ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2012Pro & Kontra: Religiöse Beschneidungen

POLITIK

Pro & Kontra: Religiöse Beschneidungen

Dtsch Arztebl 2012; 109(31-32): A-1538 / B-1322 / C-1302

Klinkhammer, Gisela

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Foto: dapd
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Sollte man religiöse Beschneidungen minderjähriger Jungen gesetzlich regeln? Ist das Kölner Landgerichtsurteil zu begrüßen oder abzulehnen? Wie sollen Ärzte mit dem Urteil umgehen? Ein Pro und Kontra

Zum Thema: In einem womöglich wegweisenden Urteil hat das Kölner Landgericht vor kurzem die Beschneidung von Jungen als Straftat bewertet. In seiner Entscheidung verwies das Gericht unter anderem darauf, dass der Körper des Kindes durch die in Islam und Judentum verbreitete Beschneidung „dauerhaft und irreparabel“ verändert werde.

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Das Kölner Landgericht hatte in zweiter Instanz über die Strafbarkeit eines Arztes entschieden, der einen vierjährigen muslimischen Jungen beschnitten hatte. „Diese Veränderung läuft dem Interesse des Kindes, später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können, zuwider“, heißt es in der Urteilsbegründung. Umgekehrt werde das Erziehungsrecht der Eltern „nicht unzumutbar beeinträchtigt, wenn sie gehalten sind abzuwarten, ob sich der Knabe später, wenn er mündig ist, selbst für die Beschneidung als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zum Islam entscheidet“. Nach dem Willen der Bundesregierung soll die Beschneidung von Jungen straffrei bleiben. Auch die SPD zeigte sich bereit, die Rechtmäßigkeit von Beschneidungen gesetzlich festzuschreiben. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, hält das Urteil des Kölner Landgerichts für die Ärzte für „unbefriedigend und für die betroffenen Kinder sogar für gefährlich“. Er sieht die Gefahr, „dass dieser Eingriff von Laien vorgenommen wird, und so – allein schon wegen der oft unzureichenden hygienischen Umstände – zu erheblichen Komplikationen führen kann“. Montgomery hofft, dass die „notwendige Kultursensibilität letztinstanzlich Berücksichtigung findet“.               Kli

@Weitere Stellungnahmen im Internet unter
www.aerzteblatt.de/121538.

Pro

Dr. med. Antje Yael Deusel ist Rabbinerin und Oberärztin in der Klinik für Urologie und Kinderurologie in Bamberg. Foto: dapd
Dr. med. Antje Yael Deusel ist Rabbinerin und Oberärztin in der Klinik für Urologie und Kinder­urologie in Bamberg. Foto: dapd

Eine heftige Debatte tobt in Deutschland, kritisch beobachtet und kommentiert von der internationalen Öffentlichkeit. Es geht um das „Beschneidungsurteil von Köln“, das die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen in den Rang einer Straftat gestellt sehen will. Die Konsequenz des Urteils ist eine tiefgreifende Verunsicherung unter Juden und Muslimen in Deutschland, und in gleichem Maße auch der Ärzte, die Beschneidungen vornehmen. So hat beispielsweise das Israelitische Krankenhaus in Berlin derzeit Beschneidungen von Jungen bis zur weiteren rechtlichen Klärung der Situation ausgesetzt. Dabei ist es keineswegs so, dass die Unrechtmäßigkeit solcher rituellen, das heißt religiös motivierten Beschneidungen grundsätzlich bereits gegeben wäre. Dies lässt die bisweilen recht vereinfachte Darstellung in den Medien aber nicht so ohne weiteres erkennen. Und auch die Diskussion in Internet und Leserbriefen ist geprägt von einer ungeheueren Emotionalität – und einer erschreckenden Polemik.

