ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2012Arzneimittelsicherheit: Azithromycin erhöht das kardiovaskuläre Risiko

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Arzneimittelsicherheit: Azithromycin erhöht das kardiovaskuläre Risiko

Dtsch Arztebl 2012; 109(27-28): A-1433 / B-1237 / C-1215

Heinzl, Susanne

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Schon länger ist bekannt, dass die Makrolidantibiotika Erythromycin und Clarithromycin zu schweren ventrikulären Rhythmusstörungen (Torsade de pointes) führen können. Azithromycin galt bislang als relativ wenig kardiotoxisch, in den letzten Jahren gab es jedoch vermehrt Berichte zu proarrhythmischen Wirkungen dieses Makrolids. Weil die im Zusammenhang mit Azithromycin auftretenden ventrikulären Arrhythmien häufig rasch tödlich endeten, wurde in einer retrospektiven Kohortenstudie die Sterblichkeit von Azithromycin-behandelten Patienten untersucht.

Die analysierten Daten stammten von 347 795 Patienten aus dem Tennessee-Medicaid-Programm, die zwischen 1992 und 2006 Azithromycin erhalten hatten und bestimmte Einschlusskriterien erfüllten. So durften sie nicht an einer lebensbedrohlichen kardiovaskulären Erkrankung leiden und in den letzten 30 Tagen nicht hospitalisiert worden sein. Als Kontrollgruppen dienten gematchte Patienten ohne Antibiotikatherapie (n = 1 391 180) sowie Patienten, die mit Amoxicillin (n = 1 348 672), Ciprofloxacin (n = 264 626) oder Levofloxacin (n = 193 906) behandelt worden waren. Primäre Studienendpunkte waren kardiovaskuläre Todesfälle und Todesfälle jeder Ursache.

Bei den Patienten, die Azithromycin über 5 Tage einnahmen, waren die Zahl kardiovaskulärer Todesfälle (Hazard Ratio 2,88; 95-%-KI 1,79–4,63; p < 0,001) sowie die Zahl aller Todesfälle (HR 1,85; 95-%-KI 1,25–2,75; p = 0,002) signifikant erhöht im Vergleich zu Patienten, die keine Antibiotika erhielten (Grafik). Bei Einnahme über 10 Tage war das kardiovaskuläre Risiko ebenfalls signifikant höher, das Gesamtmortalitätsrisiko unterschied sich jedoch nicht von den Patienten ohne Antibiotikabehandlung.

Bei Patienten, die Amoxicillin nahmen, war das Risiko nicht erhöht. Auch im Vergleich zu Amoxicillin erhöhte Azithromycin das Risiko für kardiovaskulären Tod (HR 2,49; 95-%-KI 1,38–4,50; p = 0,002) und alle Todesfälle (HR 2,02; 95-%-KI 1,24–3,30; p = 0,005). Das Risiko eines kardiovaskulären Todes war mit Azithromycin signifikant höher als bei Einnahme von Ciprofloxacin, aber es unterschied sich nicht signifikant, wenn die Patienten Levofloxacin nahmen, was nach Aussage von Prof. Dr. med. Ralf Stahlmann, Berlin, bemerkenswert ist.

Fazit: Eine 5 Tage dauernde Therapie mit Azithromycin erhöhte das Risiko für einen kardiovaskulären Tod. Im Vergleich zu Amoxicillin wurden 47 zusätzliche kardiovaskuläre bedingte Todesfälle pro 1 Million Therapiezyklen mit Azithromycin beobachtet. Bei hohem kardialem Risiko stieg die Zahl jedoch auf 245 zusätzliche Todesfälle pro 1 Million Therapiezyklen. „Die kardialen Grunderkrankungen scheinen also eine wichtige Rolle zu spielen“, sagte Stahlmann. In der Fachinformation werde bereits auf das Problem aufmerksam gemacht. Es bestehe dringender Aufklärungsbedarf, und es sei wichtig, die bestehenden Warnhinweise konsequenter zu beachten. Die FDA kündigte in einer ersten Stellungnahme an, die Risikobeurteilung von Azithromycin aufgrund dieser Ergebnisse zu überprüfen.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

  1. Ray WA, et al.: Azithromycin and the risk of cardiovascular death. NEJM 2012; 366: 1881–90. MEDLINE
  2. FDA Safety Alert vom 17. Mai 2012.

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Avatar #97143
michelvoss
am Donnerstag, 17. April 2014, 20:46

Azithromycin Herz-gefährlich - vor allem ohne Indikation (z.B. 5-Tage bei Virus).

not more cardiovascular deaths in young and middle-aged adults, funded by Danish Medical Research Council: http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1300799
"Azithromycin erhöht, zumindest bei jüngeren Menschen, die kardiovaskuläre Mortalität nicht": http://www.evimed.ch/AGORA/HTZ000/downloads/azithrom.pdf
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