ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2012Kassenärzte und Psychotherapeuten: KBV legt Honorare offen

POLITIK

Kassenärzte und Psychotherapeuten: KBV legt Honorare offen

Dtsch Arztebl 2012; 109(29-30): A-1467 / B-1265 / C-1245

Maus, Josef

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Das Einkommen der niedergelassenen Ärzte steht häufig im Fokus der Medien. Wie es tatsächlich um die Vergütung der Vertragsärzte bestellt ist, will die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit regelmäßigen Honorarberichten offenlegen.

Fragt man den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) nach Medienberichten über das Einkommen der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten, legt sich seine Stirn in Falten: „Umsätze, Gewinn und andere Berechnungsgrößen gehen kunterbunt durcheinander“, sagt Dr. med. Andreas Köhler. „Begriffe wie brutto und netto werden inflationär falsch verwendet.“

Köhlers Ärger ist verständlich, denn gerade bei den freiberuflich tätigen Kassenärzten unterscheiden sich die Praxisumsätze von dem letztlich verbleibenden Nettoeinkommen zum Teil gewaltig. Im Schnitt, aber auch das ist nur eine grobe Betrachtungsweise, verbleiben den Niedergelassenen nach Abzug aller Kosten, den Steuerzahlungen und den Aufwendungen für die eigene Kranken- und Pflegeversicherung sowie die Altersvorsorge lediglich 23,5 Prozent des ursprünglichen Umsatzes. In konkreten Beträgen ausgedrückt sind das 5 442 Euro pro Monat. Wohlgemerkt im Bundesdurchschnitt über alle Arztgruppen.

Anzeige

Drei Prozent mehr Umsatz

Das geht aus dem ersten Honorarbericht hervor, den die KBV dieser Tage in Berlin vorgelegt hat. Der Bericht betrachtet das erste Halbjahr 2011 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Danach ist der durchschnittliche Honorarumsatz der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten um drei Prozent auf circa 102 000 Euro gestiegen. Der Honorarumsatz beinhaltet sämtliche Honorare für die Behandlung der gesetzlich Krankenversicherten, jedoch keine Vergütungsanteile aus den Selektivverträgen zwischen Ärzteverbänden und Krankenkassen unter Ausschluss der Kassenärztlichen Vereinigungen – etwa die Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung in Baden-Württemberg und Bayern. Ambulante Leistungen, die von ermächtigten Krankenhausärzten oder Instituten erbracht wurden, sind ebenfalls nicht in den Bericht eingeflossen.

Netto und brutto: Was im Durchschnitt den Kassenärzten vom Umsatz übrig bleibt, zeigt die Grafik.
Netto und brutto: Was im Durchschnitt den Kassenärzten vom Umsatz übrig bleibt, zeigt die Grafik.
Grafik
Netto und brutto: Was im Durchschnitt den Kassenärzten vom Umsatz übrig bleibt, zeigt die Grafik.

Von der Honorarentwicklung im ersten Halbjahr 2011 haben die Arztgruppen unterschiedlich profitiert. Bundesweit betrachtet können die Abrechnungsgruppen Nervenheilkunde (+13,5 Prozent) und Neurologie (+8,7 Prozent) die größten Honorarzuwächse verzeichnen. Honorarverluste mussten hingegen die Fachärzte für Anästhesiologie (–4,1 Prozent), Gynäkologie (–3,2 Prozent), Urologie (–2,0 Prozent) und Orthopädie (–0,5 Prozent) hinnehmen.

Hausärzte mit Zuwächsen

Für die hausärztliche Versorgung insgesamt weist der Bericht einen Honorarzuwachs je Arzt um 7,7 Prozent aus. Dabei gibt es in den einzelnen Kassenärztlichen Vereinigungen allerdings deutliche Unterschiede, die unter anderem auf ausgleichspflichtige Überzahlungen in Vorquartalen zurückzuführen sind. Auffallend ist jedoch, dass Allgemeinärzte und Internisten in den neuen Bundesländern mit durchschnittlich 110 000 Euro Honorarumsatz deutlich (etwa 14 000 Euro) über dem Bundesdurchschnitt dieser Arztgruppen (96 283 Euro) liegen. KBV-Vorstandschef Köhler dazu: „Seit der letzten Honorarreform sind zusätzliche Finanzmittel in die ambulanten Versorgung gekommen. Insbesondere die Kollegen in den neuen Ländern haben davon profitiert. Es war im Übrigen immer der erklärte Wille aller Beteiligten, dass die Verhältnisse in Deutschland stärker angeglichen werden.“ Hätte man nichts unternommen, so Köhler weiter, wäre die wohnortnahe Versorgung akut gefährdet gewesen.

Rückgang bei Fachärzten

Anders als bei den Hausärzten kam es im ersten Halbjahr 2011 im fachärztlichen Versorgungsbereich zu einem Honorarrückgang um 0,7 Prozent. Dem Bericht zufolge sind hierfür die zunehmende Zahl der angestellten Ärzte in den Facharztpraxen und die abnehmende Zahl der zugelassenen Ärzte ausschlaggebend.