Die unbestreitbar vorhandenen gesundheitlichen Vorteile einer solchen Beschneidung werden in der Diskussion häufig beiseitegelassen, sowie eine religiöse Komponente ins Spiel kommt – wobei mögliche (seltene) Komplikationen in diesem Fall jedoch mit der Lupenbrille betrachtet und entsprechend überdimensional vermittelt werden. Fazit: Religiös motiviertes Handeln gilt bestenfalls als unaufgeklärt, schlimmstenfalls als gefährlich und teilweise sogar als kriminell. Dabei differenziert die öffentliche Meinung nicht zwischen unterschiedlichen Religionen, noch macht sie bei der Beschneidung halt. „Unterschiedliche Phänomene – Knabenbeschneidung, weibliche Genitalverstümmelung, Prügelstrafe, Kindesmissbrauch und anderes – werden gern in einen Topf gerührt und schlicht mit dem Label ,Religion’ versehen. Das Bemühen um Differenzierung, Genauigkeit und Fairness bei der Problembeschreibung gilt vielen offenbar als Zeitverschwendung oder gar als verdächtiger Eskapismus.“ Diese Aussage von Prof. Dr. Heiner Bielefeldt trifft präzise den Kern des derzeitigen Diskurses.

Auffälligstes Merkmal der Debatte ist eine grundsätzliche Religionskritik, im Namen einer Pseudo-aufklärung. Und zutiefst erschreckend ist die Respektlosigkeit, ja, das geifernd-fanatische Eintreten für eine Freiheit von Religion, anstelle einer Freiheit der Religionsausübung, die hierbei nicht selten zutage treten. Sicherlich rechtfertigt eine religiöse Begründung nicht das Außerachtlassen von Menschenrechten – aber ebenso wenig lässt sich hieraus ein Recht zur Missachtung religiöser Grundwerte ableiten.

Bei alledem wäre eine Diskussion über die Aspekte der rituellen Beschneidung durchaus wünschenswert – wenn es denn eine Diskussion wäre. Dazu bedürfte es einer prinzipiellen Offenheit, die Vertreter der Religionsgemeinschaften zunächst einmal wertfrei anzuhören, um die Argumente pro und kontra sorgfältig gegeneinander abwägen zu können. Eine solche Bereitschaft lässt die aktuelle Debatte in der deutschen Gesellschaft aber über weite Strecken vermissen. Stattdessen wird das Urteil von Köln von manchen Religionskritikern anscheinend als „Lizenz zur Religionsbeschimpfung“ aufgefasst, freudig begrüßt von jenen, die bejubeln, dass man diesen religiös Verblendeten „endlich mal die Wahrheit ins Gesicht sagen darf“. Stammtischparolen helfen in der Debatte aber nicht weiter, ebenso wenig ein kaum reflektiertes „Niederreden“ der Befürworter einer möglichst frühzeitigen Beschneidung, sei es aus religiöser oder medizinischer Indikation.

Kontra

Dr. med. Christoph Kupferschmid ist Pädiater in Ulm und Mitglied im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Foto: privat
Dr. med. Christoph Kupferschmid ist Pädiater in Ulm und Mitglied im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Foto: privat

Die gesellschaftliche Diskussion in Deutschland über die rituelle Beschneidung von kleinen Jungen ist überfällig. Und sie hat nichts damit zu tun, dass sich unser Land in tiefer Schuld mit dem Blut von sechs Millionen Juden befleckt hat.

Bereits vor elf Jahren stellten die Münchner Kinderchirurgen um Prof. Dr. med. Maximilian Stehr medizinisch nicht indizierte Beschneidungen infrage. Die Komplikationsrate von zwei Prozent, Schmerzen und Unwohlsein standen für sie nicht im Einklang mit unseren Vorstellungen von Kinderrechten und Selbstbestimmung. Jetzt hat das Landgericht Köln der juristischen Diskussion ein vorläufiges Ende gesetzt, ob in bestimmten Situationen das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung gegenüber Religionsfreiheit und Elternrecht zurückstehen muss. Sozialadäquat, so urteilten die Richter, kann nur ein Verhalten sein, das nicht missbilligt wird, also nicht gegen gesetzliche Regeln verstößt.

