ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2012Psychodynamische Psychotherapie: Die Irrationalität durchdringen

THEMEN DER ZEIT

Psychodynamische Psychotherapie: Die Irrationalität durchdringen

PP 11, Ausgabe August 2012, Seite 358

Egloff, Götz

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Foto: Fotolia/Adam Gregor
Foto: Fotolia/Adam Gregor

Zwischen der Operationalisierung psychodynamischer Diagnostik, Lacan und Jaspers – zum psychodynamischen Verstehen in der Postmoderne

Die enorme Entwicklung psychodynamischer Theoriebildung in mehr als 100 Jahren konfrontiert Therapeuten mit vielerlei Theorieausrichtungen. Was zu Zeiten Freuds als offener, tendenzloser psychoanalytischer Prozess begann, der als Ein-Personen-Psychologie in Erscheinung trat, ist in dieser Form in der heutigen Praxis nur noch selten anzutreffen. Über die aktive Haltung, die Nutzung des Übertragungsgeschehens, die stärkere Einbeziehung der Familienmitglieder, bis hin zur relationalen, intersubjektiven Perspektive hat die Entwicklung der psychodynamischen Psychotherapie Modifikationen durchlaufen und sich verschiedenste Konzepte in unterschiedlicher Ausprägung zu eigen gemacht. Es stellt sich die Frage, wie angesichts zunehmender Virtualisierung der Lebenswelt psychodynamische Psychotherapie künftig zu konzeptualisieren sein wird.

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Fokussierung auf Kernthemen

Psychodynamisch arbeitende Therapeuten sehen sich einer Vielzahl von Ansätzen gegenüber, die, um effektiv behandeln zu können, in ein konsistentes Konzept zu bringen sind. Die Operationalisierung psychodynamischer Diagnostik (OPD) (1) stellt hier eine Verdichtung konflikt-, beziehungs- und strukturbezogenen Arbeitens dar, die in Diagnostik und Behandlungstechnik auf relevante Kernthemen des Patienten fokussiert. Das übungsintensive Instrument, das bislang noch vorwiegend im stationären Rahmen genutzt wird, findet nun vermehrt Eingang in das Denken und die Technik psychoanalytischer und tiefenpsychologisch arbeitender Therapeuten.

Gleichzeitig entsteht nahezu automatisch die Schwierigkeit, das Hören mit dem dritten Ohr (2) beizubehalten und den notwendigen offenen Verstehensprozess im Dreieck Symptom, Patient und Behandler nicht vorschnell Effizienzkriterien zu opfern. Um erfolgreich zu behandeln, erscheint es in der Erschließung psychodynamisch relevanter Themen des Patienten wichtig, einerseits nicht zu deduktiv-theoriegeleitet, aber ebenso nicht zu offen induktiv-persongeleitet vorzugehen, da bei ersterem eine zu rasche Engführung der Themen des Patienten zur Verschleierung weiterer bedeutsamer Themen führen kann, bei letzterem die Gefahr der Ausuferung der Themen ins Unendliche sowie die Gefahr der psychischen Dekompensation des Patienten besteht.

Die derzeitige Tendenz zu einer Verrationalisierung des Psychischen (3), die der vorherrschenden gesellschaftlichen Kollektivfantasie über rasche Lösungen entspricht, läuft dabei Gefahr, Psychotherapie auf Abwehrniveau zu betreiben. Das Psychische in dessen Irrationalität ist schwer zu erfassen; es bleibt für den Behandler immer vorläufig, entzieht sich endgültigen Diagnosen und gebietet, nicht voreilig zu handeln. Der Mensch als Animal rationale ist eben auch ein Homo irrationalis. Diese Irrationalität zu durchdringen, ist Anliegen psychodynamischer Therapie. Die Unmöglichkeit eines letzten Verstehens trifft zwar auf jedwede Taxonomie des Psychischen zu; gerade aber das psychodynamische Verstehen ist in besonderer Weise der Lehre des Unbewussten verpflichtet, will es nicht zu einer Psychologie ohne Bewusstsein, also zu einer Sozialtechnologie (4) werden.

