ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2012Interview mit den KBV-Vorständen Dr. med. Andreas Köhler und Dipl.-Med. Regina Feldmann: „Die Arbeitsbedingungen für Ärzte müssen besser werden“

POLITIK: Das Interview

Interview mit den KBV-Vorständen Dr. med. Andreas Köhler und Dipl.-Med. Regina Feldmann: „Die Arbeitsbedingungen für Ärzte müssen besser werden“

Dtsch Arztebl 2012; 109(31-32): A-1530 / B-1316 / C-1296

Maus, Josef; Stüwe, Heinz

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Der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ist wieder komplett. Andreas Köhler und Regina Feldmann über bessere Rahmenbedingungen für Vertragsärzte, weniger Bürokratie und die Zukunftssicherung der flächendeckenden Versorgung

Herr Dr. Köhler, Frau Feldmann, Sie bilden seit Anfang Juni gemeinsam den KBV-Vorstand. Wie hat sich denn die Zusammenarbeit in den ersten Wochen so angelassen?

„Wir wollen in der Öffentlichkeit darstellen, dass es ohne Ärzte nicht gehen wird. Und wir wollen für den schönen Arztberuf werben. “ Andreas Köhler. Fotos: Svea Pietschmann
„Wir wollen in der Öffentlichkeit darstellen, dass es ohne Ärzte nicht gehen wird. Und wir wollen für den schönen Arztberuf werben. “ Andreas Köhler. Fotos: Svea Pietschmann
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Köhler: Wir sind derzeit noch in einer Findungsphase, nachdem der Vorstand fast ein halbes Jahr unvollständig war. Mit Frau Feldmann kommt jemand, der im KV-System sehr erfahren ist und die Sachverhalte und Probleme kennt. Jetzt müssen wir mit Blick auf die anstehenden Aufgaben die Zuständigkeiten und Abläufe regeln. Im September werden wir der Ver­tre­ter­ver­samm­lung unser Arbeitsprogramm vorstellen können.

Frau Feldmann, Sie sind für das hausärztliche Ressort gewählt worden, und dort war bisher auch das Thema Arzneimittel angesiedelt. Wird das so bleiben?

Feldmann: Vorbehaltlich der Zustimmung der Ver­tre­ter­ver­samm­lung wird das so bleiben, dass ich für das hausärztliche Ressort verantwortlich bin und damit auch für veranlasste Leistungen.

Wird das Arbeitsprogramm neue oder andere Schwerpunkte haben?

Köhler: Die angemessene Vergütung der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten wird ein zentrales Thema bleiben. Aber daneben sehen wir aus unseren Ärztebefragungen, dass die unmittelbaren Arbeitsbedingungen des Arztes eine ganz entscheidende Rolle für die berufliche Zufriedenheit spielen. Da gibt es den hohen Verwaltungsaufwand, die Ärzte wollen mehr Zeit für ihre Patienten einsetzen und weniger für die Bürokratie. Wir wollen eine bessere Vergütung, aber wenn der Preis dafür zusätzliche Qualitätssicherungsmaßnahmen oder noch mehr Dokumentationserfordernisse sein sollte, dann werden wir das künftig kritischer betrachten. Deswegen wollen wir den Bürokratieabbau und die Verwaltungsvereinfachung gleichrangig betrachten zur Frage der angemessenen Vergütung.

„Was passiert, wenn es den Arzt vor Ort nicht mehr gibt, die Ärzte keine Nachfolger mehr finden und der Patient allein dasteht? “ Regina Feldmann
„Was passiert, wenn es den Arzt vor Ort nicht mehr gibt, die Ärzte keine Nachfolger mehr finden und der Patient allein dasteht? “ Regina Feldmann

Feldmann: Ähnliche Ergebnisse erhalten wir bei Studentenbefragungen. Die größten Hürden für die Niederlassung sind neben der Bürokratie die schlechten Rahmenbedingungen vor Ort, die langen Arbeitszeiten, auch nicht gut organisierte Bereitschaftsdienste. Wir müssen dafür sorgen, dass schon die Medizinstudierenden in der Praxis eine lohnende Perspektive sehen. Das ist das Ziel für die nächsten Jahre.

Wie soll das funktionieren?

Köhler: Im Medizinstudium findet irgendwann eine Prägung statt. Dann entscheide ich mich, was ich später mal werden will. Prägung hat auch was damit zu tun, dass ich Kontakt aufnehme mit einer Struktur. Die ambulante Versorgungsstruktur findet sich im Medizinstudium jedoch nicht so wieder, dass die Wahlentscheidung nach objektiven Kriterien getroffen werden kann. Wir wollen doch nicht noch mehr regulieren und einschränken im Medizinstudium. Aber wir wollen, dass der Kontakt zur ambulanten Versorgungsstruktur stattfinden kann, damit ich dann auch mal sehe, dass das gar nicht so schlimm ist, wie es oft dargestellt wird. Wir wollen, dass man sich auch für eine Grundversorgerkomponente, für die hausärztliche Tätigkeit entscheiden kann. Wie man das nun genau gestaltet, ob über Blockpraktika oder übers PJ, das ist alles noch offen, aber diese Diskussion muss stattfinden.