Die uralte und sicher vorbiblische Tradition der Beschneidung ist zweifellos eine absichtliche Verletzung. Sie wird mit Vorschriften aus der Bibel, der Tora und der Scharia als Glaubensfundament begründet, als religiöse Identität. Ihr stehen heute Errungenschaften der Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert entgegen, die Fundament aller westlichen Verfassungen geworden sind. Weltweit wurden sie durch die Erklärungen der Vereinten Nationen zu den Menschen- und Kinderrechten verbindlich: Die Rechte auf Selbstbestimmung und auf körperliche Unversehrtheit. Die Diskussion wird zum Kulturkampf stilisiert, zur Frage des traditionellen religiösen Überlebens in einer modernen säkularen Gesellschaft. Im Kampf um Bedeutung und um die Deutungshoheit werden neue, vermeintliche Grundrechte formuliert, wie „das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“ und diese über die verbrieften Grundrechte gestellt. Längst widerlegter medizinischer Irrglaube wird wiederbelebt, wie die angeblich verminderte Schmerzempfindung von Kindern in den ersten drei Lebensmonaten. Die Politiker scheinen in dieser Auseinandersetzung derzeit bereit zu sein, Kinderrechte dem sozialen Frieden zu opfern.

Die Ärzte sind zurecht verunsichert. Sie stehen im Spannungsfeld zwischen dem ebenfalls uralten Prinzip „nil nocere“ und dem Respekt vor der religiösen Tradition. In Deutschland stehen sie auch im Spannungsfeld ihrer Mitarbeit in Auschwitz und Birkenau und der Forderung, das Recht von Unversehrtheit von Kindern gegenüber religiösen Traditionen zurückzustellen. Für den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hat dessen Präsident, Dr. med. Wolfram Hartmann, eindeutig Stellung bezogen. Das Kindeswohl und das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit müssen an erster Stelle stehen. Er wirft den Befürwortern der Beschneidung vor, diese Form der Körperverletzung zu bagatellisieren. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit habe für den BVKJ Vorrang vor der Glaubensfreiheit und dem Elternrecht.

Man könnte das Problem auch einmal andersherum betrachten: Könnten sich nicht die jüdischen und muslimischen Gemeinden bereitfinden, ihre unbeschnittenen männlichen Mitglieder so lange nicht zu diskriminieren, bis diese alt genug sind, selbst über eine Beschneidung zu entscheiden? Im Islam dürfte diese Form der Toleranz kein Problem darstellen, denn die Scharia schreibt keine Altersgrenze fest. In Israel und in den USA gibt es Minderheiten, die sich gegen die Beschneidung von kleinen Jungen wenden. In jüdischen Familien sind dort etwa drei Prozent nicht beschnitten, weil die Eltern diese schmerzhafte Prozedur als Körperverletzung ablehnen.

Leserkommentare

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Avatar #654361
Steffen Wahler
am Mittwoch, 3. Oktober 2012, 17:57

Evidenz á la Klinkhammer

Der Artikel von Frau Klinkhammer enthält eine sehr unangenehme Note. Sie suggereriert das Vorhandensein von Evidenz für den gesundheitlichen Nutzen der Beschneidung im Kindesalter, ja sogar ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis aufgrund der Aussagen der Dres. Nordmann. Diese "Evidenz" und das zugehörige gesundheitsökonomische Modell habe ich mir erlaubt an zu sehen. Auch wenn Nutzenbewertungen in Deutschland eigentlich dem IQWiG vorbehalten sind, so will ich hier meine laienhafte Einschätzung abgeben: diese Veröffentlichungen sind an Abenteuerlichkeit kaum zu überbieten. Es sind bizarre Beispiele für den Missbrauch gesundheitsökonomischer Analyse. Ich empfehle jedem sich hier selbst ein Bild zu machen. Unabhängig davon halte ich diese Frage für keine, bei der man als Ersten den Gesundheitsökonomen auf den Plan rufen sollte.
Avatar #655299
Kahled
am Dienstag, 14. August 2012, 20:37

Wenn sich religiöse Vorstellungen mit der Medizin verbinden.

Wenn religiöse Vorstellungen und Dogmen die medizinische Urteilsfähigkeit beeinflussen und einen gegenüber einem medizinischen Eingriff, der auch gleichzeitig religiöses Ritual ist, befangen machen, stellt dies ein Problem dar.

Dass Mediziner aus beschneidenden Kulturen dazu neigen können den Ritus, der sich ja eigentlich auf irrationalen religiösen Dogmen stützt, rational zu rechtfertigen bspw. durch Anführung irgendwelcher positiver Effekte, ist seit langem bekannt, und Frau Deusels Behauptungen über die angebliche "Vorteile" der Beschneidung, deren Existenz in der internationalen Ärzteschaft bestenfalls umstritten sind, sind vor diesem Hintergrund wenig überraschend.

