ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2012Von Schräg unten: Arztpatient

SCHLUSSPUNKT

Von Schräg unten: Arztpatient

Dtsch Arztebl 2012; 109(31-32): [128]

Böhmeke, Thomas

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Der in jeder Praxis zu findende Fragebogen zur standardisierten Erfassung von Patientendaten geht auch der Frage nach dem Beruf nach. Dank der Bemühungen unserer Kollegen vom Arbeitsschutz sind heute expositionsbedingte Sekundärfolgen wie Pneumokoniose oder Asbestose selten geworden, trotzdem ist die berufliche Tätigkeit unserer Schutzbefohlenen von großer Bedeutung, formt sie doch den Menschen und seine Gewohnheiten, kann also bei einer ganzheitlichen Behandlung nicht außer Acht gelassen werden.

Haben wir es mit einem älteren Herrn zu tun, der nach erfolgreichen Jahrzehnten als Handwerker sein Rentnerdasein genießt, so treffen wir auf einen Patienten, der sich gern und vertrauensvoll in unsere Hände begibt, auf dass wir das Bestmögliche für ihn tun. Dieser Mensch möchte nicht alles hinterfragen, möchte nicht den molekularen Mechanismus eines PDE5-Hemmers erläutert haben. Ganz im Gegensatz zum IT-Experten, der uns 200 aus dem Internet gezogene Seiten präsentiert, auf dass wir sie gefälligst kommentieren. Ähnlich ergeht es uns bei Pädagogen, die sich nicht nur auf Gigabyte Gegoogeltes beschränken, sondern alles so erklärt haben möchten, dass sie es wirklich verstehen. Ingenieure sind erst glücklich, wenn man den medizinischen Sachverhalt durch exakte Angaben von Hounsfield-Einheiten und Strömungsgeschwindigkeiten würzt. Ganz schwierig ist jedoch die Behandlung von Kollegen, verspürt man doch den Drang, exotische Diagnosen zu stellen, die genauso selten wie korrekt sind. Aber es kann auch anders kommen.

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Ein von mir sehr geschätzter Kollege ruft mich an und bittet mich um Rat. Ohne vorangegangenen Infekt habe er wiederholt Blut gehustet. Er ist mir als fröhlicher Fumator bekannt, daher empfehle ich ihm dringlich eine Röntgenuntersuchung. Ja, das habe er sich auch schon gedacht, dass das sinnvoll sei, aber jetzt müsse er erst mal Hausbesuche machen. Zwei Wochen später. Er war immer noch nicht beim Röntgen. Meinem Lamento über sein persönliches Malignitätsrisiko entgegnet er, dass keinerlei Anzeichen einer konsumierenden Erkrankung zu sehen sind, wenn er morgens vor dem Spiegel steht. Drei Wochen später. Ich überlege mir, ob ich für ihn einen Termin für eine CT-Diagnostik ausmache, gar das fällige Honorar dem Radiologen vorab überweise. Das ist ziemlich schräg, und der Kollege meint dazu, dass er plane, diesen Termin nach seinem Urlaub selbst zu vereinbaren. Vier Wochen später. Es dämmert mir, dass er nicht präzisiert hat, welchen Urlaub er meint. Ich raufe mir meine letzten Haare von der Glatze, mache mir wirklich Sorgen um ihn. Wie kriege ich ihn dazu, die notwendige Diagnostik durchführen zu lassen? Jeden seiner Patienten würde er dazu scheuchen, so sagt er mir fünf Wochen später, aber er will erst mal abwarten.

Da habe ich eine blendende Idee: Ich schreibe ihn in das Deutsche Ärzteblatt. Dann muss er zum Radiologen gehen.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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