ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2012Medizinstudium: Gegen die Prüfungsangst

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Medizinstudium: Gegen die Prüfungsangst

Dtsch Arztebl 2012; 109(29-30): A-1519 / B-1307 / C-1287

Tektas, Ozan Yüksel; Paulsen, Friedrich

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Foto: iStockphoto [m]
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Dozenten des Anatomischen Instituts II der Universität Erlangen-Nürnberg haben ein Beratungs- und Seminarangebot für Studierende mit Prüfungsangst entwickelt.

Besonders in den ersten Semestern des Medizinstudiums sind sehr häufig Studierende anzutreffen, die unter verschieden stark ausgeprägter Prüfungsangst leiden. Dies ist zumindest die Beobachtung der Dozenten am Anatomischen Institut II in Erlangen.

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Dieser Umstand lässt sich zu einem gewissen Teil dadurch erklären, dass sich das universitäre Lehr- und Lernsystem deutlich von dem schulischen Unterrichtssystem unterscheidet. Sicherlich nicht minder wichtige Punkte sind die Erwartungshaltung einiger Studierender, dass gerade das Medizinstudium besondere Anforderungen an sie stellt, der von Dozenten häufig aufgebaute „Prüfungsdruck“, das erstmalige „auf sich allein gestellt sein“ nach Auszug aus dem Elternhaus oder der Konkurrenzdruck gegenüber teilweise wesentlich jüngeren Kommilitonen. Nicht zuletzt haben sich die meisten Studierenden noch nicht mit ihrer Angst „arrangieren können“, beziehungsweise „kaschieren“ diese noch nicht durch eine eventuelle Selbstmedikation mit diversen Substanzen, so dass sie häufig den unterrichtenden Dozenten während des Unterrichts oder während der Prüfung auffallen.

Die Erfahrung, dass Betroffene ihre Prüfungsangst durch die gesamte vorklinische Studienzeit „mitnehmen“, gab den Ausschlag, sich einmal mit dieser Gruppe näher auseinanderzusetzen. Unter Einbindung mehrerer Institutionen aus Erlangen und Nürnberg sowie von Gastdozenten weiterer Universitäten konnte im Sommersemester 2012 erstmals ein umfassendes Beratungs- und Seminarangebot für Medizinstudierende mit Prüfungsangst angeboten werden.

Den Kernpunkt der Betreuung bilden zwei Seminare, die von Mitarbeitern des Anatomischen Institutes sowie von Psychologen/Psychiatern mit Kenntnissen auf dem Gebiet der Prüfungsangst durchgeführt werden. In dem von Dozenten der Anatomie geleiteten Seminarteil werden in Kleingruppen (maximal 15 Personen) Prüfungssimulationen durchgeführt. Die Prüfungen werden im Anschluss innerhalb der Gruppe diskutiert, Schwachstellen im Prüfungsverlauf und Prüfungsverhalten werden aufgezeigt und Lösungsstrategien vermittelt. Im zweiten Teil des Seminars werden von Mitarbeitern der Psychosomatischen Universitätsklinik und der Psychologischen Beratungsstelle des Studentenwerks Erlangen-Nürnberg ebenfalls in Kleingruppen Entspannungsübungen (progressive Muskelrelaxation) und Übungen zur kognitiven Umstrukturierung durchgeführt.

Begleitet werden diese Seminare durch eine Vorlesungsreihe, die sich an alle Studierende der Medizin richtet. Dabei referieren Dozenten der Psychosomatischen Universitätskliniken Erlangen und Würzburg über Grundlagen der Prüfungsangst sowie Maßnahmen zu deren Bekämpfung und vermittelten Lernstrategien, die der Entstehung von Prüfungsängsten entgegenwirken sollen. Die mudra-Drogenhilfe Nürnberg beteiligt sich mit einer Vorlesung „Brainboosting – leistungsfördernd und drogenabhängig?“; den Abschluss der Veranstaltungsreihe bildet die Simulation einer mündlichen Physikumsprüfung. Physikums-erprobte Dozenten der vorklinischen Fächer „prüfen“ einen der Autoren dieses Artikels, der sich in der Prüfung Schwachstellen erlaubt, und demonstrieren „typische“ Fehler, die in der mündlichen Physikumsprüfung nicht passieren sollten. Im Anschluss wird das Verhalten in der Gruppe diskutiert; die Studierenden erhalten einen Einblick in die Bewertungskriterien der Dozenten.

Die Seminare, die im Sommersemester nur für Studierende der vorklinischen Semester buchbar waren, waren mit knapp 60 Teilnehmern gut besucht. An den Vorlesungen, die sich an alle Studierenden der Medizin richteten, nahmen im Schnitt circa 100 Studierende teil. Zahlreiche Studierende äußerten, dass sie sich im Zuge der Veranstaltungsreihe mit ihren Ängsten „ernst genommen“ fühlten und den Schritt zur psychologischen Betreuungsstelle „gewagt hätten“.

Für das kommende Semester ist eine Ausweitung der Seminare auf die klinischen Semester geplant. Die Vorlesungsbesuche von Studierenden höherer Semester und zahlreiche persönliche Anfragen machen diesen Schritt notwendig.

Neu im Wintersemester 2012/13 wird ein Seminar sein, das sich an (junge) Dozenten richtet. Fast keiner der „Prüfer“ in medizinischen Fächern besitzt eine pädagogische Ausbildung. Fortbildungsprogramme, an denen Habilitanden der medizinischen Fakultät teilnehmen, bieten zwar Seminare zu Prüfungsstrategien an, dem Aspekt der Prüfungsangst wird allerdings nur marginal Rechnung getragen. Derzeit wird ein Seminar konzipiert, das sich an junge Dozenten und Habilitanden richtet und darauf abzielt, Lehrpersonen im Umgang mit Studierenden mit Prüfungsangst zu schulen. Gefördert von der Studienmittelvergabekommission werden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte und Ethik der Medizin extracurriculare Tutorien für Studierende mit Prüfungsangst angeboten, die durch erfahrene Tutoren und Mitarbeiter der Institute betreut werden sollen.

Die Autoren hoffen, durch das Projekt nicht nur Studierenden die Möglichkeit zu geben, ihre Prüfungsangst effektiv zu bekämpfen, sondern auch die Studienabbrecherquote in der Medizin zu senken.

Dr. med. Ozan Yüksel Tektas, Prof. Dr. med. Friedrich Paulsen, Anatomisches Institut II, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

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