THEMEN DER ZEIT

Gesundheits-Apps: Rasante Entwicklung

Dtsch Arztebl 2012; 109(31-32): A-1543 / B-1328 / C-1308

Krüger-Brand, Heike E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Prototyp der mobilen App von My-Rehab, einem Trainings- und Therapiesystem für die Rehabilitation. Foto: Fraunhofer FOKUS, Adlershof
Prototyp der mobilen App von My-Rehab, einem Trainings- und Therapiesystem für die Rehabilitation. Foto: Fraunhofer FOKUS, Adlershof

Mobile Lösungen bieten in der Versorgung sowohl für Patienten als auch für Ärzte ein großes Anwendungspotenzial. Allerdings wirft der praktische Einsatz noch Fragen auf.

Dr. Smartphone“, „Fragen Sie Ihre App oder Ihren Apotheker“, „App statt Arzt“ – Überschriften wie diese in den Medien verdeutlichen, dass Apps im Gesundheitsbereich zunehmend ein Thema sind. Es gibt mobile Applikationen für Patienten, Ärzte und andere medizinische Dienstleister, für Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge. Die Palette reicht von einfachen Anwendungen wie dem Pillenalarm zur Erinnerung an die Medikamenteneinnahme bis hin zu Apps mit komplexen Funktionen wie dem Abruf von Patientendaten bei der Visite am Krankenbett. Welche Rolle mobile Health-Apps künftig für die Versorgung spielen können, erörterten Experten bei der Fachtagung Telemed 2012 in Berlin (www.telemed-berlin.de).

Circa 15 000 Apps sind derzeit in der Medizin-Rubrik des App Store im Internet erhältlich. Wurden gesundheitsbezogene mobile Apps zunächst vorwiegend von Nutzern im privaten Bereich, etwa zu Themen wie Fitness, Ernährung oder Entspannung, nachgefragt, steigt inzwischen der Bedarf an professionellen Anwendungen: Einer kürzlich durchgeführten Befragung des Online-Dienstleisters DocCheck zufolge sind bereits drei Viertel der Ärzte mit mobilen Geräten wie Smartphones, Tablet-PCs oder E-Books ausgestattet, und 59 Prozent der Ärzte nutzen Apps aus dem Medizin- und Healthcare-Bereich*.

„Apps auf dem Smartphone oder auf Tablet-PCs ermöglichen eine intuitive Bedienung, sie haben eine spielerische Komponente, reduzieren Komplexität und sind der missing link am point of care, weil die Daten mobil sind“, erläuterte Beatrix Reiß vom ZTG – Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen. „Sie bieten außerdem die Möglichkeit, den Kontakt zwischen Arzt und Patient zu verbessern und den Zeitpunkt der ärztlichen Intervention optimal zu steuern.“ Allerdings sei dazu eine Einbettung in telemedizinische Settings beziehungsweise in die geplante Tele­ma­tik­infra­struk­tur notwendig.

Für Patienten gibt es laut Reiß zahlreiche Vorteile: Apps bieten die Möglichkeit einer stärkeren Einbeziehung des Patienten in den Versorgungsprozess sowie der Partizipation und des Austausches in Communitys. Sie lassen sich für das individuelle Unterstützungs- und Wissensmanagement einsetzen (Beispiel: Diabetes- oder SchmerzTagebuch).

Allerdings gibt es auch Grauzonen und Hürden, die den Einsatz im medizinischen Kontext erschweren. So fällt mitunter die Abgrenzung schwer, wann eine mobile Anwendung unter die Regularien des Medizinproduktegesetzes fällt und wie dessen Erfordernisse zu berücksichtigen sind (DÄ, Heft 22–23/ 2012). Auch kann die Nutzung privater Geräte im Krankenhaus problematisch werden – Stichwort „bring your own device“ –, wenn eine Vernetzung mit dem Krankenhausnetzwerk stattfindet. Hier müsse das Krankenhaus sicherstellen, dass keine schadhafte Software ins Netz gerate, meinte Dr. jur. Oliver Pramann, Weiß Kanzlei 34, Hannover, und verwies auf damit verbundene Haftungsfragen. Ein weiterer Aspekt sind mögliche Hygieneprobleme (DÄ, Heft 14/2012). Hinzu kommen je nach Einsatzbereich der Applikation Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit, wenn etwa personenbezogene medizinische Daten ausgetauscht oder in einer Cloud-Umgebung gespeichert werden. „Die Ziele einer App müssen für den medizinischen Kontext transparent sein“, forderte daher Reiß. Denn das medizinische Inter- esse könne auch mit kommerziellen Geschäftsinteressen kollidieren. Weiterhin gebe es Unsicherheiten beispielsweise bei der Frage von Standards und Bedienoberflächen.

Bewertung von Health-Apps

Vor diesem Hintergrund arbeitet das ZTG an einer Bewertungsplattform für Health-Apps, die einen systematischen Überblick über die Angebotsvielfalt ermöglichen und Transparenz für die Anwender schaffen soll. Kriterien des „App-Check“ sind unter anderem Funktionen, Einsatzbereich, Qualität und Nutzen sowie Aspekte wie Sicherheit, Usability, Geschäftsmodell etc. Die Plattform soll im September verfügbar sein.

iPhone-App zur Erfassung des Notfallprotokolls für den Rettungsdienst
iPhone-App zur Erfassung des Notfallprotokolls für den Rettungsdienst

Dr. Michael John, Fraunhofer FIRST, berichtete von einem telemedizinisch assistierten Trainings- und Therapiesystem für die Rehabilitation, das gemeinsam mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin entwickelt und ab Januar 2013 getestet wird. „Die poststationäre längerfristige ambulante Nachsorge ist oft unzureichend. Das System ,MyRehab‘ soll den Menschen wieder zur Bewegung motivieren und die korrekte Ausführung von Therapieübungen nach einem Kranken­haus­auf­enthalt unterstützen“, erläuterte John. Gleichzeitig hält der Therapeut aus der Klinik länger Kontakt zum Patienten und kann bei ungünstigen Entwicklungen eingreifen. Derzeit beschränkt sich das System auf die Messung und Überprüfung der Armaktivität. In der stationären Variante werden eine Webcam, ein Computer, ein Fernsehbildschirm und körpernahe Sensoren zur Erfassung von Vitalparametern benötigt. Bei der Ausführung der Übung zeichnet die Kamera den Bewegungsablauf auf, der Computer analysiert die Daten, integriert sie mit den Sensordaten und vergleicht das Ergebnis mit einem zuvor erstellten biomechanischen Computermodell (www.first.fraunhofer.de/home/projekte/myrehab). In der mobilen Variante erfassen ebenfalls mehrere – zum Beispiel in einem Brustgurt oder in einem Trainingsgerät wie einer Hantel angebrachte – Sensoren die Vital- und Bewegungsdaten. Per Funk werden diese Daten an ein Smartphone übertragen, das den Bewegungsablauf mit der therapeutisch vorgegebenen Idealbewegung abgleicht. Der Patient erhält sowohl seine Übungsaufträge wie auch akustisches und visuelles Feedback per Handy.

Auch im Rettungsdienst können Apps eine wertvolle Unterstützung sein. Von einer iPhone-App zur Erfassung eines standardisierten elektronischen Notfalleinsatzprotokolls berichtete Oliver Heinze vom Zentrum für Informations- und Medizintechnik des Universitätsklinikums Heidelberg. Bei ihren Einsätzen verwenden Notärzte und Mitarbeiter des Rettungsdienstes ein Notfallprotokoll, in dem sie die Situation, Maßnahmen vor Ort, den Transportverlauf in die Klinik sowie eventuelle bekannte Vorerkrankungen und Vormedikationen des Patienten dokumentieren. Derzeit geschieht dies auf standardisierten Papierprotokollen nach dem MIND3-Standard (Minimaler Not­fall­daten­satz). Die STENO-App (Standardisiertes Elektronisches Notfallprotokoll) unterstützt eine intuitive Datenerfassung der Pflichtfelder, ist als XML-Repräsentation verfügbar und in klinische Informationssysteme integrierbar. Anders als bisherige elektronische Lösungen benötigt sie zudem kein Backend, das heißt, keinen Datenbankserver mit Informationssystem in einer Rettungsleitstelle oder einem Uniklinikum, um die Notfalldaten vor Ankunft des Patienten in der Klinik verfügbar zu machen.