Der us-amerikanisch- jüdische Psychiater Goldman schrieb darüber im British Journal of Urology:
>>Unter Ärzten beruht die Befürwortung der Beschneidung seit jeher auf angeblich „rationale“ Faktoren, aber wie der Psychiater Wilhelm Reich schrieb, „Intellektuelle Aktivität hat häufig eine Struktur und eine Richtung, dass sie einem wie ein extrem cleverer Apparat, speziell zur Meidung von Fakten vorkommt, als eine Aktivität, die von der Realität ablenken soll“ Dies scheint auch bei jenen der Fall zu sein, die die Beschneidung befürworten. Die Wissenschaft wurde als großer Schiedsrichter zwischen Fakt und Fiktion angenommen. (...) Die wissenschaftliche Methode ist dazu konzipiert die wissenschaftliche Gemeinschaft und die Öffentlichkeit vor fehlerhaften Schlussfolgerungen zu schützen, jedoch ist es die fehlerhafte Schlussfolgerung von angeblich reputablen wissenschaftlichen Studien, die zur Verwirrung über die Frage der Beschneidung beigetragen haben.

Ein Grund, warum fehlerhafte Studien veröffentlicht werden, ist, dass die Wissenschaft von der kulturellen Voreingenommenheit bestimmt wird. Eine wichtige Methode zur Bewahrung kultureller Werte ist es, diese als Wahrheiten auszugeben, die auf wissenschaftlicher Forschung beruhen. Diese „Wissenschaft“ kann dann dazu benutzt werden, fragwürdige und schädigende kulturelle Werte zu unterstützen, so wie etwa die Beschneidung. Dies erklärt auch die Behauptungen über die medizinischen „Vorteile“ der Beschneidung."<< (1)

Frau Deusels Doppelfunktion als Rabbinerin und Urologin muss daher kritisch betrachtet werden.

In einer Sache hat Frau Deusel allerdings wenn auch ungewollt recht
ein kaum reflektiertes „Niederreden“ der Befürworter einer möglichst frühzeitigen Beschneidung, sei es aus religiöser oder medizinischer Indikation helfen nicht weiter und es reicht auch nicht aus.

Die "Befürworter einer möglichst frühzeitigen Beschneidung" stehen mit ihrer Meinung nämlich im Gegensatz zu sämtlichen angelsächsischen Ärzteverbänden (2) welche diese nicht befürworten und in noch schärferen Gegensatz zu sämtlichen europäischen Ärzteverbände welche sich einheitlich für ein Verbot bzw. eine Abschaffung durch Abschreckung der nicht-thereapeutischen Beschneidung ausgesprochen.(3)

Der Australische Kinderchirurgenverband und der Australische Ärztebund erklären in ihren Stellungnahmen sogar explizit, dass wenn eine Beschneidung erfolgen muss, diese nicht vor dem 6. Lebensmonat vorgenommen werden sollte,(4) allein schon weil bei der Zirkumzision von Neugeborenen und Säuglingen keine wirksame perioperative und postoperative Anästhesie und Analgesie möglich ist.

Somit ist nicht nur die Befürwortung der Beschneidung sondern auch der einer möglichst frühen Beschneidung eine radikale Minderheitenposition innerhalb internationalen Ärzteschaft dar, die rational gar nicht erklärt werden kann.

Einzelnachweise:
1. Goldman R. The psychological impact of circumcision. BJU Int 1999;83 Suppl. 1:93-103.
2.Die Ärzteverbände der englischsprachigen Ländern bezeichnen die Beschneidung als unnötig und nicht-therapeutisch, scheuen aber in der Regel davor zurück, eindeutig Stellung zu beziehen.
3.Der Finnische Ärztebund und der Schwedische Kinderärzteverband fordern ein gesetzliches Verbot. Der Niederländische Ärztebund (zusammen mit dem Niederländischen Urologenverband) spricht sich für eine Abschaffung durch Abschreckung und Aufklärung aus. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie und die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin haben das Kölner Urteil begrüßt.
4. Leditischke JF. Guidelines for Circumcision. Australasian Association of Paediatric Surgeons (1996) Herston, QLD.
Avatar #87626
bach
am Samstag, 11. August 2012, 23:01

