ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2012Pro & Kontra: Religiöse Beschneidungen

POLITIK

Pro & Kontra: Religiöse Beschneidungen

PP 11, Ausgabe August 2012, Seite 356

Klinkhammer, Gisela

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Foto: dapd
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Sollte man religiöse Beschneidungen minderjähriger Jungen gesetzlich regeln? Ist das Kölner Landgerichtsurteil zu begrüßen oder abzulehnen? Wie sollen Ärzte mit dem Urteil umgehen? Ein Pro und Kontra

Zum Thema: In einem womöglich wegweisenden Urteil hat das Kölner Landgericht vor kurzem die Beschneidung von Jungen als Straftat bewertet. In seiner Entscheidung verwies das Gericht unter anderem darauf, dass der Körper des Kindes durch die in Islam und Judentum verbreitete Beschneidung „dauerhaft und irreparabel“ verändert werde.

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Das Kölner Landgericht hatte in zweiter Instanz über die Strafbarkeit eines Arztes entschieden, der einen vierjährigen muslimischen Jungen beschnitten hatte. „Diese Veränderung läuft dem Interesse des Kindes, später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können, zuwider“, heißt es in der Urteilsbegründung. Umgekehrt werde das Erziehungsrecht der Eltern „nicht unzumutbar beeinträchtigt, wenn sie gehalten sind abzuwarten, ob sich der Knabe später, wenn er mündig ist, selbst für die Beschneidung als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zum Islam entscheidet“. Nach dem Willen der Bundesregierung soll die Beschneidung von Jungen straffrei bleiben. Auch die SPD zeigte sich bereit, die Rechtmäßigkeit von Beschneidungen gesetzlich festzuschreiben. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, hält das Urteil des Kölner Landgerichts für die Ärzte für „unbefriedigend und für die betroffenen Kinder sogar für gefährlich“. Er sieht die Gefahr, „dass dieser Eingriff von Laien vorgenommen wird, und so – allein schon wegen der oft unzureichenden hygienischen Umstände – zu erheblichen Komplikationen führen kann“. Montgomery hofft, dass die „notwendige Kultursensibilität letztinstanzlich Berücksichtigung findet“.               Kli

@Weitere Stellungnahmen im Internet unter
www.aerzteblatt.de/121538.

Pro

Dr. med. Antje Yael Deusel ist Rabbinerin und Oberärztin in der Klinik für Urologie und Kinderurologie in Bamberg. Foto: dapd
Dr. med. Antje Yael Deusel ist Rabbinerin und Oberärztin in der Klinik für Urologie und Kinder­urologie in Bamberg. Foto: dapd

Eine heftige Debatte tobt in Deutschland, kritisch beobachtet und kommentiert von der internationalen Öffentlichkeit. Es geht um das „Beschneidungsurteil von Köln“, das die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen in den Rang einer Straftat gestellt sehen will. Die Konsequenz des Urteils ist eine tiefgreifende Verunsicherung unter Juden und Muslimen in Deutschland, und in gleichem Maße auch der Ärzte, die Beschneidungen vornehmen. So hat beispielsweise das Israelitische Krankenhaus in Berlin derzeit Beschneidungen von Jungen bis zur weiteren rechtlichen Klärung der Situation ausgesetzt. Dabei ist es keineswegs so, dass die Unrechtmäßigkeit solcher rituellen, das heißt religiös motivierten Beschneidungen grundsätzlich bereits gegeben wäre. Dies lässt die bisweilen recht vereinfachte Darstellung in den Medien aber nicht so ohne weiteres erkennen. Und auch die Diskussion in Internet und Leserbriefen ist geprägt von einer ungeheueren Emotionalität – und einer erschreckenden Polemik.

Die unbestreitbar vorhandenen gesundheitlichen Vorteile einer solchen Beschneidung werden in der Diskussion häufig beiseitegelassen, sowie eine religiöse Komponente ins Spiel kommt – wobei mögliche (seltene) Komplikationen in diesem Fall jedoch mit der Lupenbrille betrachtet und entsprechend überdimensional vermittelt werden. Fazit: Religiös motiviertes Handeln gilt bestenfalls als unaufgeklärt, schlimmstenfalls als gefährlich und teilweise sogar als kriminell. Dabei differenziert die öffentliche Meinung nicht zwischen unterschiedlichen Religionen, noch macht sie bei der Beschneidung halt. „Unterschiedliche Phänomene – Knabenbeschneidung, weibliche Genitalverstümmelung, Prügelstrafe, Kindesmissbrauch und anderes – werden gern in einen Topf gerührt und schlicht mit dem Label ,Religion’ versehen. Das Bemühen um Differenzierung, Genauigkeit und Fairness bei der Problembeschreibung gilt vielen offenbar als Zeitverschwendung oder gar als verdächtiger Eskapismus.“ Diese Aussage von Prof. Dr. Heiner Bielefeldt trifft präzise den Kern des derzeitigen Diskurses.

Auffälligstes Merkmal der Debatte ist eine grundsätzliche Religionskritik, im Namen einer Pseudo-aufklärung. Und zutiefst erschreckend ist die Respektlosigkeit, ja, das geifernd-fanatische Eintreten für eine Freiheit von Religion, anstelle einer Freiheit der Religionsausübung, die hierbei nicht selten zutage treten. Sicherlich rechtfertigt eine religiöse Begründung nicht das Außerachtlassen von Menschenrechten – aber ebenso wenig lässt sich hieraus ein Recht zur Missachtung religiöser Grundwerte ableiten.