Die Abspaltung der Individualpsychologie Alfred Adlers 1911 ist wohl einem solchen Prozess geschuldet. In jenem Fall wurde die soziale Realität aus dem innerpsychischen Gefüge des Patienten herausgelöst; als Machttopos fand sie später Eingang in die systemisch-konstruktivistische Therapie (5), in der – meist ohne den Rekurs auf Adler – das Beziehungsgefüge im familialen System oft pragmatisch dem Aspekt der Machtverhältnisse untergeordnet wird. Dies erscheint nicht ganz falsch, trifft wohl aber nicht den Wesenskern des Menschen als Homo relatens (6). Fürstenau (7) hingegen hat schon früh mit seinem Amalgam aus psychodynamischem Verstehen und konstruktivistischem, doch person-orientiertem Intervenieren neue Wege beschritten, die das psychodynamische Verstehen vor dem Hintergrund selektiver Interventionen nutzbar machen. Die Frage, wie und wie weit psychodynamisches Verstehen zu gehen hat, bleibt noch offen.

Pole der Psychodynamik

Dem zur OPD hin orientierten Pol psychodynamischen Denkens, der sich aus ich-psychologischen, objektbeziehungtheoretischen und bindungstheoretischen Quellen speist und etwa als beobachtungs- und bewusstseinsnahes psychodynamisches Konzept zu verstehen ist, steht ein anderer psychodynamischer Pol gegenüber, den man als aus triebtheoretischen, objektbeziehungstheoretischen und metapsychologischen Quellen zusammengesetzt bezeichnen könnte, dies unter wesentlicher Einbeziehung strukturalistischer Aspekte. Hier ist die Lacan-Schule zu verorten, deren Freud-Exegese im deutschen Sprachraum lange Zeit ein Schattendasein führte. Mittlerweile hat sich dies geändert; es finden nun seit einigen Jahren Lacan-Konferenzen und -Seminare auch außerhalb der Lacan-Gesellschaften statt (zum Beispiel am Institut der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft in Frankfurt/Main), die vermehrt behandlungstechnische Überlegungen zum Gegenstand haben und den Querdenker Lacan (Wo Ich war, soll Es werden) für Kliniker handhabbar zu machen versuchen. Autoren wie Lang (8), Kläui (9) und Fink (10) haben hierzu bereits auf Englisch und Deutsch beigetragen. Mit Lacan und der École Freudienne de Paris gehen Konzepte des Begehrens, des Anderen, des Namen-des-Vaters/Gesetz-des-Vaters einher, die stärker theoriegeleitet, weniger beobachtungs- und bewusstseinsnah und vermutlich kaum operationalisierbar sind. Die unbeirrte französische Hochachtung vor der Psychoanalyse hat mit dazu geführt, dass ein Konvolut an Lacan-orientierten Schriften vorliegt, das ein enormes Potenzial für psychodynamische Verstehenszugänge bereithält. In diesen Schriften werden, grob gesagt, immer wieder Zweifel an wohlbekannten Denkmustern des Psychischen gestreut, was hilfreich für die verschlungenen Wege psychodynamischen Verstehens sein kann und sich somit auf den therapeutischen Prozess günstig auswirken kann. Gerade in festgefahrenen Behandlungsphasen wird ein Perspektivenwechsel, ein Sich-außerhalb-Stellen meist als hilfreich empfunden. In ihrer skeptischen, selbstreflexiven Haltung rückt die Lacan-Schule dabei in die Nähe mancher älterer psychodynamisch-anthropologischer Konzepte wie zum Beispiel dem Peter Hahns (11).

In der Postmoderne

Schneider (12) hat auf die komplexen Wechselwirkungen zwischen Subjekt und Arbeitswelt in der Postmoderne hingewiesen. Diese scheinen jedoch über die typischen Verwerfungen gesellschaftlicher Veränderungen hinauszugehen, denn die aktuellen Veränderungen sind tiefgreifender denn je.