Weniger Gewinne oder Verluste als vielmehr die Gesamthöhe der Umsätze kritisierte die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung (DPTV) in einer ersten Reaktion auf die Vorlage des KBV-Honorarberichts. DPTV-Vorsitzender Dieter Best wies auf die Diskrepanz bei den Überschüssen von somatisch tätigen niedergelassenen Ärzten und den Psychotherapeuten hin. Danach erzielten die somatisch tätigen Ärzte im ersten Halbjahr 2011 einen durchschnittlichen Überschuss von 49 345 Euro gegenüber 25 654 Euro bei den Psychotherapeuten. Best: „Das ist ein Ausdruck dafür, dass die Psychotherapie sowie die gesamte sprechende Medizin gegenüber der somatischen Medizin stark benachteiligt ist.“ Die vergleichsweise geringen Einkommen der Psychotherapeuten würden zudem nicht durch Privatbehandlungen kompensiert.

Honorarumsatz je Arzt und Honorarumsatz je Behandlungsfall in Euro
Honorarumsatz je Arzt und Honorarumsatz je Behandlungsfall in Euro
Tabelle
Honorarumsatz je Arzt und Honorarumsatz je Behandlungsfall in Euro

Im Honorarbericht der KBV heißt es dazu: „Es ist zu vermuten, dass der im Vergleich zu anderen Abrechnungsgruppen geringe Honorarumsatz aus einer unterdurchschnittlichen Tätigkeit der Psychotherapeuten im Vergleich zu den Kalkulationsannahmen des EBM beziehungsweise zu den Grundsätzen der Vollauslastung einer psychotherapeutischen Praxis in der Rechtsprechung des BSG zur angemessenen Höhe der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen resultiert.“ Dies will Dieter Best freilich nicht gelten lassen. Die Einkommensunterschiede können, so der DPTV-Vorsitzende, keineswegs mit unterdurchschnittlichen Arbeitszeiten der Psychotherapeuten erklärt werden. Best verweist auf eine Erhebung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI), wonach die durchschnittlichen Arbeitszeiten der Psychotherapeuten mit wöchentlich 47 Arbeitsstunden nur um etwa zehn Prozent unter denen aller Arztgruppen (52 Wochenstunden) liegen.

Für Dieter Best zeigen die vorgelegten Zahlen, dass die Psychotherapeuten die Zielvorgaben für die Einkommenshöhe nicht erreichen können. „Es sei denn“, merkt Best an, „sie würden ihre Arbeitszeiten verdoppeln.“

Der Honorarbericht der KBV erläutert neben der Auflistung der Honorarentwicklung in den Kassenärztlichen Vereinigungen nach Gesamtumsätzen und Honorarumsätzen pro Behandlungsfall auch den Zusammenhang zwischen Honorarumsatz und Gesamtvergütung. Neun Seiten sind diesem Thema im Bericht gewidmet. Noch ausführlicher geht der Honorarbericht auf das Sonderthema „Vom Honorarumsatz zum Nettoeinkommen“ ein. Dabei wird zunächst darauf verwiesen, dass vom Honorarumsatz aus der vertragsärztlichen Tätigkeit des Arztes die Betriebsausgaben abgezogen werden müssen. Diese umfassen Aufwendungen für Praxisangestellte und externes Personal, für Material und Labor, für Mieten für Praxisräume, für Energie, Versicherungen, Beiträge und Gebühren, für Kraftfahrzeughaltung, Kosten für Geräte und Fremdkapitalzinsen, für Fortbildung und noch einiges mehr.

Viel Arbeit und Verantwortung

Danach sind Steuerzahlungen von durchschnittlich 30,9 Prozent des Überschusses zu entrichten und weitere Aufwendungen für die Kranken- und Pflegeversicherung sowie für die berufsständische Altersvorsorge zu tragen. Erst das, was dann noch übrig bleibt, ist Nettoeinkommen. 23,5 Prozent des ursprünglichen Umsatzes und eben rund 5 400 Euro netto im Monat. Dem Deutschen Ärzteblatt erklärte der KBV-Vorstandsvorsitzende: „Ich halte die Zahlen für nicht schlecht, aber auch nicht für üppig. Die Verantwortung und die Arbeitsintensität in den Praxen sind enorm hoch. Das muss mit einem wenigstens halbwegs angemessenen Einkommen honoriert werden.“

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung wird künftig derartige Honorarberichte quartalsweise vorlegen. Sie tut dies einerseits, weil der Gesetzgeber dies seit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz (Paragraf 87 c SGB V) fordert, aber auch deshalb, so Köhler, „weil wir genau diese Transparenz wollen: anhand von nachprüfbaren Zahlen und Fakten Klarheit schaffen und Vergleichbarkeit herstellen“.

Josef Maus

@Der KBV-Honorarbericht
über das erste Halbjahr 2011:
www.aerzteblatt.de/121467

Netto und brutto: Was im Durchschnitt den Kassenärzten vom Umsatz übrig bleibt, zeigt die Grafik.
Netto und brutto: Was im Durchschnitt den Kassenärzten vom Umsatz übrig bleibt, zeigt die Grafik.
Grafik
Netto und brutto: Was im Durchschnitt den Kassenärzten vom Umsatz übrig bleibt, zeigt die Grafik.
Honorarumsatz je Arzt und Honorarumsatz je Behandlungsfall in Euro
Honorarumsatz je Arzt und Honorarumsatz je Behandlungsfall in Euro
Tabelle
Honorarumsatz je Arzt und Honorarumsatz je Behandlungsfall in Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema