ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2012Syrien: Gezielte Gewalt gegen Ärzte

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Syrien: Gezielte Gewalt gegen Ärzte

Dtsch Arztebl 2012; 109(29-30): A-1482 / B-1275 / C-1255

Protschka, Johanna

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Die völlig zerstörte Einrichtung einer Krankenstation im Bezirk Idlib in Syrien lässt die Härte erahnen, mit der gegen Patienten und klinisches Personal vorgegangen wird. Foto: dpa
Die völlig zerstörte Einrichtung einer Krankenstation im Bezirk Idlib in Syrien lässt die Härte erahnen, mit der gegen Patienten und klinisches Personal vorgegangen wird. Foto: dpa

Auch nach mehr als 15 Monaten Aufstand und Kampf reißt die Gewalt in Syrien nicht ab. Menschenrechtsorganisationen berichten von brutaler Folter und Morddrohungen. Diese richteten sich auch gegen Ärzte, die verwundete Revolutionäre versorgen.

Mehr als 16 000 Todesopfer soll der Konflikt in Syrien nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London bisher gefordert haben. Syriens Regierung unter Bashir al-Assad lässt seit März 2011 die gegen sie gerichtete Protestbewegung gewaltsam niederschlagen. Das Land versinkt immer weiter im Chaos, und Augenzeugen berichten den Menschenrechtsorganisationen fast täglich von Folter und schlimmsten Gräueltaten. Nach Angaben von Amnesty International haben syrische Sicherheitskräfte von Beginn an auch Ärzte und medizinisches Personal unter Druck gesetzt und mit dem Tod bedroht.

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Syrische Ärzte haben Angst

„Medizinische Helfer, die in Konflikten im Einsatz sind, nehmen enorme Risiken in Kauf. In Syrien werden diese Risiken noch dadurch gravierend verschärft, dass die Regierungspolitik gezielte Vergeltungsmaßnahmen gegen medizinisches Personal vorsieht“, fasste Donatella Rovera, die Krisenbeauftragte von Amnesty International, die Lage der syrischen Ärzte zusammen. Nach Auskunft von Amnesty sind vor nur wenigen Wochen drei Medizinstudenten tot aufgefunden worden. Ihre verbrannten und verstümmelten Leichen hätten eine Woche nach ihrer Inhaftierung in einem Auto gelegen. Die Männer sollen Teil eines Teams von medizinischem Hilfspersonal gewesen sein, das verletzte Demonstranten in provisorischen Feldlazaretten behandelt. Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Hans-Peter Zenner, der dem Human Rights Committee der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina vorsteht, hat Informationen darüber, dass bisher mindestens 57 Ärzte getötet und 540 durch die Miliz inhaftiert worden seien: „Man geht davon aus, dass es etwa vier neue Betroffene pro Woche gibt.“ Es gebe Belege für offizielle Dokumente, die die Ärzte dazu verpflichten, der Regierung zu melden, wenn sie Revolutionäre medizinisch versorgt haben, so Zenner. Dass diejenigen Ärzte, die dies tun, im Gefängnis landen, sei bekannt. Da die syrischen Ärzte allergrößte Angst hätten, gebe es mittlerweile etwa 300 Untergrundkrankenhäuser. „Syrien verstößt damit nicht nur gegen fundamentale Menschenrechte, sondern versucht auf abscheuliche Weise, Ärzte und Pflegepersonal in ihrem Recht zu beschränken, Verletzte unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer der kämpfenden Parteien frei zu versorgen“, prangert Zenner an.

Dass syrische Ärzte in Gefahr sind, zeigt auch die Geschichte von Hazem Hallak, der in den USA lebt und unlängst seinen Bruder Dr. Sakher Hallak verloren hat. Hazem Hallak ist sich sicher, dass sein Bruder, der nach einem USA-Aufenthalt nach Syrien zurückkehrte, von staatlichen Milizen zu Tode gefoltert wurde. Er ist in Besitz von Fotos, die den verstümmelten Leichnam seines Bruders zeigen. Sein Bruder sei kein Revolutionär gewesen und habe als Arzt auch keine verwundeten Revolutionäre behandelt. Er sei lediglich aufgrund von Beschuldigungen getötet worden, äußerte er gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Wie dieser Konflikt zu Ende gehen wird, ist ungewiss. Die Opposition ist zerstritten und sich lediglich darüber einig, das Assad-Regime stürzen zu wollen. Der Freien Syrischen Armee, die eine Art lose bewaffnete Oppositionsarmee in Syrien darstellt, werden von Human Rights Watch ebenfalls Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.

Zenner macht sich gemeinsam mit dem International Human Rights Network of Academies and Scholarly Societies, das sich für verfolgte Wissenschaftler einsetzt, für die Ärzte in Syrien stark. Das Netzwerk hat bereits ein Schreiben an den Präsidenten Bashir al-Assad aufgesetzt, mit dem Appell, die Gewalt einzustellen. Das Schreiben richtet sich sozusagen auch von Arzt zu Arzt: Assad hat vor Jahren in Großbritannien seine Weiterbildung in der Augenheilkunde absolviert.

Johanna Protschka

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