ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2012Körperbilder: Thomas Schütte (*1954) - Rückkehr zu den Wurzeln

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Thomas Schütte (*1954) - Rückkehr zu den Wurzeln

Dtsch Arztebl 2012; 109(29-30): [144]

Schuchart, Sabine

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Es ist ein kleines Ausstellungsjuwel, das die Besucher des 15 Kilometer von Turin gelegenen Castello di Rivoli diesen Sommer erwartet: Die Skulpturenreihe „Frauen“ von Thomas Schütte – 18 monumentale weibliche Körper in Bronze, Aluminium oder Stahl – ist hier erstmals vollständig öffentlich versammelt. Der renommierte deutsche Gegenwartskünstler, dreifacher Documenta-Teilnehmer und weltweit mit Einzelausstellungen geehrt, schuf die Serie liegender, hockender und kniender weiblicher Akte von 1998 bis 2006.

Nicht alle weisen so unnatürliche Verrenkungen und organische Verformungen auf wie seine „Frau Nr. 6“, die mit ihrem futuristischen Äußeren aus einem anderen Universum zu stammen scheint. Aus Frust über die realen Frauen habe er irgendwann angefangen, sich selbst welche zu erschaffen, hat Schütte einmal selbstironisch gesagt. Seine fragmentierten weiblichen Figuren sind so widersprüchlich wie die Gefühle, die sie im Betrachter auslösen: romantisch, an die Odalisken von Matisse oder Picasso erinnernd, zerschnitten oder deformiert, sinnlich gerundet oder brutal zusammengepresst, stilisiert bis hin zu abstrakten Formen. „Frau Nr. 6“ illustriert, dass es dem Bildhauer nicht um das Porträt einer Frau geht, sondern um die Untersuchung von Bestandteilen des weiblichen Körpers. Diesen setzt er aus verschiedenen Blickwinkeln immer wieder neu zusammen, um so eine tiefere Wahrheit der Dinge und die Beziehung des Menschen zu sich selbst zu erforschen.

Dass er das in der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg verpönte Thema der modellierten Frauenfigur aufgriff und dabei zu neuen virtuosen Ausdrucksformen gelangte, versteht er als „Rückkehr zu den Wurzeln“. Es ist auch eine Rückbesinnung auf klassische Gusstechniken und Materialien, die Schütte durch ihre „Fähigkeit, Gefühle auszudrücken“ faszinieren. Seine „Frauen“, von denen jeweils zwei Bronze- und zwei Stahlgüsse sowie eine Aluminiumversion existieren, basieren auf den sogenannten Ceramic Sketches, 120 kleinen Keramikfiguren, die er spontan modelliert hatte. 18 der Miniskizzen wählt er später als Vorlage aus, vergrößerte und bearbeitete diese. In Überlebensgröße „servieren“ sie auf Tischen posierend seine emotionale und zugleich kritische Auseinandersetzung mit dem Wesen der Frau. Sabine Schuchart

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Ausstellung

„Thomas Schütte. Frauen“
Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Piazza Mafalda di Savoia, 10098 Rivoli (Turin); Di.–Fr. 10–17, Sa./So. 10–19 Uhr; bis 23. September.
 

1) „Thomas Schütte. Frauen“, Katalog zur Turiner Ausstellung, 160 S., 195 Abb. plus Poster im A-1-Format, Richter 2012, 39 Euro;

2) Ulrich Loock: „Thomas Schütte”, Künstlermonographie der Flick-Collection mit zahlreichen Kommentaren des Künstlers zu seinen Werken, 239 S., 220 Abb., Dumont 2004; 39,90 Euro.

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