ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/1998Auxiologie und Anatomie bei Goethe: Größer als die Zeitgenossen

VARIA: Feuilleton

Auxiologie und Anatomie bei Goethe: Größer als die Zeitgenossen

Hesse, Volker

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LNSLNS Den morphologischen Interessen des Dichters ist es zu verdanken, daß er Vermessungen seines eigenen Körpers vornehmen ließ.
Bereits in seiner Straßburger Zeit hat der 21jährige Goethe als Student der Rechte medizinische Vorlesungen bei den Straßburger Universitätslehrern Johann Friedrich Lobstein, Jakob Reinhold Spielmann, Johann Friedrich Ehrmann und Johann Christian Ehrmann gehört (4) und so erstmals Kontakt zur damaligen akademischen Medizin gehabt. Nachdem er, 26jährig, 1775 nach Weimar umgesiedelt und in den Staatsdienst des Herzogtums Sachsen-Weimar eingetreten war, wo er als Mitglied des Geheimen Consiliums, ab dem 11. Juni 1776 als Geheimer Legationsrat tätig war, wurden ihm drei Jahre später, im Januar 1779, als eigene Ressorts die Kriegskommission und die Direktion des Wegebaus übertragen. Zu den damit verbundenen Aufgaben gehörte auch die Aushebung von Rekruten.
Die Messung von Rekruten
Die Musterungsuntersuchung war bereits zu Goethes Zeiten mit einer objektiven Messung der Körperhöhe verbunden, deren Ergebnis auch Einfluß auf die Musterungsentscheidung hatte. In einer Handskizze hat Goethe über die Musterungsuntersuchung und die Messung von Rekruten, die er zwischen dem 28. Februar bis 12. März 1779 in Apolda durchführen ließ, informiert. Hervorzuheben ist Goethes genaue Beobachtung des Meßvorganges. Die Rekruten müssen sich zunächst die Schuhe ausziehen. Der zu messende Rekrut wird von dem messenden Soldaten so fest an die Meßlatte gedrängt, daß die Fersen und der Rücken an dem vertikalen Teil der Meßlatte anliegen. Der Unterkiefer wird etwas angehoben, so daß die gewünschte Kopfhaltung in AugenOhr-Linie eingehalten wird.
Der "Kriegsminister" Goethe erwies sich bei einem Rekruten, dem Supplikanten Johann Andreas Frisch, der heiraten und deshalb nicht Soldat werden wollte, bei einer "Auslesung" (Musterung) in Dorndorf bei Jena als sehr tolerant. Er fand ihn bei der Auslesung ". . . zu klein und zu hiesigen Militairdiensten unbrauchbar . . .", wie er in einem Bericht dem Geheimen Consilium mitteilte (11).
Das Interesse von Goethe an der Proportionierung und dem Aufbau des menschlichen Körpers nahm zu, als er im Herbst des Jahres 1781 Kontakt zu dem bekannten Jenenser Mediziner und Anatomen Justus Christian Loder (1753 bis 1832) aufnahm und eine Woche lang Sektionen beiwohnte. Seinem Landesherrn Herzog Carl August teilte er unter anderem mit: "Zwey Unglückliche waren uns eben zum Glück gestorben die wir denn auch ziemlich abgeschält und ihnen von dem sündigen Fleisch geholfen haben . . ." (WA IV, 5 [98], 211). Goethe macht sein neu erworbenes Wissen gleich unmittelbar für einen größeren Kreis von Menschen nutzbar, indem er Anatomieunterricht an der Weimarer Zeichenakademie erteilt. In einem Brief an Carl August schreibt er: "Auf dem Mittwoch fang ich auf der Akademie Abends an das Skelet den jungen Leuten zu erklären, und sie zur Kenntniß des menschlichen Körpers anzuführen." (WA IV, 5 [98], 211)
