ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2012Spezialheime in der DDR: Endstation Torgau

THEMEN DER ZEIT

Spezialheime in der DDR: Endstation Torgau

PP 11, Ausgabe Juli 2012, Seite 314

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Nach Torgau kam, wer sich nicht anpassen wollte – überdimensioniertes Foto eines Jugendlichen hinter einem Fenster der heutigen Gedenkstätte. Foto: dpa
Nach Torgau kam, wer sich nicht anpassen wollte – überdimensioniertes Foto eines Jugendlichen hinter einem Fenster der heutigen Gedenkstätte. Foto: dpa

Die gewaltsame Umerziehung zum „Neuen Menschen“ hinterließ Tausende traumatisierter Opfer. Ihnen soll geholfen werden. Eine Wanderausstellung informiert. Der Staat legt einen Fonds auf.

Die Anschrift mutet heimelig an: Fischerdörfchen 15, Torgau. Gleich neben der Brücke über die Elbe, an der sich Amerikaner und Sowjets 1945 die Hand reichten. Hier war bis zum November 1989 der Geschlossene Jugendwerkhof untergebracht. Er galt als Endstation im System der Spezialheime der DDR. In Torgau wurden jene, die aus anderen Heimen entwichen waren, weggeschlossen. Gleich nach der „Wende“ ließ man die Gitter vor den Fenstern absägen, um den Eindruck zu verwischen, es handele sich um ein Zuchthaus. Denn formal war „Torgau“ eine Einrichtung der Jugendhilfe. „Niemand kam aufgrund eines Gerichtsbeschlusses hierhin“, versichert Ingolf Notzke von der „Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau“, die eine private Initiative unterhält.

Anzeige

„Schwer erziehbar“

In der DDR gab es 474 Heime mit 30 000 Plätzen für Kinder und Jugendliche von drei bis 18 Jahren, darunter 389 „Normalheime“ mit mehr als 22 000 Plätzen, die als Familienersatz gedacht waren, sowie „Spezialheime“ für Minderjährige mit tatsächlichen oder vorgeblichen Erziehungsschwierigkeiten, und zwar 38 Spezialkinderheime, das „Kombinat Sonderheime für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie“ mit vier Heimen und einer Aufnahmestation, 32 Jugendwerkhöfe für „Schwererziehbare“ zwischen 14 und 18 Jahren sowie mehrere Durchgangsheime. In den staatlichen Heimen, das waren mehr als 80 Prozent, sollen etwa 495 000 Minderjährige zwischen 1949 und 1990 gewesen sein, darunter 135 000 in den Spezialheimen. Die Zahlen differieren leicht je nach benutzter Quelle.

Der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau – zu DDR-Zeiten eines von 474 „Spezialheimen“ für Minderjährige. Foto: dapd
Der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau – zu DDR-Zeiten eines von 474 „Spezialheimen“ für Minderjährige. Foto: dapd