Das stünde am Anfang der Kette. Was kommt danach?

Köhler: Die Weiterbildung, die bislang überwiegend in der Klinik stattfindet. Da muss ich auch wieder in Kontakt mit der ambulanten Versorgung geraten können, und das ist das, was wir mit der Bundes­ärzte­kammer diskutieren wollen. Es geht nicht um eine Einmischung in andere Zuständigkeiten, sondern es geht um die gesellschaftliche Anforderung an die Ärzte in Deutschland, wohnortnah die älteren und oft chronisch kranken Menschen zu versorgen. Das müssen wir leisten, das ist unser gesellschaftlicher Auftrag.

Nochmals zurück zum Bürokratieabbau. Was ärgert denn die Hausärzte extrem? Was belastet den Praxisalltag?

Feldmann: Das sind die wiederholten Krankenkassenanfragen, aber auch die zunehmenden Anträge der Patienten auf Schwerbeschädigtenausweise und in Rentenangelegenheiten. Die Versorgungsämter fragen an, das Arbeitsamt möchte Auskünfte, die immer mit einer Bescheinigung für die Patienten einhergehen. Das ist bürokratischer Aufwand, der primär nichts mit der Patientenbetreuung zu tun hat und der in den letzten Jahren unheimlich zugenommen hat.

Oft hört man auch die Klage über zu viele Formulare in der Praxis.

Köhler: Jede Krankenkasse hat ein eigenes Formular, und die Ärzte müssen jedes davon anders ausfüllen. Das ist sehr ärgerlich. Wir sind in Verhandlung mit dem GKV-Spitzenverband, um ein Standardformular für Anfragen zu entwickeln. Es muss klar sein, wo der Arztstempel hinkommt, wo das Adressfeld ist und was dort aufgeführt werden muss. Die Kassen haben grundsätzliche Bereitschaft signalisiert. Am Ende wird man sehen, ob wir endlich eine Vereinheitlichung bekommen werden.

Die Politik verweist gern auf die Bürokratie, die KVen, Ärztekammern und angeschlossene Institutionen so produzieren . . .

Köhler: An der medizinisch notwendigen Behandlungsdokumentation wollen und können wir nichts ändern, aber an der umfangreichen Abrechnungsdokumentation schon. Das wollen wir mit der nächsten EBM-Reform wesentlich vereinfachen, so dass auch die Abrechnung und die Honorarbescheide vereinfacht werden. Ebenfalls reduzieren kann man die Dokumentationserfordernisse bei der Qualitätssicherung. Nicht alles, was wir mit den Krankenkassen vereinbart haben, ist notwendig, um die Patientenversorgung zu verbessern. Es ging vielfach auch um Transparenz und Anfangslösungen. Heute, zehn Jahre später, können wir hinterfragen, ob diese Stichprobenprüfung oder dieser Dokumentationsparameter wirklich noch gebraucht werden.

Die KBV plant eine Imagekampagne für Ärzte. Mit welchem Ziel?

Köhler: Man muss einfach mal selbstkritisch sagen, dass wir in dem Bemühen, die Rahmenbedingungen zu verbessern, den Arztberuf schlechtgeredet haben. Die Diskussion um die Arbeitsbedingungen und die Vergütung veranlasst ja niemanden zu sagen, ich will unbedingt gern niedergelassener Arzt werden. Wir glauben aber, dass das ein schöner Beruf ist und wollen das in der Öffentlichkeit und bei den Medizinstudierenden und jungen Ärzten auch so darstellen. Wir wollen klarstellen, dass es ohne Ärzte nicht geht. Das und die Darstellung einer zukunftsfähigen medizinischen Versorgung sind die Kernelemente der Kampagne.

Feldmann: Wir wollen auch die Bevölkerung zum Nachdenken darüber anregen, was passiert, wenn es den Arzt vor Ort nicht mehr gibt, wenn der Kollege in der Praxis keinen Nachfolger mehr findet und der Patient allein dasteht. So etwas hat es in den letzten 60 Jahren nie gegeben, darüber hat niemand nachgedacht.

Solche Kampagnen brauchen einen langen Atem . . .

Köhler: Und Finanzmittel. Ich bin der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV sehr dankbar, dass sie diese zur Verfügung gestellt hat, und zwar für einen Zeitraum von fünf Jahren. Dies ist auch bereits mit unserer Aufsichtsbehörde abgestimmt.

