ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2012Psychische Erkrankungen, Burn-Out und Arbeitsunfähigkeit: Immer häufiger überfordert

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Psychische Erkrankungen, Burn-Out und Arbeitsunfähigkeit: Immer häufiger überfordert

Bühring, Petra

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Die betrieblichen Fehltage aufgrund von Burn-out haben enorm zugenommen. Das ermittelte die Bundespsychotherapeutenkammer in einer neuen Studie. Die Unternehmen beginnen zu reagieren.

Die Zahl der betrieblichen Fehltage aufgrund von Burn-out ist seit 2004 um fast 1 400 Prozent gestiegen. Diese enorme Zahl ermittelte die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) in ihrer neuen Studie „Arbeitsunfähigkeit und psychische Erkrankungen 2012“. Dabei hat die BPtK die Angaben der großen gesetzlichen Krankenkassen (AOK, BKK, DAK, TK) zu Arbeitsunfähigkeit, psychischen Erkrankungen und Burn-out ausgewertet. Es zeigte sich, dass die Anzahl der Krankschreibungen aufgrund eines Burn-outs (Z73 im ICD-10-GM) um 700 Prozent gestiegen ist und die Anzahl der Fehltage um das Doppelte stieg.

„Die Menschen fühlen sich in ihrem Leben und bei ihrer Arbeit immer häufiger überfordert“, stellte Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der BPtK, fest. Er sieht einen „grundlegenden Wandel“ in der Arbeitswelt, mit einem stetig gewachsenen Arbeitsdruck und unsicheren Beschäftigungsverhältnissen.

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Gesellschaftliches Umdenken

Chronische Überforderung und Stress am Arbeitsplatz können zu Depressionen, Angststörungen, Rückenschmerzen, Tinnitus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Darauf machte auch der 115. Deutsche Ärztetag aufmerksam. Die Delegierten forderten in einer Entschließung ein gesellschaftliches Umdenken: „Die Arbeitswelt muss sich wieder mehr den Menschen anpassen, statt vorrangig Renditeerwartungen zu erfüllen.“

Im Jahr 2004 fehlten 100 Versicherte 0,6 Tage aufgrund von Burn-out, im Jahr 2011 waren es schon neun Tage. Ihr Anteil an allen Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen sei aber noch gering, heißt es in der Studie der BPtK. Aktuell würden 12,5 Prozent aller betrieblichen Fehltage durch psychische Erkrankungen verursacht. Insgesamt setzte sich auch 2011 der Trend fort, dass Arbeitnehmer immer häufiger aufgrund von psychischen Erkrankungen im Betrieb fehlen. Damit habe sich der Anteil der AU-Tage seit 2000 in etwa verdoppelt.

„Im Gespräch mit dem Arzt schildern viele Arbeitnehmer Erschöpfung oder Stress“, weiß der BPtK-Präsident. Dahinter würden meist psychische Erkrankungen stecken. Bei 85 Prozent der Krankschreibungen wegen Burn-outs diagnostizierte der Arzt so auch zusätzlich eine psychische (Depression, Angststörung) oder eine körperliche Erkrankung (Rückenschmerzen). Nur 15 Prozent der Burn-out-Krankschreibungen erfolgten ohne eine weitere Diagnose. Auch dann könne Burn-out jedoch ein Hinweis auf eine entstehende psychische oder körperliche Erkrankung sein.

Die BPtK weist darauf hin, dass Burn-out keine anerkannte psychische Erkrankung ist, sondern eine Zusatzkodierung (Z73) im ICD-10. „Eine solche Kategorie ist durchaus sinnvoll, weil sie dem Arzt die Verschlüsselung von psychosozialen Risikofaktoren ermöglicht“, erläutert Richter. Es müsse dann jedoch sichergestellt sein, dass eine diagnostische Abklärung oder eine Behandlung eingeleitet werde.

Psychische Erkrankungen führen zu besonders langen Fehlzeiten von durchschnittlich 30 Tagen. Depressiv erkrankte Arbeitnehmer fehlten durchschnittlich sogar 39 Tage. Nach jüngsten Berechnungen der Bundesregierung entstehen den Unternehmen jährlich durch psychische Krankheiten Produktionsausfälle von 26 Milliarden Euro. „Immer mehr Unternehmen beauftragen deshalb externe Dienstleister, um ihren Mitarbeitern zeitnah Hilfe bei psychischen Problemen anbieten zu können“, berichtete Norbert Breutmann von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Die Mitarbeiter können die Beratungsangebote (Employee Assistance Programs; EAP) dieser Dienstleister in Anspruch nehmen, ohne dass der Arbeitgeber davon erfährt.

„Bislang gibt es aber keine Qualitätssicherung der Anbieter“, sagte Breutmann. Die BPtK hat jetzt eine Checkliste für EAP erarbeitet, mit der Unternehmen Anbieter finden sollen, die Mitarbeiter so betreuen, „dass sich aus psychischen Krisen oder Burn-out-Beschwerden keine behandlungsbedürftigen Krankheiten entwickeln“, erläuterte Richter. Bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung müsse immer die Abklärung durch Psychotherapeuten oder qualifizierte Fachärzte erfolgen.

„Anti-Stress-Verordnung“

Die IG Metall hat gerade einen Entwurf für eine Verordnung zum Schutz vor Gefährungen durch psychische Belasungen in der Arbeitswelt vorgelegt und sie „Anti-Stress-Verordnung“ genannt. Eine verbindliche Regelung, die psychische Belastungen mit anderen Gefährdungen wie Lärm, unzureichendem Licht oder Toxinen gleichstellt, sei unverzichtbar, so die Gewerkschaft. Die Verordnung formuliert Vorgaben für die Gestaltung der Arbeitsorganisation, der sozialen Beziehungen, Umgebungsbedingungen und der Arbeitszeit. Sie soll den fehlenden Baustein im Arbeitsschutzgesetz bilden und muss jetzt nur noch umgesetzt werden.

  Petra Bühring

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