Goethe führt seine Studien in Jena fort. 1784 gelang ihm durch vergleichende anatomische Studien ein sensationeller Fund. Er entdeckt am Schädel des Menschen das Os intermaxilliare, das nach damaliger theologischer Ansicht beim Affen, aber nicht beim Menschen vorkommen und den Menschen vom Affen abgrenzen sollte. An Herder schreibt er am 27. März 1784: ". . . Ich habe gefunden weder Gold noch Silber, aber was mir eine unsägliche Freude macht - das Os intermaxilliare am Menschen. Ich verglich mit Lodern Menschen- und Tierschädel, kam auf die Spur und siehe, da ist es. (. . .) Es soll Dich auch recht herzlich freuen, denn es ist wie der Schlußstein zum Menschen . . ." (WA IV, 6 [99], 258). Goethes Entdeckung wurde jedoch von "Fachpäpsten" abgelehnt. Seine Arbeit wurde zwar als Manuskript fertiggestellt, aber erst 1820 gedruckt. Loder jedoch nahm bereits 1788 Goethes Erkenntnis in sein "Anatomisches Handbuch" auf (2).
Während seiner italienischen Reise in den Jahren 1786 bis 1788 widmete sich Goethe vor allem auch dem anatomischen Zeichnen. Diese Bemühungen dienten in erster Linie dazu, eine Ein-schätzung der Proportionen der klassischen Statuen vornehmen zu können und sein Zeichentalent weiterzuentwickeln. Goethe beschäftigte sich dabei gezielt auch mit den verschiedenen Zahlenformeln für die Proportionen der menschlichen Gestalt (Corpus der Goethezeichnungen III, Nr. 121 f., S. 198 und S. 54 f.).
Im Oktober 1786 fing er in Rom an, die menschliche Gestalt zu zeichnen. Er begann mit Studien des Kopfes, nachfolgend widmete er sich besonders Muskelstudien und Darstellungen von Fuß und Hand. Goethe bildete sich nicht nur in diesen Jahren, sondern auch in den nachfolgenden auf dem Gebiet der Anatomie fort. So hörte er in Rom anatomische Vorträge bei dem Sohn des Anatomen Petrus Camper, Gilles Adrian Camper. Nach seiner Rückkehr aus Italien nahm er an Vorlesungen über die Anatomie der Muskeln, die Prof. Loder in Jena im Zeitraum vom 9. bis 21. November 1788 hielt, teil.
Aus naturwissenschaftlicher Sicht, aber auch aus der Sicht des Künstlers, dem das Bild eines idealen Menschen vorschwebt, befaßte er sich auch weiterhin mit den männlichen und weiblichen Proportionen.
Eine Lebendmaske
Als Goethe von dem Kasseler Arzt und Naturforscher S. T. von Sömmering (1755 bis 1830) dessen Buch über den menschlichen Körper erhält, schreibt er ihm am 31. Mai 1791 erfreut: "Sie haben mir durch Ihr Werk über den Bau des menschlichen Körpers ein sehr angenehmes Geschenk gemacht" und fährt fort, nachdem er Sömmering glücklich gepriesen hat, daß dieser sich ganz "der Untersuchung des thierischen Gebäudes widmen kann": "So oft ich mich von anderen Gegenständen losmache und diesen näher und genauer betrachte, so entsteht immer in mir der lebhafteste Wunsch, mich ausschließlich damit beschäftigen zu können." (. . .) (WA IV, 9 [102], 265). Die Schriften Goethes zur Morphologie des Tieres (und des Menschen) füllen einen ganzen Band der berühmten Weimarer Ausgabe von Goethes Werken. Das Interesse Goethes an der Schädellehre blieb bestehen. Bei einem Besuch in Lauchstädt und Halle im Jahr 1805 hörte Goethe Vorlesungen des Phrenologen Franz Josef Gall (1758 bis 1828) über dessen Schädellehre. Gall war der Ansicht, daß man von der äußeren Schädelform eines Menschen auf dessen physische Konstitution schließen könne. Während diese Gallsche Vorstellung heute vergessen ist, wurde seine Lokalisationslehre, die aussagte, daß bestimmte Fähigkeiten des Gehirns definierten Hirnregionen zuzuordnen sind, in der Folge bedeutsam.
Noch im September 1805 kommt Gall nach Weimar, ein weiterer Besuch folgt im September 1807. Es ist Gall gelungen, daß sich Goethe vom Hofbildhauer, Karl Gottlob Weißer, eine Le-bendmaske für ihn abnehmen ließ. Gall hatte schon am 23. September 1807 von Basel in einem Brief an Bertuch nach Weimar geschrieben: "Wenn Goethe da ist, so beschwören Sie ihn doch, daß er mir seinen prächtigen, herrlichen Kopf abdrucken läßt. Alle Welt lacht mich aus, daß ich ihn nicht habe . . ." (10).
