ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2012Vergiftungen bei Kindern: Hohes Risiko für die Kleinsten

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Vergiftungen bei Kindern: Hohes Risiko für die Kleinsten

Dtsch Arztebl 2012; 109(26): A-1358 / B-1174 / C-1154

Protschka, Johanna

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Kleinkinder in der oralen Phase laufen häufiger Gefahr, sich unbeabsichtigt zu vergiften , vor allem wenn sich Arzneimittel oder aggressive Reinigungsmittel in Griffnähe befinden. Foto: Fotolia/Heiko Barth
Kleinkinder in der oralen Phase laufen häufiger Gefahr, sich unbeabsichtigt zu vergiften , vor allem wenn sich Arzneimittel oder aggressive Reinigungsmittel in Griffnähe befinden. Foto: Fotolia/Heiko Barth

Insbesondere Kleinkinder sind gefährdet, sich versehentlich zu vergiften. Auch Unfälle im häuslichen Bereich betreffen mehrheitlich Kinder. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. setzt auf Aufklärung und Prävention.

Jährlich werden etwa 180 000 Vergiftungen bundesweit in den Giftnotrufzentralen beraten. Davon betreffen etwa 60 Prozent Kinder“, erläuterte Dr. med. Carola Seidel, stellvertretende Leiterin der Giftnotrufzentrale in Bonn, bei einer Informationsveranstaltung der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Mehr Sicherheit für Kinder. Auf der einen Seite beträfen die Anrufe vermehrt Kinder ab 14 Jahren, bei denen die ersten Fälle von Suizid und Drogenmissbrauch auftreten. Auf der anderen Seite ginge es häufig um Vorfälle mit Kleinkindern im Alter zwischen neun Monaten und vier Jahren, berichtete die Ärztin. Ein Grund sei die orale Phase, in der sich die Kinder in diesem Alter befänden. Während von Pflanzen in der Regel eine geringere Gefahr ausgeht, sind vor allem nicht sachgerecht verstaute Arzneimittel und ätzende Reinigungsmittel, wie Rohrreiniger oder Ähnliches, Risikofaktoren für kleine Kinder.

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Bei vermuteten Vergiftungen von Kindern kontaktieren Eltern zunächst immer noch häufig den Kinderarzt. Im zweiten Schritt rufen die Praxen bei Bedarf die Giftnotzentrale an. Dieser stehen in einer Datenbank bis zu 30 000 Protokolle beziehungsweise Auswertungen von Vergiftungsunfällen zur Verfügung, auf deren Grundlage eine bestmögliche Einschätzung der Situation stattfinden kann. Das Hauptproblem bei einem akuten Fall sei jedoch vor allem, sagte Seidel, von den meist aufgebrachten Eltern zu erfahren, wie hoch die Dosis der Substanz sein könnte, die das Kind zu sich genommen hat. Etwa zehn Prozent der Kinder müssen nach einem eingegangenen Anruf ärztlich behandelt werden. Nur in seltenen Fällen wird den Eltern geraten, den Notarzt zu kontaktieren.

In der Tendenz nehmen Unfälle bei Kindern weiter zu

Neben Vergiftungen sind Unfälle im häuslichen Bereich für Kinder besonders risikobehaftet. 60 Prozent der Unfälle bei Kindern bis vier Jahren finden im häuslichen Bereich statt, Tendenz steigend. Die Kinderchirurgin und Präsidentin der BAG Mehr Sicherheit für Kinder, Dr. med. Stefanie Märzheuser, beobachtet dies mit Besorgnis: „Kinder sind in den entwickelten Ländern stärker durch Unfälle gefährdet als durch Infektionskrankheiten oder Krebs“, gibt sie zu bedenken. Familiäre Risikokonstellationen, wie beispielsweise ein niedriger sozialer Status, geringe Bildung und beengte Wohnverhältnisse in Kombination mit kindereigenen Risikofaktoren wie Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen, führten zu einer erhöhten Unfallgefährdung.

Vor allem Jungen unter fünf Jahren haben nach Angaben einer Studie des Robert-Koch-Instituts ein höheres Verletzungsrisiko. Ebenso laufen Jungen häufiger Gefahr, eine Verbrühung zu erleiden. Dem Unfallmonitoring der Stadt Delmenhorst zufolge haben Jungen mit Migrationshintergrund ein bis zu sechsfach erhöhtes Risiko, sich eine thermische Verletzung zuzuziehen. Märzheuser geht davon aus, dass warme Mahlzeiten am Abend dabei eine besondere Rolle spielen. In vielen Familien mit türkischen oder arabischen Wurzeln werde traditionell abends gekocht. In Kombination mit zusätzlichen Risikofaktoren könne von einer Küche mit vielen heißen Töpfen für ein müdes Kind jedoch eine große Gefahr ausgehen.

Um eine interkulturelle Präventionsarbeit möglich zu machen, haben die BAG, das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und das AWO-Integrationszentrum Bonn ein Projekt zusammen mit Migrantinnen aus der Türkei, Palästina, der Ukraine und Äthiopien initiiert. Das Projekt „Achtung: Giftig. Mehr Sicherheit für Kinder“ möchte vor allem die Sprache und den kulturellen Hintergrund der Familien berücksichtigen.

Johanna Protschka

@Weitere Informationen:
www.kindersicherheit.de

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