Frau Deusel ist Rabbinerin

und deshalb aus ihrer Sicht nicht autorisiert, die religiöse Beschneidung zu rechtfertigen.
Avatar #654230
Schwabius
am Samstag, 11. August 2012, 22:54

Kontra kontra

So seriös sind die Studien gegen die Beschneidung nicht und die Vorhaut zu einem Organ mit biologischer Funktion zu glorifizieren kommt doch etwas komisch vor. Es gibt nicht wenige Jungs die im Kleinkindesalter an einer so heftigen Balanitis leiden, dass sie stationär aufgenommen werden und eine i.v. Antibiose bekommen. Der bakteriellen Resistenzentwicklung tut dies sicher keinen Abbruch. Beschnittene Jungs haben viel seltener Harnwegsinfekte. Nierenschäden können vermieden werden. Lichen sclerosus kann geheilt werden. Geschlechtskrankheiten die ja leider nicht weniger werden können teilweise verhindert werden, damit kann Infertilität verhindert werden. Zervixkarzinome können verhindert werden. Peniskarzinome können verhindert werden. Reicht das etwa noch nicht? Ein Mensch kann ohne Vorhaut normalerweise mindestens genauso gut leben wie mit Vorhaut. Ein Vergleich mit einer Fußamputation ist doch völlig absurd!
Avatar #655164
Frankfurter-Römer
am Donnerstag, 9. August 2012, 14:17

Beschneidung Kontra oder Kontra

Der Beitrag von Frau Deusel ist nicht einmal ansatzweise geeignet, die medizinische und rechtliche Problematik religiös motivierter Beschneidungen darzustellen. Sie wirft den beschneidungsgegners „erschreckende Polemik“ vor und fordert, die Vertreter der Religionsgemeinschaften zunächst einmal wertfrei anzuhören, um die Argumente pro und kontra sorgfältig gegeneinander abwägen zu können. Genau dies ist erfolgt. Ergebnis: die Vertreter ihrer Religionsgemeinschaft lehnen es ab, über den Sinn der Beschneidung überhaupt nur zu diskutieren, weil das Ritual durch die Bibel vorgege-ben sei und daher in keinem Fall zur Disposition steht.

Als Ärztin behauptet sie, die Beschneidung habe „unbestreitbar gesundheitliche Vor-teile“, obwohl diese von den Beschneidungsbefürwortern immer wieder geäusserte Auffassung durch seriöse Untersuchungen längst widerlegt ist. Tatsache ist, dass bei der Beschneidung die Vorhaut – also ein Körperteil mit biologischer Funktion - ohne jede medizinische Indikation komplett entfernt wird. Die Vorhaut mit ihrer physiologi-schen Funktion ist das Ergebnis eines langen Evolutionsprozesses (der jedoch von den Religionsvertretern bestritten wird).

Jeder Arzt, der bei einem Kleinkind ein Körperteil operativ entfernen möchte, muss dafür schon gute Gründe anführen können: der Eingriff muss medizinisch indiziert sein, d.h. die Vorteile müssen die Nachteile klar überwiegen (wie z.B. bei den meisten Impfungen) und das Behandlungsziel darf nicht mit einem weniger invasiven Ver-fahren erreichbar sein. Der Eingriff muss dann auch zwingend im Kleinkindesalter durchgeführt werden, weil ein späteres Vorgehen nicht mehr möglich ist oder mit er-heblichen Nachteilen behaftet ist. Nichts von alledem trifft für die religiös motivierte Beschneidung von Kleinkindern zu.

