ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/1998Behandlung von Tumorpatienten: Lebensqualität durch Schmerzfreiheit

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Behandlung von Tumorpatienten: Lebensqualität durch Schmerzfreiheit

Dtsch Arztebl 1998; 95(34-35): A-2020 / B-1708 / C-1604

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LNSLNS Eine effektive Schmerztherapie, verbunden mit einer seelsorgerischen Betreuung bei schwerkranken onkologischen Patienten, ist möglich und notwendig.
Deutschland nehme beim Verbrauch von Opiaten in der Tumortherapie international einen hinteren Rang ein. Das sagte Dr. med. Hermann-Josef Verführt, Vorsitzender der Ärztekammer (ÄK) Nordrhein, Kreisstelle Neuss, bei einem Symposium zum Thema "Behandlung und Betreuung von schwerkranken onkologischen Patienten" in Neuss. So würden in Deutschland rund siebenmal weniger Opiate für Tumorkranke verordnet als zum Beispiel in Dänemark. Dabei sei die Opiatgabe bei Tumorkranken eine äußerst effektive und sichere Arzneimitteltherapie, betonte Verführt auf der von der ÄK Nordrhein, Kreisstelle Neuss, und der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) gemeinsam veranstalteten Tagung.
In seiner Praxis, so Prof. Dr. med. Eberhard Klaschik, Chefarzt im Malteserkrankenhaus Bonn, habe es noch nie einen Fall von psychischer Abhängigkeit gegeben, wenn eine konsequente Therapie mit Opiaten vorgenommen würde. Es gelte, die individuell richtige Dosis und das optimale Zeitintervall zu finden. So könne das Wiederauftreten von Schmerzen verhindert werden.
Den Einsatz von mobilen, leicht bedienbaren Schmerzpumpen im häuslichen Bereich erläuterte der Neusser Anästhesist und Schmerztherapeut Dr. med. Franz Heusgen. Die Akzeptanz bei den Patienten sei hoch, die Compliance gesichert. Die Patienten könnten schmerzgelindert oder schmerzfrei im häuslichen Bereich verbleiben und Lebensqualität gewinnen. Leider würden die Schmerzpumpen noch zu selten von den behandelnden Ärzten angefordert.
Wesentliche Erleichterungen bei Verschreibungen von Betäubungsmitteln nach Inkrafttreten der 10. Novelle der Betäubungsmittel-Verschreibungs-Verordnung erläuterte die Amtsapothekerin Sigrid Mentgen aus Grevenbroich (dazu Deutsches Ärzteblatt, Heft 5/1998).
Die Notwendigkeit der seelsorgerischen Betreuung bei schwerkranken onkologischen Patienten unterstrich Pfarrer Volker Lehnert aus Neuss. Auf der Grundlage einer effektiven Schmerztherapie könne dem Sterbenden die Möglichkeit gegeben werden, sich aktiv und unter Wahrung seines Selbstbestimmungsrechtes auf den Tod vorzubereiten: "Wer vor Schmerzen schreit, kann weder hoffen noch glauben, noch beten." Weiterer Aspekt der seelsorgerischen Betreuung sei aber auch, bei Familienangehörigen und Verwandten eine Akzeptanz des nahenden Todes zu erreichen. Dr.-Ing. Wolfgang Boretzky von der Hospizbewegung in Kaarst stellte die Möglichkeit des ambulanten Hospizdienstes dar. Mit zur Zeit 42 ehrenamtlichen, gut geschulten Helferinnen und Helfern sei eine Tag- und Nachtbetreuung von schwerkranken Sterbenden möglich. Weitere ehrenamtliche Mitarbeiter würden aber dringend benötigt.
Nach Auffassung von Klaus Limpinsel, Leiter der AOK Neuss, sollte dem schwerkranken Patienten die Möglichkeit gegeben werden, in seinem gewünschten Umfeld zu Hause zu verbleiben und dort sterben zu können. Deshalb unterstützt die AOK Neuss mit einem Tagespauschalbetrag die Verwendung der Schmerzpumpen. Limpinsel wünscht sich, daß die Krankenkassen weitere finanzielle Unterstützung neben der hospizmäßigen Versorgung, auch im Bereich der pflegerischen Versorgung, bereitstellen könnten. Dies scheitere aber an den restriktiven Vorschriften der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Trotzdem bliebe auf individueller Ebene noch genug Spielraum, Hilfe anzubieten.
Nach Darlegung von Dr. med. Karl-Heinz Munter, Geschäftsführer der AkdÄ, engagiert sich die Arznei­mittel­kommission seit vielen Jahren für eine bessere Schmerztherapieversorgung von schwerkranken onkologischen Patienten. Die häusliche Versorgung, die von den meisten Patienten ausdrücklich gewünscht wird, sei kostengünstiger als eine stationäre Betreuung im Krankenhaus. Trotz möglicher finanzieller Einsparungen stelle das sektorale Budgetdenken ein Hindernis dar, den ambulanten Hospizdienst und die seelsorgerische Betreuung finanziell zu unterstützen.
Dr. Munter forderte die Krankenkassen sowie die Ärzteschaft auf, innovative Lösungen zu finden. Budgetschranken müßten aufgehoben werden, damit eine Betreuung in einem integrativen Netzwerk von medizinischer und pflegerischer, psychosozialer und seelsorgerischer Versorgung ermöglicht würde. Das Selbstbestimmungsrecht und die Würde des sterbenden Menschen habe im Mittelpunkt zu stehen und nicht das System. EB
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