Wir haben jetzt aus verschiedenen Blickwinkeln die Zukunftsaufgabe „Sicherung einer flächendeckenden guten Versorgung“ berührt. Frau Feldmann, mit welchen Instrumenten haben Sie denn in Thüringen die besten Erfahrungen gemacht?

Feldmann: Mit KV-eigenen Einrichtungen, weil die jungen Ärzte auf diese Weise eine arbeitsfähige Praxis vorgefunden haben, deren Organisation die KV übernommen hat. Dieses Konzept will Thüringen jetzt erweitern auf ein Modell, das in Sachsen-Anhalt als Filialpraxen bekannt ist. Dabei stellen die Kommunen und Landräte die Räumlichkeiten für die Praxis zur Verfügung, die KVen richten diese ein und sorgen dafür, dass stunden- oder auch tageweise die Grundversorger ihre Sprechstunde dort abhalten. Das ist das Modell der Zukunft.

Und diese Maßnahmen greifen?

Feldmann: Ja, und wenn man dann noch die jungen Kollegen in der Anfangsphase eng begleitet und ihnen aufzeigt, was sie für dieselbe Arbeit als freiberuflicher Vertragsarzt im Vergleich zum Gehalt unterm Strich haben würden, dann wird das transparenter. Ein Kollege wollte schon nach drei Quartalen die Praxis übernehmen.

Wie weit sind die Beratungen zur neuen Bedarfsplanung gediehen?

Köhler: Wir sind im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss gar nicht so weit auseinander. Es gibt natürlich verschiedene Interessen, aber auch das gemeinsame Ziel, eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen und diese am lokalen Versorgungsbedarf auszurichten. Ein ganz zentrales Element der neuen Bedarfsplanung ist, dass sie sehr viel stärker regionalisiert und regionale Kompetenzen zuweist. Das schafft vor Ort mehr Flexibilität.

Das heißt?

Köhler: Wir können uns an der Morbiditätslast der lokalen Wohnbevölkerung, an sozio-demografischen Umweltfaktoren orientieren und dann die Frage beantworten, welche Ärzte dort gebraucht werden. Je generalistischer und koordinativer eine Arztgruppe arbeitet, je mehr Case-Management abgefordert wird, desto kleinräumiger muss ich planen. Je spezialisierter die Arztgruppe ist, desto großräumiger kann ich planen.

Die alte Richtlinie hatte das Ziel, die vermeintliche Ärzteschwemme einzudämmen und zu viele Niederlassungen zu verhindern. Die neue Bedarfsplanung will im ländlichen Raum überhaupt Niederlassungen ermöglichen. Also genau das Gegenteil, nämlich Unterversorgung vermeiden.

Aktuell stehen Vergütungsverhandlungen an. Was wollen Sie erreichen?

Köhler: Eigentlich nichts anderes als das, wozu uns der Gesetzgeber auffordert. Die Kassen müssen die Krankheitslast der Bevölkerung bezahlen. Dafür sind sie da. Und dann muss die Vergütung an die Preisentwicklung angepasst werden. Das ist überall so. Wir haben also zwei bescheidene Forderungen: Zum einen den Inflationsausgleich über den Orientierungspunktwert, zum andern möchten wir die Veränderung bei der Morbidität der Bevölkerung bezahlt bekommen. Das ergibt in der Summe etwa drei Milliarden Euro. Das hat nichts mit den Reserven im Gesundheitsfonds zu tun, sondern das sind die gesetzlichen Möglichkeiten, die wir jetzt für das Jahr 2013 erstmals nutzen können, nachdem das durch das GKV-Finanzierungsgesetz zwei Jahre lang eingefroren war.

Im Übrigen wird es nicht mehr gehen, dass wir alle psychotherapeutischen Leistungen aus dem Fachärztetopf honorieren. Um mal eine Größenordnung zu nennen: Für die antrags- und genehmigungspflichtige Psychotherapie geben wir jährlich 1,245 Milliarden Euro aus. Und der Bedarf wird steigen. Die Verhandlungen mit den Krankenkassen auf Bundesebene über eine separate Vergütung haben zu keinem Erfolg geführt. Deshalb brauchen wir jetzt eine gesetzliche Regelung.

Das Gespräch führten
Josef Maus und Heinz Stüwe.

Der KBV-Vorstand

Dr. med. Andreas Köhler ist seit Januar 2005 erster hauptamtlicher Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Er verantwortet zudem den fachärztlichen Versorgungsbereich innerhalb des Vorstandes.

Dipl.-Med. Regina Feldmann wurde am 21. Mai von der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung in Nürnberg als Nachfolgerin von Dr. med. Carl-Heinz Müller in den Vorstand gewählt. Die ehemalige Thüringer KV-Vorsitzende vertritt im KBV-Vorstand den hausärztlichen Versorgungsbereich.

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