Medizinisch ist die Zirkumzision fast nie indiziert. Die als Indikation häufig angegebene Phimose (Verengung der Vorhaut) ist in aller Regel ohne operativen Eingriff (z.B. durch Dehnung) zu behandeln. Fall doch ein operativer Eingriff erforderlich ist, be-schränkt sich dieser auf die Erweiterung, eine Entfernung der Vorhaut ist in keinem Fall indiziert. Vielfach werden prophylaktische Indikationen – v.a. hinsichtlich von In-fektionen - für eine Zirkumzision angeführt. Tatsächlich können sich bei mangelhafter Hygiene unter der Vorhaut Epithelreste ansammeln, die einen idealen Nährboden für Mikroorganismen bilden und so die Entstehung und Übertragung von Infektionen so-wie die Entstehung von Malignomen (Penis-Karzinom) begünstigen können. Der menschliche Körper stellt jedoch in seiner Gesamtheit ein Hygieneproblem dar, da er von aussen (Haut) und innen (Verdauungstrakt) von einer Vielzahl von Mikroorga-nismen besiedelt ist, die teilweise potentiell pathogen sind. Dieses Problem lässt sich jedoch in jedem Fall bei adäquater Hygiene beherrschen und stellt höchstens dann eine – relative - Indikation für eine Zirkumzision dar, wenn eine adäquate Hygiene nicht sichergestellt werden kann. Dies ist jedoch in Mitteleuropa sicher nicht der Fall. Sämtliche Studien, auf die sich die Befürworter beziehen, wurden in Regionen mit unzureichender Hygiene und spezifischen Bedingungen (z.B. hohe HIV-Prävalenz) durchgeführt und lassen sich daher nicht auf Mitteleuropa übertragen.

Selbstverständlich kann ein Körperteil, der operativ entfernt wird, nicht mehr erkran-ken. Wollte man jedoch diese Erkenntnis als Rechtfertigung für die prophylaktische Entfernung von Körperteilen heranziehen, so könnte man einem Kind auch die Füsse amputieren, um der Entstehung von Fusspilz vorzubeugen.


Aus medizinischer Sicht ist die Beschneidung somit eindeutig kontraindiziert. Aber auch aus rechtlicher Sicht ist der Eingriff nicht zu rechtfertigen. Angeführt wird in die-sem Zusammenhang ein Grundrechtskonflikt v.a. zwischen Art. 2 Abs. 2 GG (Recht auf körperliche Unversehrtheit) und Art. 4 GG (Religionsfreiheit bzw. Freiheit der Re-ligionsausübung). Dieser Konflikt wurde jedoch bereits bei der Verabschiedung des Grundgesetzes 1949 eindeutig entschieden: Art. 140 GG beinhaltet Bestimmungen der Weimarer Verfassung, v.a. Art. 136 Abs. 4 und Art. 137 Abs. 3. Diese regeln, dass „niemand ... zur Teilnahme an religiösen Übungen … gezwungen werden“ darf, dass „die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte … durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt“ werden und dass jede Religionsge-sellschaft ihre Angelegenheiten selbständig verwaltet, jedoch nur „innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes“. Insoweit ist eindeutig, dass die Freiheit der Religionsausübung in jedem Fall dort endet, wo Grundrechte Dritter verletzt wer-den.

Auch die nunmehr von der Bundesregierung angedachte Legalisierung der männli-chen (!) Beschneidung ist nicht geeignet, das Problem zu lösen. Eine vom Gesetzge-ber verfügte Einschränkung der Grundrechte nach Art 2 Abs. 2 GG zur freien Religi-onsausübung öffnet die Tür für praktisch jede Form religiös motivierter körperlicher Eingriffe bei Kindern und ggf. weiterer religiös motivierter Grundrechtsbeschränkun-gen.
Avatar #654230
Schwabius
am Mittwoch, 8. August 2012, 21:55

Scheinheilig. Aroma des Ebers.

Der neue Antisemitismus ist vorsichtig genug sich selbst herunterzuspielen. Eine Komplikationsrate von 2% wird doch locker durch z.B. um 10mal seltenere Harnwegsinfektionen bei beschnittenen Säuglingen, durch Verhinderung von Nierenschäden durch Harnaufstau, durch Verhinderung von Geschlechtskrankheiten die ja u.U. bei Jugendlichen zu Infertilität führen können, durch Verhinderung von z.B. Gebärmutterkrebs und durch Verhinderung von Peniskrebs hereingeholt. Natürlich haben auch Babies Schmerzen, aber es gibt ja auch z.B. Lokalbetäubung heutzutage. Warum sollte vielen kleinen Jungs eine Balanitis aufgedrückt werden?
Ein tiermedizinisches Buch schreibt den charakteristischen Geruch des Ebers dem Smegma unter seiner Vorhaut zu, ist das das Ziel?
Avatar #538929
Evelyn Jannasch
am Montag, 6. August 2012, 00:28