Die Heime unterstanden Margot Honeckers Ministerium für Volksbildung. Dessen Abteilung für Jugendhilfe leitete Eberhard Mannschatz. 1977 wurde für ihn an der Berliner Humboldt-Universität eigens ein Lehrstuhl für Jugendhilfe und Heimerziehung eingerichtet. Mannschatz gilt als „geistiger Vater der Umerziehung“, wie der frühere Heimerzieher Martin Hannemann 1993 vor der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ berichtete. Mannschatz war Anhänger des sowjetischen Pädagogen Anton Semjonowitsch Makarenko, der die Kollektiverziehung in Selbstverwaltung der Jugendlichen propagierte und in der Jugendstrafkolonie „Gorki“ erprobte, um aus Schwererziehbaren neue Menschen zu formen. Das Konzept übertrug Mannschatz auf die Spezialheime der DDR, insbesondere auf die Jugendwerkhöfe. Als schwer erziehbar galt Hannemann zufolge ein Kind, „wenn es aktiv Widerstand gegen die Erziehung leistete oder gestörte Beziehungen zur Umwelt aufwies oder schlecht auf das Leben im Kollektiv und in der Gesellschaft vorbereitet war“. Der Gesellschaftsbezug scheint bei der Beurteilung eine ausschlaggebende Rolle gespielt zu haben. Denn auch nach Mannschatz (1979) lag Schwererziehbarkeit vor, „wenn wiederholt die gesellschaftliche Disziplin verletzt wurde, damit verbunden ,psychische Besonderheiten‘ auftraten, die zum Konflikt mit der unmittelbaren Umgebung führten“. Die Diagnose „Gesellschaftsunfähigkeit“ habe dazu geführt, erklärt Notzke von der Gedenkstätte Torgau, dass zunehmend Jugendliche aus politischen Gründen in die Spezialheime eingewiesen wurden, etwa weil sie sich westlichen Einflüssen wie der Beat- oder Popkultur geöffnet hätten. Selbst „Passvergehen“, sprich versuchte Republikflucht, oder Kritik am Sozialismus und dessen Protagonisten galten als Einweisungsgründe. Zunächst wurde in die „offenen“ Heime eingewiesen. Nach Torgau kam, wer sich hier nicht anpassen konnte. Innerhalb von (bis zu) sechs Monaten sollte er oder sie dort „gebrochen“ werden, notfalls durch wiederholte Einweisung.

Das Makarenko-Mannschatz-Konzept der Kollektiverziehung artete in der Praxis der DDR in Gewalt durch die Gruppe aus. Die Erzieher bestraften oft nicht den Einzelnen, sondern stellvertretend die ganze Gruppe, was diese gegen die Verursacher aufbrachte, erläutern die Psychiater Ruth Ebbinghaus und Martin Sack, „die Erzieher sahen absichtlich weg oder forderten indirekt auch zu solchen Strafen auf“. So sagt auch Notzke über Torgau: „Wenn abends die Gruppe weggeschlossen war, rächte sich die Gruppe an den Delinquenten.“ Die hätten sich nicht getraut, den wachhabenden Erzieher zu rufen, weil der sich ohnehin nicht kümmerte und die Gruppe sodann umso härter strafte.

Arrest in solchen Zellen konnte bis zu zwölf Tagen verhängt werden – meist reichten drei Tage, um die Jugendlichen gefügig zu machen. Foto: dapd
Arrest in solchen Zellen konnte bis zu zwölf Tagen verhängt werden – meist reichten drei Tage, um die Jugendlichen gefügig zu machen. Foto: dapd

Organisierte Gewalt

Viele der ehemaligen Heimkinder berichten aber auch von brutaler Gewalt durch Erzieherinnen, Erzieher und Lehrkräfte, stellen Ebbinghaus und Sack fest: „Sie wurden von den Erziehern getreten, mit Händen, Fäusten oder Gegenständen geschlagen, ihnen wurden die Arme umgedreht.“ Andreas Gatzemann, der über Torgau promovierte und viele Ehemalige interviewte, resümiert: „Narben und Schmerzen erinnern noch heute viele der Befragten an die Vergangenheit.“

Sexueller Missbrauch durch Erzieher, aber auch der Jugendlichen untereinander, wurden aus allen Heimformen berichtet. Das Thema ist jedoch tabuisiert. Die Missbrauchsdebatte der letzten Jahre könnte indes manche Ehemaligen ermutigen, sich zu offenbaren. Jedenfalls hat der „Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“ das Thema entdeckt und für den Sommer 2013 eine Empfehlung angekündigt, „wie eine umfassende, systematische und unabhängige Bearbeitung aussehen könnte“.

