ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2012Patienten mit Chronischen Schmerzen: Vier Jahre warten

POLITIK

Patienten mit Chronischen Schmerzen: Vier Jahre warten

Dtsch Arztebl 2012; 109(26): A-1361 / B-1177 / C-1157

Bühring, Petra

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Der Berufsverband der Ärzte und Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin macht auf die Unterversorgung von Schmerzpatienten aufmerksam.

Bis zum Beginn einer qualifizierten schmerztherapeutischen Behandlung vergehen im Bundesdurchschnitt vier Jahre. Am längsten warten Patienten mit chronischen Schmerzen in Sachsen-Anhalt, und zwar acht Jahre. Das ist ein Ergebnis der Online-Umfrage unter Ärzten, die der Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland e.V. (BVSD) zur Versorgungssituation von Patienten mit chronischen Schmerzen durchgeführt hat. Die Ergebnisse wurden jetzt im „Weißbuch Schmerzmedizin“ veröffentlicht.

„Wir haben eine ganz klare Unterversorgung von Schmerzpatienten“, erklärte der Vorsitzende des BVSD, Prof. Dr. med. Joachim Nadstawek, Klinik für Anästhesiologie der Universität Bonn, bei einer Pressekonferenz. „Dabei gibt es in Deutschland mehr Schmerzpatienten als Diabetiker.“ Die Prävalenz von Menschen mit chronischen Schmerzen schätzt der Anästhesist auf drei bis fünf Millionen. Eine Studie von Breivik et al. (2006) ergab für Deutschland sogar eine Prävalenz von 17 Prozent. In dieser Befragung geben nur zwei Prozent aller Betroffenen an, spezialisierte schmerztherapeutische Versorgung erlebt zu haben.

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Bundesweit nur 1 027 Schmerztherapeuten

Seit 2006 hat sich die Situation für Schmerzpatienten nicht verbessert. Den Grund dafür sieht Dr. med. Bernhard Arnold, BVSD und Abteilung für Schmerztherapie am Klinikum Dachau, in der zu geringen Anzahl an qualifizierten Schmerztherapeuten. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erfüllten 2010 bundesweit 1 027 niedergelassene Fachärzte die Anforderungen der Qualitäts­sicherungs­ver­ein­barung zur schmerztherapeutischen Versorgung chronisch schmerzkranker Patienten nach § 135 Absatz 2 Sozialgesetzbuch V. Ausschließlich schmerztherapeutisch behandeln davon 381 Ärzte. Die meisten Schmerztherapeuten sind Anästhesisten (62 Prozent), gefolgt von Allgemeinmedizinern (zehn Prozent), Orthopäden, Neurologen und anderen Disziplinen.

Regional unterschiedliche Honorierung

„Wir brauchen sehr viel mehr Schmerztherapeuten“, erklärte Nadstawek, „stellen aber fest, dass Kollegen die Teilnahme an der Schmerztherapie-Vereinbarung eher wieder aufgeben.“ Beispielsweise habe es 2008 in Baden-Württemberg 148 Schmerztherapeuten gegeben; 2010 waren es nur noch 102. Der BVSD-Vorsitzende führt das unter anderem auf die „regional willkürliche“ Honorierung schmerztherapeutischer Leistungen zurück, die seit 2008 entweder gleich geblieben oder gesunken sei. „Warum ein Schmerztherapeut in Rheinland-Pfalz 156 Euro pro Quartal und Patient erhält, in Berlin dagegen nur 93 Euro (Musterpatient im zweiten Quartal 2010 nach BVSD-Berechnung) ist mir unverständlich“, sagte Nadstawek und forderte bundeseinheitlich angemessene Honorare. Ohne gezielte Nachwuchsförderung werde sich zudem, aufgrund der Altersstruktur der Schmerztherapeuten, die Unterversorgung von Schmerzpatienten weiter verschärfen.

Begrüßt hat der Berufsverband, dass die Schmerzmedizin zum Pflichtfach im Medizinstudium wird. Der Bundesrat hatte Anfang Mai einer entsprechenden Änderung der ärztlichen Approbationsordnung zugestimmt.

Petra Bühring

@Das Weißbuch Schmerzmedizin zum download unter www.bv-schmerz.de

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