bagatellisiertes Trauma - Urteil ist ein Meilenstein

Aus mir spricht sozusagen der betroffene Säugling, ich selbst musste im Alter von fünf Monaten in einer Klinik behandelt werden und habe in langen Jahren dieses Trauma nur allmählich bewältigen können.Ich bin unendlich dankbar für das Urteil und bin erschüttert über die teils aversiven Reaktionen auch nichtreligiöser Landsleute.Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren in meiner Profession als Psychiaterin, Neurologin, Ärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ich habe gelernt, dass unsere frühesten Erfahrungen unser ganzes Leben entscheiden prägen, sozusagen die Brille sind, durch die wir unser Leben dann sehen und empfinden.
Wir können sie nur heilen, wenn wir sie einfühlen und liebevoll berühren.
Männliche Beschneidung ist kein „Bagatelleingriff“, sondern Körperverletzung im direkten Sinn. Nicht umsonst sind alle medizinischen Maßnahmen mit körperlichen Eingriffen ohne ausdrückliche Einwilligung mit Ausnahme lebensbedrohlicher Situationen juristisch als solche definiert!
Ein operativer Eingriff im frühen Säuglingsalter ist immer und ausnahmslos ein Trauma. Selbst mit Narkose durchgeführt, durchlebt ein Kind, das sich gerade mühsam auf der Welt zurechtzufinden versucht, zutiefst verstörende Erfahrungen, Schmerzen und intensive unangenehme Empfindungen an seinem sensibelsten Körperteil. Es weiß nicht wie ihm geschieht, nach der Op. tut es weh, das Glied ist extrem empfindlich, die Defekt-Heilung dauert ihre Zeit.
Gerade weil niemand mitfühlt und das Kind sich außer mit Verstörung und Weinen noch nicht äußern kann, wirkt sich das so nachhaltig auf sein weiteres Leben aus. Natürlich erinnern das heute die Betroffenen nicht mehr explizit, denn es wirkt sich ja unbewusst (niemand erinnert sich ohne Hypnose oder andere gezielte Techniken an den Lebensbeginn), dafür implizit um so nachhaltiger.
Eigentlich nicht als solcher zu begründender Fakt ist auch, dass die Vorhaut wie jedes Körperteil ihren Sinn hat (das ist am ehesten das von Gott gewollte, wenn man sich schon auf diese Ebene begibt!) und ihr Fehlen entweder Minderung der Empfindsamkeit oder Übersensibilität der Eichel zur Folge hat. So oder so, es wirkt sich auf die Sexualität aus. Überbetonung der Sexualität, unbewusster Hass gegen die die Not des Kindes nicht wahrnehmenden, es pflegenden Mütter, aggressives Ausleben oder Verdrängung sowie Unempfindlichkeit können lebenslange Folgen ein. Nicht zufällig hat (der beschnittene) Freud seine Theorie in unangemessener Weise auf die kindliche Sexualität fokussiert. Allen betroffenen Männer wurden an ihrem empfindsamsten Körperteil in einem absolut hilflosem Alter Schmerzen, zugefügt, Schock, Irritation und unangenehme übermäßige Konzentration auf dieses Organ ausgelöst. Auch sexualisierte (besonders häusliche) Gewalt kann hier wurzeln.
Zum Juristischen: Wie können wir die weibliche Beschneidung ächten, die denselben kulturellen Stellenwert für ihre Verfechter hat und die männliche bagatellisieren? Wird nach Größe des betroffenen Organs entschieden? nach Ausmaß der körperlichen Folgen? mit oder ohne Narkose? Danach, wie offensichtlich oder scheinbar subtil die seelischen Folgen sind? Wenn unsere Gerichtsbarkeit hier einknickt, treten wir Menschenrechte mit Füßen - die der Schwächsten unter uns, die für die Ausgestaltung unserer Zukunft sorgen und die wesentlich dadurch geprägt werden, was sie am Beginn ihres Lebens erfahren.
Dann dürfen wir uns auch nicht über weibliche Beschneidung, Zwangsheirat, Tötung männlicher Säuglinge, Entfernung von Fingergliedern, Schnürung von Füßen und alle möglichen Praktiken, die für bestimmte Kulturkreise traditionell bedeutsam sind, aufregen.
Es geht nur eines - konsequent in der Ahndung von Menschenrechtsverletzungen gerade bei den Schwächsten unter uns zu sein, die noch keine Stimme haben. Oder wir bekennen uns dazu, dass wir das nicht wagen, dass Körper und Seelen der Kinder und Säuglinge eben der kulturellen Sichtweise der Eltern ausgeliefert bleiben. So wie früher die Prügel, die ja angeblich auch niemanden geschadet haben und über Generationen als heilsame Selbstverständlichkeit ausgeteilt wurden.
Oder die Folter – wie viel davon darf sein? Ab wann wird sie unzumutbar? Laute Musik und Schlafentzug noch salonfähig?