Schwierige Jugendliche oder gar Rechtsbrecher hätte es in der DDR eigentlich nicht geben dürfen. Allenfalls in den ersten Jahren, als der Sozialismus noch nicht vollendet war. Solange galt es, „Asoziale“ umzuerziehen. Optimisten wie die Makarenko-Anhänger glaubten, das werde gelingen. Anderen, denen dieser Prozess zu lange dauerte, plädierten für das harte Durchgreifen. Es hat den Anschein, als hätten sich die Hardliner durchgesetzt. Für eine aufwendige, verstehende Erziehung fehlten zudem die Ressourcen – materiell: Die Spezialheime scheinen in kläglichem Zustand gewesen zu sein. Und personell: Es mangelte an qualifizierten Erziehern, eine Versetzung ins Spezialheim galt vielen als Strafe. Es fehlten Ärzte, vor allem die bei der Klientel der Heime an sich unabdingbaren psychiatrisch erfahrenen Ärzte und Psychologen. Abgesehen vom Kombinat Sonderheime. Aber auch dort wurden die Kinder und Jugendlichen gerne medikamentös ruhiggestellt. Auch reichten die Plätze nicht. Die an sich vorgesehene Schulausbildung wurde in den Spezialheimen auf ein Minimum heruntergefahren: statt zehn Jahre nur acht, nur wenige Wochenstunden Unterricht. Die Berufsausbildung in den Jugendwerkhöfen mutierte zur Arbeitstherapie, noch dazu in Arbeitsfeldern wie Tagbau oder Gleisbau, die als besonders hart galten.

Um Jugendliche, die mit 18 Jahren aus dem System der Spezialheime herausgefallen seien, habe sich die Jugendhilfe nicht mehr geschert, sagt Notzke. Betriebe, die sie hätten aufnehmen müssen, hätten sich gedrückt, versichert Verena Zimmermann, die 2004 über den durch Umerziehung zu schaffenden „Neuen Menschen“ promovierte. 30 bis 50 Prozent der aus den Jugendwerkhöfen Entlassenen seien straffällig geworden.

Die Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung kommt langsam in Gang. Sie ist notwendig, nicht allein um der historischen Wahrheit willen, sondern um den vielen, wahrscheinlich Tausenden von Opfern helfen zu können. Allein schon die ungeschönte Schilderung der Zustände nimmt denen, die sich bis heute schämen, eine Last von der Seele.

Die Gedenkstätte Torgau hat gerade eine Wanderausstellung organisiert, die vor allem über die Spezialheime informiert und derzeit durch ostdeutsche Städte tourt. Eine Bund- (Ost)Länder-Arbeitsgruppe bestätigt, dass „vielen Kindern und Jugendlichen in den Heimen der DDR schweres Leid und Unrecht widerfahren ist“. Sie hat nicht nur Experten befragt, sondern auch Betroffene angehört, die sich lange nicht getraut haben, sich zu offenbaren. Seit März liegt ihr Bericht „Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR“ vor, dem Expertisen zu Rechtsfragen (Dr. Friederike Wapler, Göttingen), Erziehungsvorstellungen (Prof. Dr. Karsten Laudien, Dr. Christian Sachse, beide Berlin) und zu den komplexen Traumatisierungen der ehemaligen Heimkinder (Ruth Ebbinghaus, Würzburg, und Dr. med. Martin Sack, München) beigefügt sind. Der Bericht fußt auf einem Beschluss des Deutschen Bundestages und fasst zusammen, was seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik über die Heimerziehung bekanntgeworden ist und zunehmend auch wissenschaftlich behandelt wird. Vor allem aber: Er enthält Vorschläge, wie den Opfern zu helfen ist. Diese können ab 1. Juli 2012 aus dem sogenannten Fonds Heimerziehung Ost, der mit 40 Millionen Euro dotiert ist, unterstützt werden. Alle ostdeutschen Bundesländer wollen Anlauf- und Beratungsstellen einrichten, denn die meisten Opfer wissen gar nicht, wie sie vorgehen sollen.

