ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2012Ergebnisse des Hausarztvertrags: „Tag der Freude und Genugtuung“

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Ergebnisse des Hausarztvertrags: „Tag der Freude und Genugtuung“

Dtsch Arztebl 2012; 109(26): A-1352 / B-1172 / C-1152

Rieser, Sabine

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„Der Hausarzt als Lotse ist fest etabliert“, lobt Christopher Hermann – für ihn Gegenmodell zur „organisierten Verantwortungslosigkeit“. Foto: dpa
„Der Hausarzt als Lotse ist fest etabliert“, lobt Christopher Hermann – für ihn Gegenmodell zur „organisierten Verantwortungslosigkeit“. Foto: dpa

Vor vier Jahren schlossen AOK Baden-Württemberg, Hausärzteverband und Medi den deutschlandweit ersten Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung ohne Kassenärztliche Vereinigung. Die Evaluationsergebnisse gefallen allen Partnern.

Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, kann auf etwas verweisen, das derzeit vielen abgeht: Geld gut angelegt zu haben. Seine Krankenkasse investiert seit vier Jahren in Hausärztinnen und Hausärzte, genauer: in einen Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung mit dem Deutschen Hausärzteverband und Medi. Allein 2011 gab die AOK dafür 250 Millionen Euro aus, 180 Millionen stammten dabei aus der Honorarbereinigung mit der Kassenärztlichen Vereinigung, für die diese Ausgaben nicht mehr anfallen. Nun, bei der Vorstellung der ersten umfangreicheren Evaluationsergebnisse am 15. Juni, befand Hermann: „Das ist gut angelegtes Geld für eine Versorgerkasse.“ Für ihn persönlich sei es „ein Tag der Freude und der Genugtuung“.

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Wissenschaftler der Universitäten Frankfurt/Main und Heidelberg kommen zu dem Schluss, dass insbesondere chronisch Kranke besser und strukturierter versorgt wurden, wenn sie sich in den Hausarztvertrag (HzV) eingeschrieben hatten. Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, Heidelberg, betonte: „Sie haben mit ihrem Arzt im Schnitt pro Halbjahr fast zwei Kontakte mehr.“ Dies räumt für ihn auch den Verdacht aus, Pauschalhonorare könnten zu einem Rückgang der notwendigen Kontakte führen. Gleichzeitig sehe man, dass unkoordinierte Facharztbesuche im Vergleich von 2008 und 2010 um 13 Prozent zurückgegangen seien.

Am HzV-Vertrag der AOK nehmen derzeit 3 500 Hausärztinnen und Hausärzte sowie 1,1 Millionen Versicherte teil. Diese sind im Durchschnitt etwas älter als nichteingeschriebene Versicherte, zwei Drittel von ihnen gelten als chronisch krank. Auffällig ist, dass HzV-Patienten häufiger an strukturierten Behandlungsprogrammen (DMP) teilnehmen. Beim DMP Diabetes mellitus Typ 2 waren es 15 Prozent und damit doppelt so viele wie nichteingeschriebene Patienten, ähnlich beim DMP Koronare Herzkrankheit (etwa sechs gegenüber 2,5 Prozent) und beim DMP COPD (2,5 gegenüber 0,8 Prozent).

Verglichen wurden Daten aus den Quartalen III- und IV/2008 mit denen von 2010. Insgesamt waren knapp 1,5 Millionen Versicherte in die Evaluation eingeschlossen, sowohl solche, die sich für den Hausarztvertrag entschieden haben, als auch solche, die sich dagegen entschieden und in einer Praxis versorgt werden, die daran nicht teilnimmt.

Als weiteren Erfolg des Hausarztvertrags werten Szecsenyi und Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Frankfurt/Main, beide ausgewiesene Befürworter der hausarztzentrierten Versorgung, dass der Anteil der verordneten Me-too-Präparate im beobachteten Zeitraum um fast 25 Prozent gesunken ist. Die Arzneimittelkosten stiegen zudem bei eingeschriebenen Patienten etwas weniger stark als bei nichteingeschriebenen. Auch bei der Vermeidung von Polymedikation sei die Entwicklung günstiger, hieß es.

Gerlach hat zusätzlich untersucht, ob HzV-Patienten mit Herzinsuffizienz eine bessere medikamentöse Therapie erhalten. Die Unterschiede bei der Verordnung von ACE-Hemmern oder AT1-Blockern fielen jedoch gering aus, die Versorgung der HzV-Patienten konnte zudem nicht weiter verbessert werden. Der Wissenschaftler führt dies darauf zurück, dass es bereits vor Beginn der Untersuchung ein hohes Qualitätsniveau gab und der Spielraum für Verbesserungen gering war. So sei die Leitlinie „Herzinsuffizienz“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin bereits seit 2006 verfügbar und auch Gegenstand von Qualitätszirkeln in Baden-Württemberg gewesen.

Was die Arbeitszufriedenheit der Hausärzte betrifft, sind Unterschiede kaum vorhanden. Lediglich mit ihrem Einkommen sind HzV-Ärzte etwas zufriedener als andere. Die befragten Patienten wiederum beurteilten ihre Hausärzte durchweg positiv – egal, ob es sich um HzV-Ärzte handelt oder nicht. Vertrag und Evaluation, sagte Hermann, laufen weiter.

Sabine Rieser

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