Ich formuliere es provozierend, um auf die verhängnisvolle Tatsache zu fokussieren, dass hier Misshandlungen abgestuft nach sichtbarem Ausmaß oder Grad der Verdrängung bei den Beurteilern juristisch klassifiziert werden sollen!
Jedem steht es doch frei, im mündigen Alter über die religiös motivierten Eingriffe in seinen Körper zu entscheiden!
Ich empfehle jedem Verfechter das persönliche intime Gespräch mit einem Erwachsenen oder Jugendlichen, der diesen Eingriff aus medizinischen Gründen vornehmen lassen mussten. Sie werden staunen, was da zur Sprache kommt an Schmerzen und unangenehmen Gefühlen, wenn der Betroffene seine Scham überwindet und sich nicht zum „Männlichsein“ zwingt. Dann kann man seine Schlüsse ziehen, wie es einem acht Tage alten hilflosen Säugling gehen mag. trotz Narkose!
Es gab ja auch Zeiten (noch nicht so lange, ca.50 Jahre, her), wo man auf die Narkose bei Eingriffen bei Früh- und Neugeborenen verzichtete, in der Annahme,
ihr unreifes Nervensystem lasse noch keinen Schmerz fühlen….
Ich wünsche unserem Land von Herzen eine konsequent die Menschenrechte bedingungslos schützende Gesetzgebung, die dabei helfen wird, das Religion und kultureller Brauch nicht mehr als Legitimation für Misshandlung und Verstümmelung Minderjähriger kann.


Avatar #115769
Ingo-Wolf Kittel
am Samstag, 4. August 2012, 14:22

Worum geht es eigentlich?!

Abgesehen von der Darstellung vieler, wenn nicht der meisten Einzelheiten, die Frau Deusel mindestens ebenso tendenziös darstellt, wie sie das meint anderen vorhalten zu müssen, nimmt sie nirgendwo zur Frage der Legitimität oder auch nur möglichen Legitimierung von medizinisch nicht begründbaren Beschneidungen Stellung, sondern zu der laufenden Diskussion darüber. Lehrer würden hier wohl schlicht von Themaverfehlung reden. (Medizinisch weckt ihre wie nebenbei gemachte und einzig sachlich verwertbare, aus religiöser Sicht nur ganz und gar irrelevante Behauptung angeblich "unbestreitbar vorhandener gesundheitlicher Vorteile einer ... Beschneidung" sogar Zweifel an ihrer fachlichen Sachkenntnis, die nicht einmal auf der Höhe der Kenntnisse einer Medizinstudentin vor dem Staatsexamen zu stehen scheinen, wie sie zB. hier http://www.atheisten-info.at/infos/info0970.htm dokument werden.)
Dass real Rechtsprinzipien und deren Legitimität bzw. Legitimierung zur Diskussion stehen, bringt einzig der Kollege Kupferschmid zur Sprache. Damit kommt die Grundlage modernen Rechtsverständnisses ins Spiel, wie zB. ein Autor aus Österreich, wo dieselbe Debatte gerführt wird, hier http://www.wissenbloggt.de/?p=12483 darlegt. Seine Ausführungen ergänzen das von Herrn Kupferschmid Dargelegte um weitere Gesichtspunkte und vor allem Argumente.

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