ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2012Ambulante Versorgung von Essstörungen: Prädestiniert für Netze

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Ambulante Versorgung von Essstörungen: Prädestiniert für Netze

PP 11, Ausgabe August 2012, Seite 337

Bühring, Petra

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Essstörungen wie Anorexia nervosa (AN), Bulimie und Binge-eating-Störungen sind schwerwiegende Erkrankungen, an denen überwiegend Mädchen und junge Frauen erkranken. Die Anorexia nervosa weist sogar eine Zehn-Jahres-Letalität von fünf Prozent auf. Essstörungen können in spezialisierten Kliniken gut behandelt werden, doch wenn die Patienten entlassen werden, fallen viele wieder in alte Essverhaltensmuster zurück. Die Kliniken empfehlen den Patientinnen meist schon bei der Aufnahme, sich einen Therapieplatz bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten zu suchen, aber selbst dann ist es schwierig, einen zu finden. Denn es bestehen generell lange Wartezeiten bei Psychotherapeuten, weil die Versorgungssituation angespannt ist. Viele Therapeuten haben aber auch Vorbehalte gegenüber der Arbeit mit Essgestörten, und mit Richtlinientherapie allein kann zudem nur wenig erreicht werden. All das wurde bei einem Symposium der Bundes­psycho­therapeuten­kammer zu „Gute Praxis psychotherapeutische Versorgung: Essstörungen“ deutlich.

Psychotherapie gehört zu den Kernempfehlungen der S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Essstörungen (siehe auch PP 11/2011). Die Angehörigen sollten in die Therapie unbedingt einbezogen werden. Das Essverhalten muss auch im ambulanten Setting weiterhin Thema sein, das heißt, Ernährungsberatung ist ein wichtiges Element in der Therapie. Die Leitlinie empfiehlt bei Magersüchtigen eine Gewichtszunahme von 200 bis 500 g pro Woche – dazu müssen die Patienten gewogen werden. Auch Kunsttherapie, Körpertherapie oder Yoga können zusätzlich helfen. Wichtig ist ebenso eine gute Vernetzung mit Ärzten und Kliniken.

Damit sind Essstörungen eigentlich prädestiniert für eine integrierte Versorgung. Bulimie sollte nach der Leitlinie sowieso überwiegend ambulant behandelt werden. Doch die Versorgungsrealität sieht anders aus. Bundesweit gibt es lediglich drei Netze, die mit Essgestörten im Rahmen der integrierten Versorgung (IV) arbeiten: eines davon ist das Netzwerk Essstörungen Ostalbkreis NEO, das seit 2007 im Raum Aalen-Schwäbisch Gmünd mit einem AOK-IV-Vertrag arbeitet. Das Projekt ist sehr erfolgreich. Die beteiligten Ärzte und Therapeuten würden auch gern Patientinnen anderer Krankenkassen behandeln, stoßen bisher bei den Kassen aber auf wenig Interesse. Daneben gibt es viele lokale Zusammenschlüsse von Ärzten und Psychotherapeuten, die Essgestörte behandeln – aber die in der Klinik bewährte Verknüpfung verschiedener Therapieangebote wird in der ambulanten Regelversorgung nicht finanziert.

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Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat bereits im Mai vergangenen Jahres einen Vertrag nach § 73 c SGB V entworfen, der eine flächendeckende ambulante Versorgung essgestörter Patienten ermöglichen würde. Dabei sollen regionale interdisziplinäre Versorgungsteams gebildet werden, die multimodal behandeln. Fachlich entspricht der Vertrag den Anforderungen der S3-Leitlinie für Essstörungen, es gibt keine Kritik. Er könnte direkt in die Praxis umgesetzt werden. Doch bisher ist noch kein einziges Behandlungsteam nach diesem Vertrag gebildet worden. Man beiße sich bei den Krankenkassen die Zähne aus, heißt es.

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