Für den Westen untersucht ein Runder Tisch bereits seit 2008 im Auftrag des Deutschen Bundestages die westdeutsche Heimerziehung zwischen 1949 und 1975. Denn, nicht zu vergessen, auch in Westdeutschland wurde bis in die 60er Jahre hinein drakonisch erzogen. Die Opfer können seit dem 1. Januar 2012 durch den 120 Millionen Euro starken Fonds „Heimerziehung West“ unterstützt werden.

Trotz der Aufarbeitung – die Schrecken bleiben ein Leben lang. Der heutige Besucher des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau kann sie, freilich nur unvollkommen, nachempfinden.

Wohnen im Fischerdörfchen

Zum Abschluss noch mal ins Fischerdörfchen 15. Die frühere Verwaltung des Jugendwerkhofs, ein repräsentatives Gebäude, beherbergt heute die Gedenkstätte mit einer beklemmenden Ausstellung. Der daran anschließende Arbeits- und Zellentrakt für 60 Insassen ist hinter rustikalen Holzbalkonen verschwunden. Ein Investor hat den Komplex 1996 von der Treuhand gekauft und in Wohnungen aufgeteilt. Der frühere Gefängnishof, in den die Jungen und Mädchen zum Sport bis zum Umfallen getrieben wurden, ist in Gärtchen parzelliert. Gepflegt und lauschig.

Ein Hauseingang führt zu den Mieterkellern, davor eine Tür mit der Aufschrift „Dunkelzellen“. Dahinter, ein Geschoss tiefer, der lange Gang mit den alten Arrestzellen. Der Keller liegt tief, bei Elbhochwasser dürfte das Wasser gestiegen sein. Heute ist alles trocken und gestrichen, bis auf ein paar gekritzelte Worte: „Ich bin als Mensch geboren, und will als Mensch hier raus.“

Unfreiwillige Einsicht

In jede Zelle passen gerade eine Pritsche, ein Hocker und ein Kübel. Die „Liegestatt“, wie die Arrestordnung formuliert, war tagsüber hochzuklappen. Singen und Pfeifen verboten, keine Lektüre, kein Radio, persönliche Gegenstände wurden außerhalb der Zelle aufbewahrt. Vollständige Isolation. Reden nur mit dem Wärter: „Wird die Arrestzelle geöffnet, haben Sie Grundstellung einzunehmen und Meldung zu machen. Inhalt der Meldung ist: Name, Dauer des Arrestes, Grund des Arrestes, die schon verbüßte Zeit.“ Soweit die Arrestordnung. Arrest konnte bis zu zwölf Tagen verhängt werden. Doch „in der Regel benötigen wir drei Tage, um die Jugendlichen auf unsere Forderungen einzustimmen“, konstatierte 1972 Horst Kretzschmar, der bis 1989 den Geschlossenen Jugendwerkhof leitete. Die Jugendlichen – das zur Erinnerung – waren zwischen 14 und 18 Jahre jung.

Professor Eberhard Mannschatz (84), der geistige Vater des Systems der Spezialheime, der Jahrzehnte auch mit verantwortlich für deren Zustand war, sorgte im Mai 2012 noch einmal für Aufregung: Die Hochschule des Rauhen Hauses in Hamburg hatte seinen „Rückblick auf die Soziale Arbeit in der DDR“ aus dem Jahr 1995 zur Lektüre empfohlen. Mannschatz ist bis heute uneinsichtig. Während er die Kritik an der DDR-Heimerziehung damit abtut, sie diene dazu, „um an diesem sensiblen Bereich den Unrechtscharakter der DDR zu suggerieren“, erteilt er unverdrossen Ratschläge: „Geschlossene Heime gehören nicht in das sozialpädagogische Hilfesystem. Erziehungswirkungen bleiben aus oder schlagen in ihr Gegenteil um.“ Man glaubt es kaum: Der Mann hat sich mal Torgau et cetera ausgedacht.

Norbert Jachertz

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema