ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2012Korruption im Gesundheitswesen: Eine Studie und ihr Medienecho

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Korruption im Gesundheitswesen: Eine Studie und ihr Medienecho

Dtsch Arztebl 2012; 109(31-32): A-1529 / B-1315 / C-1295

Flintrop, Jens

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Nicht alle Ärzte sind korrupt. Diese Tatsache sei im Medienkrieg zwischen Kassen und Ärzten leider völlig untergegangen, unterstreicht Studienleiter Kai-D. Bussmann. Foto: Neuro Spine Center
Nicht alle Ärzte sind korrupt. Diese Tatsache sei im Medienkrieg zwischen Kassen und Ärzten leider völlig untergegangen, unterstreicht Studienleiter Kai-D. Bussmann. Foto: Neuro Spine Center

Kai-D. Bussmann stellt in Fulda Details seiner vieldiskutierten „Fangprämien“-Studie vor. Und siehe da: So ärztefeindlich, wie die Krankenkassen sie der Presse präsentiert haben, sind die Ergebnisse gar nicht.

Alle, die heute in den Business Club Fulda gekommen sind, wissen, worum es geht: Es soll gängige Praxis im deutschen Gesundheitswesen sein, dass niedergelassene Ärztinnen und Ärzte „Fangprämien“ kassieren, wenn sie ihre Patienten in ein bestimmtes Krankenhaus einweisen. So stellte es der GVK-Spitzenverband am 22. Mai bei einer Pressekonferenz dar. Als Beleg diente eine Studie des „Economy & Crime Research Center“ der Universität Halle-Wittenberg.

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Dr. med. Hermann Sauer hat den dazugehörigen Bericht in der ZDF-Sendung „frontal21“ gesehen: „Das war das übliche Herumhacken auf uns Doctors – alle Ärzte unter Generalverdacht. Es tut einfach weh, so eine Sendung als Arzt zu sehen“, sagt er. Der Hausarzt ist 20 Kilometer aus Schlitz nach Fulda gefahren, um zu erfahren, was dran ist an den pauschalen Vorwürfen. Patientin Sibylle Herbert kommt aus Fulda. Sie hat das Medienecho vor allem verunsichert: „Inwiefern kann ich meinem Arzt noch trauen, wenn er mir einen Radiologen oder ein Sanitätshaus empfiehlt?“, fragt sie.

Obwohl der 18. Juli auch in Osthessen der erste lauschige Sommerabend seit langem ist, ist der Saal voll, als Prof. Dr. Kai-D. Bussmann, Leiter des Economy & Crime Research Centers, seine Ausführungen beginnt. Er betont vorab, dass die präsentierten Zahlen nicht in jeder Hinsicht belastbar seien: „Auch aus Kostengründen war die Studie im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes von vornherein als Pilotstudie konzipiert. Wir wollten wissen, ob überhaupt etwas dran ist an den Vorwürfen gegen die Ärzte.“ Die Studienergebnisse belegten, dass es sich lohne, „weiter zu graben“, sagt Bussmann und verweist besonders auf zwei Ergebnisse seiner repräsentativen Befragung:

  • 14 Prozent der befragten 600 niedergelassenen Ärzte stimmten der Aussage voll zu, dass Zuweisungen gegen wirtschaftliche Vorteile „gängige Praxis“ seien. 35 Prozent hielten sie teils für korrekt.
  • 26 Prozent der Ärzte gaben an, in den vergangenen zwei Jahren ein konkretes Angebot für eine Zuweisung gegen Entgelt erhalten zu haben.