Bei alledem wäre eine Diskussion über die Aspekte der rituellen Beschneidung durchaus wünschenswert – wenn es denn eine Diskussion wäre. Dazu bedürfte es einer prinzipiellen Offenheit, die Vertreter der Religionsgemeinschaften zunächst einmal wertfrei anzuhören, um die Argumente pro und kontra sorgfältig gegeneinander abwägen zu können. Eine solche Bereitschaft lässt die aktuelle Debatte in der deutschen Gesellschaft aber über weite Strecken vermissen. Stattdessen wird das Urteil von Köln von manchen Religionskritikern anscheinend als „Lizenz zur Religionsbeschimpfung“ aufgefasst, freudig begrüßt von jenen, die bejubeln, dass man diesen religiös Verblendeten „endlich mal die Wahrheit ins Gesicht sagen darf“. Stammtischparolen helfen in der Debatte aber nicht weiter, ebenso wenig ein kaum reflektiertes „Niederreden“ der Befürworter einer möglichst frühzeitigen Beschneidung, sei es aus religiöser oder medizinischer Indikation.

Kontra

Dr. med. Christoph Kupferschmid ist Pädiater in Ulm und Mitglied im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Foto: privat
Dr. med. Christoph Kupferschmid ist Pädiater in Ulm und Mitglied im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Foto: privat

Die gesellschaftliche Diskussion in Deutschland über die rituelle Beschneidung von kleinen Jungen ist überfällig. Und sie hat nichts damit zu tun, dass sich unser Land in tiefer Schuld mit dem Blut von sechs Millionen Juden befleckt hat.

Bereits vor elf Jahren stellten die Münchner Kinderchirurgen um Prof. Dr. med. Maximilian Stehr medizinisch nicht indizierte Beschneidungen infrage. Die Komplikationsrate von zwei Prozent, Schmerzen und Unwohlsein standen für sie nicht im Einklang mit unseren Vorstellungen von Kinderrechten und Selbstbestimmung. Jetzt hat das Landgericht Köln der juristischen Diskussion ein vorläufiges Ende gesetzt, ob in bestimmten Situationen das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung gegenüber Religionsfreiheit und Elternrecht zurückstehen muss. Sozialadäquat, so urteilten die Richter, kann nur ein Verhalten sein, das nicht missbilligt wird, also nicht gegen gesetzliche Regeln verstößt.

Die uralte und sicher vorbiblische Tradition der Beschneidung ist zweifellos eine absichtliche Verletzung. Sie wird mit Vorschriften aus der Bibel, der Tora und der Scharia als Glaubensfundament begründet, als religiöse Identität. Ihr stehen heute Errungenschaften der Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert entgegen, die Fundament aller westlichen Verfassungen geworden sind. Weltweit wurden sie durch die Erklärungen der Vereinten Nationen zu den Menschen- und Kinderrechten verbindlich: Die Rechte auf Selbstbestimmung und auf körperliche Unversehrtheit. Die Diskussion wird zum Kulturkampf stilisiert, zur Frage des traditionellen religiösen Überlebens in einer modernen säkularen Gesellschaft. Im Kampf um Bedeutung und um die Deutungshoheit werden neue, vermeintliche Grundrechte formuliert, wie „das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“ und diese über die verbrieften Grundrechte gestellt. Längst widerlegter medizinischer Irrglaube wird wiederbelebt, wie die angeblich verminderte Schmerzempfindung von Kindern in den ersten drei Lebensmonaten. Die Politiker scheinen in dieser Auseinandersetzung derzeit bereit zu sein, Kinderrechte dem sozialen Frieden zu opfern.

Die Ärzte sind zurecht verunsichert. Sie stehen im Spannungsfeld zwischen dem ebenfalls uralten Prinzip „nil nocere“ und dem Respekt vor der religiösen Tradition. In Deutschland stehen sie auch im Spannungsfeld ihrer Mitarbeit in Auschwitz und Birkenau und der Forderung, das Recht von Unversehrtheit von Kindern gegenüber religiösen Traditionen zurückzustellen. Für den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hat dessen Präsident, Dr. med. Wolfram Hartmann, eindeutig Stellung bezogen. Das Kindeswohl und das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit müssen an erster Stelle stehen. Er wirft den Befürwortern der Beschneidung vor, diese Form der Körperverletzung zu bagatellisieren. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit habe für den BVKJ Vorrang vor der Glaubensfreiheit und dem Elternrecht.

Man könnte das Problem auch einmal andersherum betrachten: Könnten sich nicht die jüdischen und muslimischen Gemeinden bereitfinden, ihre unbeschnittenen männlichen Mitglieder so lange nicht zu diskriminieren, bis diese alt genug sind, selbst über eine Beschneidung zu entscheiden? Im Islam dürfte diese Form der Toleranz kein Problem darstellen, denn die Scharia schreibt keine Altersgrenze fest. In Israel und in den USA gibt es Minderheiten, die sich gegen die Beschneidung von kleinen Jungen wenden. In jüdischen Familien sind dort etwa drei Prozent nicht beschnitten, weil die Eltern diese schmerzhafte Prozedur als Körperverletzung ablehnen.

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