Den zweiten Besuch Galls dokumentiert Goethe in seinen Tagebucheintragungen vom 16. Oktober 1807. Hier heißt es: "Dr. Gall kam nach Tisch wieder, bis wir über seine Lehre bis gegen Abend sprachen; da ich mich für ihn abgießen ließ." Die Gesichtsmaske Goethes von Weißer ist ein kostbares Persönlichkeitsdokument. Auffallend war eine Gesichtsskoliose Goethes mit einer rechtskonkaven Ausprägung. Auf der linken Gesichtsseite waren Nasenflügel und Mundwinkel etwas tiefer. Die Maße der Weißerschen Gesichtsmaske des 58jährigen Goethe wurden von dem Anatomen P. J. Möbius 1898 vermessen und so ermittelt (7). Nicht vergönnt war es dagegen dem Berliner Bildhauer J. G. Schadow (1764 bis 1850), Goethes Kopfmaße zu erhalten. Schadow hatte Goethe am 22. September 1802 in Weimar besucht und ihn unmittelbar nach der Begrüßung gefragt, ob er Goethes Kopf ausmessen dürfe, um die Maße für eine Büste verwenden zu können. Goethe lehnte ab und sagte später hierzu: "Er habe ihn wie der Oberon des Sultan gleich um ein paar Backenzähne und Haare aus seinem Bart gebeten . . ." (5).
Während die Weißersche Büste recht bekannt ist, war es schwer, Daten zur "Auxiologie" Goethes selbst, das heißt objektive Angaben zu dessen Körpermaßen, heute noch nachzuweisen (Abbildung 2). Ausgehend von einer Kleinskulptur von Christian Daniel Rauch und von einem Hinweis von F. und R. Egger (1878), daß C. D. Rauch bei seinem Besuch in Weimar im Jahre 1824 von Goethe Maße genommen habe, konnte der Autor entsprechende Belege im Nachlaß von C. D. Rauch in Berlin auffinden (6). Die Meßskizze, die C. D. Rauch am 27. Juni 1824 anfertigte, weist eine Körperhöhe von sechs Fuß eineindrittel Zoll Weimarisches Fußmaß auf, das heißt, der fast 75jährige Goethe war noch 172,4 Zentimeter groß. Bei einer zweiten, vier Jahre später am 24. September 1828 vorgenommenen Messung war Goethe 171,5 Zentimeter groß (6). Nicht ganz einfach ist eine Berechnung der Körperhöhe des jungen Goethe. Die Körperhöhe des Menschen vermindert sich ab etwa dem 45. Lebensjahr (12), wobei vorwiegend die Sitzhöhe betroffen ist. Bis heute existieren nur wenige Längsschnittstudien, die einen Vergleich 75jähriger mit 20- bis 30jährigen erlauben. Sowohl bei einer Annahme einer Körperreduktion von 1,8 Prozent vom 47. bis 55. Lebensjahr (1) zum höheren Alter (über 75 Jahre) als auch unter Berücksichtigung der Längsschnittuntersuchungen für Männer (8, 12) kann man für den jungen Goethe eine Körperhöhe von etwa 176 Zentimetern errechnen. Goethe war damit deutlich größer als seine Zeitgenossen, deren Durchschnittsgröße etwa 168 Zentimeter betrug. Ein würdevoller Greis
Nachdem Goethe, der jahrelang sehr schlank war und durch eine übergerade Haltung auffiel, sich eine auch das Essen und Trinken liebende Lebensgefährtin (Christiane Vulpius) zugelegt hatte, war er in dem Jahrzehnt, in dem er mit Schiller verkehrte (1794 bis 1805 und nachfolgend), das heißt zwischen seinem 45. und 58. Lebensjahr, auffallend adipös (Abbildung 1). Danach reduzierte sich sein Körpergewicht wieder etwas, und er wurde zum würdevollen Greis. Körperlich war Goethe kleiner als der befreundete Friedrich Schiller, der als der größte Mann Weimars galt (V. Hesse, Hain-Verlag 1997). Literatur beim Verfasser


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Volker Hesse
Klinik für Kinder- und
Jugendmedizin Lindenhof des Krankenhauses
Lichtenberg
Akademisches Lehrkrankenhaus der HumboldtUniversität (Charité)
Gotlindestraße 2-20
10365 Berlin

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