Diese Zahlen seien einfach zu hoch, um zu sagen, wir kümmern uns nicht darum, betont der Jurist und Kriminologe: „Aber wir reden natürlich bei weitem nicht über alle Ärzte.“ Es gehe ihm nicht darum, den ärztlichen Berufsstand zu diskreditieren. Zumal 82 Prozent der Ärzte zu Protokoll gaben, dass eine solche Entgeltforderung klar ihrem ärztlichen Berufsethos widerspreche. „In der öffentlichen Debatte über unsere Studie sind wir hier leider auf abschüssiges Gelände gekommen“, bedauert Bussmann, der sich sichtlich ärgert, dass der GKV-Spitzenverband damals die Studienergebnisse zeitgleich mit der Eröffnung des Deutschen Ärztetages in Nürnberg präsentiert hatte: „Nicht alle Ärzte sind korrupt. Ganz im Gegenteil. Dieses Studienergebnis ist im Pressekrieg zwischen Kassen und Ärzten leider völlig untergegangen.“

Bussmann will vor allem auf die „systemischen Probleme“ im Gesundheitswesen aufmerksam machen. Letztlich seien solche Korruptionsvorgänge Auswüchse des verordneten Wettbewerbsgedankens im System. „Wenn der Arzt zum Unternehmer und das Krankenhaus zum Unternehmen werden sollen, öffnet man korruptiven Praktiken, wie wir sie in der freien Wirtschaft schon lange kennen, Tor und Tür“, erläutert der Kriminologe, der auch bereits große DAX-Unternehmen in Fragen der Korruptionsbekämpfung beraten hat.

Noch sei Zeit, gegenzusteuern, betont Bussmann. Eine Möglichkeit sei es, den Ärztekammern mehr Ermittlungskompetenzen bei Verdacht auf Korruption zuzugestehen. Auch Hinweisgebersysteme mit „Whistleblowern“ hätten sich in anderen Branchen bewährt.

Jens Flintrop

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Avatar #539999
klausenwächter
am Mittwoch, 8. August 2012, 02:48

Aufhebung des Arztvorbehaltes

"§ 3 Abs. 1 Satz 2 TPG
Transplantationsgesetzt: „Abweichend von Satz 1 Nr. 3 darf die Entnahme von Geweben auch durch andere dafür qualifizierte Personen unter der Verantwortung und nach fachlicher Weisung eines Arztes vorgenommen werden.“
Wenn also bereits einleitend und später (§ 9) explizit vorbereitenden Handlungen zur Transplantion mit Aufhebung des Arztvorbehaltes erfolgen dürden, so ist schlußnotwendig auch die Kontrolle der Tranplantatzuordnung, die Freigabe der Transplantation durch Sachkundige anstelle von praktizierenden Ärzten möglich. - "Whistleblower" gehören dagegen in ein anderes rechtliches Kapitel und sind mit dunkler deutscher Vergangenheit behaftet. Der Chef liebt den Verrat, aber er haßt die Verräter.
Avatar #539999
klausenwächter
am Mittwoch, 8. August 2012, 02:21

Bestechlichkeit , Bestechung und Prävention

Die Fahnung nach potentiell bestechlichen Ärzten erhält mit der vorliegenden Studie eine Prävalenz, welche ein Screening zuließe. Damit wären der Breitenfahndung Tür und Tor geöffnet. Realiter muß kriminologische Prävention aber bei der Bestechung ansetzen. Wer besticht, schafft sekundäre Titer. Analog zur Drogendelinquenz sind in dieser Szene die Bosse zu suchen. Daß die deutsche Bevölkerung keine "unempfänglichen Ärzte" will, wird bei jeder Diskussion einer Krankschreibung in der Praxis sichtbar. Einreden sind der erste Schritt zur Bestechung. Will man das ärztliche System vor Betechung feien, so müssen bestimmte Amtshandlungen aus der Versorgung herausgenommen werden. Im Falle der Transplantationschirurgie ist dies die Kontrolle der Organvergabe. Der Kontrolleur sollte medizinisches Fachwissen haben, aber nicht durch die Ausübung diagnostischer und therapeutischer Leistungen belastet sein. Die Telematik ermöglicht die Kontrolle mehrerer Zentren durch zu schaffende virtuelle Kontrollpunkte.

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