Wie sich das Handy als universelles E-Health-Terminal bei der Versorgung chronisch Kranker einsetzen lässt, demonstrierten Jürgen Morak und Markus Falgenhauer vom AIT Austrian Institute of Technology, Graz, am Beispiel des ELICARD-Systems. Das System wird seit drei Jahren am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz routinemäßig zur Unterstützung der Therapie von Herzinsuffizienzpatienten genutzt. Es umfasst als wesentliche Komponenten eine mobilfunkbasierte Datenerfassung durch den Patienten, eine automatische Grenzwertüberwachung in der Datenzentrale sowie die Benachrichtigung des Arztes bei einem Abweichen von bestimmten Grenzwerten.

Zur Vereinfachung der Datenerfassung wurde ein Ansatz basierend auf der „Near Field Communication“-Technologie (NFC) entwickelt. Dazu hat man ein Nokia-Handy so modifiziert, dass es Messdaten aus Sensoren einlesen und weitere, nicht elektronisch messbare Daten aufzeichnen kann, indem lediglich die entsprechenden NFC-fähigen Messgeräte (Waage und Blutdruckmessgerät) beziehungsweise Symbole auf einer speziellen Symboltafel berührt werden. Diese enthält mit RFID-Tags verbundene Symbole, die eine intuitive Interaktion (wie etwa Abfragen zum Wohlbefinden und zur Medikation) durch Annäherung des Mobiltelefons ermöglichen. Der Patient startet die Datenerfassung durch das bloße Berühren seiner ID-Karte. Letztere dient gleichzeitig zur Identifikation und eindeutigen Zuordnung der Daten zum Datensatz des Patienten.

In der Routine erfolgreich

Ähnlich funktioniert der E-Health-Service „Diabmemory“, den das AIT für Diabetiker entwickelt hat. Hierbei messen die Patienten Blutzucker, Blutdruck und Gewicht, das Mobiltelefon sammelt die Daten von den Geräten und überträgt sie verschlüsselt an eine zentrale Datenbank. Die Ärzte rufen die Daten über eine übersichtliche Webapplikation ab. Abweichungen vom Therapieplan werden rasch sichtbar, Feedback-Nachrichten und Therapieanpassungen können sie den Patienten direkt auf das Handy übermitteln. Das Telemonitoringprogramm setzt die Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau laut Morak bereits seit zwei Jahren erfolgreich zur Betreuung ihrer Versicherten ein.

Kontextbezogene Infos

Darüber hinaus arbeitet das AIT auch an mobilen Lösungen für medizinische Fachkräfte, die diese kontext- und rollenbezogenen Informationen zur Verfügung stellen. Auch dabei spielen kontaktlose RFID-Karten zur Identifikation der Beteiligten eine Rolle, etwa wenn ein Tablet-PC im Altenheim von mehreren Personen genutzt wird. So könnte ein Arzt nach der Anmeldung dort auf andere Inhalte zugreifen als eine Pflegekraft. Treffen Pfleger und Patient beispielsweise am Tablet-PC aufeinander, könnten automatisiert bestimmte Daten wie die Flüssigkeitszufuhr angezeigt werden. „Hier sind künftig viele Einsatzmöglichkeiten etwa in der mobilen Betreuung, der Rehabilitation oder im Case Management denkbar“, meinte Falgenhauer.

Die großen Potenziale mobiler Apps im medizinischen Umfeld können sich jedoch nur entfalten, so das Fazit der Experten, wenn die Anwendungen in professionelle IT-Systeme integriert sind und wenn sie die direkte Kommunikation zwischen Ärzten beziehungsweise medizinischen Fachkräften und Patienten unterstützen. „Smartphones etablieren sich in atemberaubender Geschwindigkeit als universelle Plattform für telemedizinische Behandlung und Prävention. Gleichzeitig zeigen neue Studien, dass Technologie allein nicht ausreicht: Zentrale Wirkfaktoren sind individuelle Kommunikation und persönliche Zielvereinbarungen“, betonte etwa Dr. med. Stephan Schug, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitstelematik.

Heike E. Krüger-Brand

*Online-Befragung von Dezember 2011 bis Januar 2012, n = 638 Personen aus medizinischen Fachkreisen, ein Drittel davon Ärzte und Zahnärzte, http://load.doccheck.com („Dr. Mobile im Zukunftstest“)

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige