach Angaben von Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Maercker, Lehrstuhl Psychopathologie und Klinische Intervention der Universität Zürich, liegt die psychische Altersmorbidität bei 24 bis 40 Prozent. Die häufigsten Diagnosen aus dem Bereich psychischer Erkrankungen bei alten Menschen sind: depressive Störungen und Schlafstörungen mit jeweils 20 Prozent, gefolgt von Suizidalität vor allem bei Männern (zehn Prozent), somatoforme Störungen (zehn Prozent), Angststörungen (fünf Prozent) sowie Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen (drei Prozent plus Dunkelziffer). Trotz des hohen Bedarfs würden in Deutschland nur 1,5 Prozent der über 60-Jährigen psychotherapeutisch behandelt, erklärte die Gerontologin Lehr.

„Wir wollen mit diesem Symposium auf die Möglichkeit der Psychotherapie bei älteren Menschen aufmerksam machen, die noch viel zu wenig genutzt wird“, betonte der DPtV-Bundesvorsitzende, Dipl.-Psych. Dieter Best. Die langen Wartezeiten in der Psychotherapie spielen bei der mangelnden Inanspruchnahme auch eine Rolle, aber die Hindernisse beginnen bereits in den Arztpraxen: Sehe der Hausarzt psychische Symptome, beispielsweise einer Depression, als altersangemessene Reaktion an, werde er dem älteren Menschen keine Psychotherapie empfehlen, sagte Best, „dabei haben Hausärzte eine wichtige Rolle bei der Erkennung psychischer Störungen, die sich hinter somatischen Beschwerden verbergen können. Sie sind oft die entscheidende Anlaufstelle“.

Auf den kleinen Zusammenhang zwischen Erreichbarkeit und Inanspruchnahme wies Maerckert mit Blick auf die „Zürcher Altersstudie“ (Maercker et al. 2005) hin. „Obwohl Zürich eine höhere Psychotherapeutendichte als Freiburg im Breisgau hat, nutzen dort nur zwei Prozent der über 65-Jährigen Psychotherapie.“ 3,7 Prozent dieser Altersgruppe erhielten aber Psychopharmaka. In Zürich gehen ältere Menschen mit Somatisierungsstörungen oder depressiven Störungen von sich aus zuerst zum Hausarzt, dann zum Psychiater und zuletzt zum Psychotherapeuten.

Neben der veralteten Auffassung einiger Ärzte von der Untherapierbarkeit älterer Menschen, sieht die 82-jährige Lehr die Ursachen für die Unterversorgung auch in den Vorurteilen vieler älterer Menschen selbst gegenüber Psychotherapie. Die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen sei bei älteren Menschen deutlich höher als bei Jüngeren. Auf beiden Seiten mit Vorurteilen verbunden sei auch das häufige Altersgefälle zwischen dem (jungen) Therapeuten und dem (alten) Patienten.

Erhalten ältere Menschen aber beispielsweise eine spezifische Depressionstherapie, so sind die Erfolge gut: Maercker stellte einen Cochrane-Report von 2009 heraus, wonach sowohl kognitive Verhaltenstherapie als auch psychodynamische Therapie bei einer durchschnittlichen Therapielänge von zwölf Stunden „sehr gute Effektstärken“ aufwiesen.

Der Psychoanalytiker und Alternsforscher Prof. em. Dr. med. Hartmut Radebold, Kassel, hat in der Therapie mit älteren Menschen erlebt, dass manche 60 bis 80 Stunden brauchen, ein Großteil aber auch mit Kurzzeittherapie zurechtkommt. „Ältere Patienten denken oft selbst, dass sie gar nicht so viel in Anspruch nehmen dürfen“, sagte der 77-Jährige. Den Gründen dafür müsse man offen nachgehen. Radebold hat 1998 das Lehrinstitut für Alternspsychotherapie in Kassel gegründet, wo die Besonderheiten einer Psychotherapie mit alten Menschen vermittelt werden. Er rät Therapeuten, alte Menschen auf ihr Geburtsjahr anzusprechen, um einen Zugang zu ihrer individuellen Geschichte zu bekommen. „Die Kriegskinder, also die Jahrgänge 1929 bis 1947, erzählen meist nicht von selbst.“

Die Therapieziele sollten nicht zu hoch angesetzt werden: Fördern von Selbstständigkeit, Verbesserung der sozialen Fähigkeiten, Umgang mit Sterben und Tod, der achtsame Umgang mit dem eigenen Körper, riet der Alternsforscher. Psychologischen Psychotherapeuten, die ältere Menschen behandeln, empfahl Radebold, eine gute Vernetzung zu Ärzten aufzubauen. Die Abklärung von körperlichen Erkrankungen oder Demenz müsse immer erfolgen: „Die Kooperation mit Gerontopsychiatern halte ich für sehr wichtig.“ In eine Psychotherapie begeben sich im höheren Alter überwiegend Frauen, sagte Radebold. „Unklar ist bisher, wie man auch die Männer besser erreichen kann.“

„Es bedarf einer gewissen fachlichen Qualifikation, um Ältere zu behandeln“, erklärte der stellvertretende DPtV-Bundesvorsitzende, Dipl.-Psych. Hans Jochen Weidhaas, abschließend. In der Ausbildung würden die Besonderheiten kaum vermittelt. Dass der Bedarf an spezifischem Wissen groß ist, zeigte allein schon das Symposium, das bis auf den letzten Platz ausgebucht war.

Petra Bühring

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