In der Postmoderne stehen den krisenhaften Verschattungen des Subjekts durch zunehmende Virtualisierung und Auflösung identitätsbezogener Strukturen mit ihren kaum absehbaren Auswirkungen auf psychisches Erleben gleichzeitig die Erhellungen der objektiv in Erscheinung tretenden Forschung und der Neurowissenschaften vor allem durch die bildgebenden Verfahren gegenüber. Es lässt sich also eine Analogie erkennen, in der sich die Abgründigkeiten und Irrationalismen des Subjekts in komplexer werdenden Welten zeigen und andererseits zum Beispiel menschliche Hirnfunktionen in ihrer Wirkungsweise hell beleuchtet werden. Es liegt hier nicht fern, daran zu erinnern, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist: So entstehen derzeit objektiv helle Schlaglichter bei zunehmender Gesamtverschattung des Subjekts. Derartig gegenläufige Tendenzen – mehr objektive Transparenz auf der einen bei immer weniger subjektiver Komplexitäts-Durchdringung auf der anderen Seite – erscheinen als die eigentliche Krux der Postmoderne. Diese dürften für Subjektwerdung und Identitätsbildung nicht zu unterschätzen sein, so dass Kirshner zum Schluss kommt, dass psychodynamische Therapeuten in der Postmoderne „need to function more as antihermeneuticists, deconstructing the interpretive edifices we or the analysand erect, than as interpreters of meaning or of history“ (13). Der therapeutische Prozess stellt sich hier dar als ein Dekonstruktionsprozess von Interpretationsgebäuden, der keine Wahrheiten kennt, sondern mittels intersubjektiver Aneignungsprozesse ein Stück weit Verstehen und Veränderung bewirken kann. Hierfür ist auf therapeutischer Seite eine Haltung der Neugier und des Zweifels nötig, vielleicht ein Sich-überraschen-lassen-Können.

Die Welt-Erfahrung

Hier erscheint für Psychotherapeuten ein Schwenk zur anthropologischen Psychiatrie sinnvoll, die seit jeher die existenzielle Dimension des Ich-Welt-Verhältnisses im Blick hat. Auf dem Jaspers-Kongress an der Universität Heidelberg 2011 (100 years of Karl Jaspers’ „General Psychopathology“) wurde das Verfassen und Veröffentlichen der „Allgemeinen Psychopathologie“ (1913) durch Karl Jaspers (1883– 1969) gewürdigt. Dieser hatte als junger wissenschaftlicher Assistent an der Psychiatrischen Klinik Heidelberg ein Standardwerk verfasst, das eine existenzphilosophische Grundlegung für Anthropologie und Psychiatrie darstellt, die weltweit wirkte und in vielen Bezügen noch heute Geltung beanspruchen kann. Der Rückgriff auf Jaspers’sche Grundkonzepte, wie zum Beispiel Illusion und Grenzsituation, erscheint angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen hilfreich, wenn auch hier die Schwierigkeit der Operationalisierung phänomenologischer Ansätze im Rahmen von Evidenzbasierung und Effizienzforderungen beträchtlich ist.

Jaspers wusste: Psyche ist kein Objekt, kein Ding, kein materiales Etwas – eher schon der existenzielle Zustand des In-der-Welt-Seins. So hatte Jaspers schon vor 100 Jahren der von ihm so benannten Hirnmythologie strenger Naturwissenschaften eine Absage erteilt. Zwischen biologischer Psychiatrie mit ihrem radikalen Materialismus, systemischem Konstruktivismus und den landläufig durchaus noch weit verbreiteten vormodernen Vorstellungen von Psyche als Beseelung „von außen“, stellt Jaspers’ Ansatz ein für Psychotherapeuten, Psychosomatiker und Psychiater fruchtbares Konzept der Hinwendung zum Menschen dar, das quer liegt auch zur notwendigen, jedoch erkenntnistheoretisch limitierten experimentellen Forschung. In Zeiten von Optimierungsdenken und raschen Lösungen ist der mühsame Weg des Verstehens, des Bemühens um das Erfassen bio-psycho-sozialer Zusammenhänge unerlässlich. Es gilt, die eigenen Vorannahmen immer wieder kritisch zu reflektieren. Jaspers, als Vertreter der Lebensphilosophie, sah die Grundlage des Seins nicht gegenständlich. Stattdessen bewegt sich der Mensch in einem fortwährenden Spannungsfeld, das höchstens fließend kategorisierbar ist und sich somit immer irgendwo zwischen normal und abnormal befindet. Die Existenzphilosophie erscheint daher hilfreich zum Verständnis scheinbar undurchdringlicher Zusammenhänge (14).

Fazit

Zwischen fokussierender Psychotherapie und unendlicher Analyse gilt es gerade in der psychodynamischen Psychotherapie, die Zersplitterung des Patienten, die bereits in der somatischen Medizin große Schwierigkeiten bereitet, zu verhindern. Bei aller Notwendigkeit von selektiver Indikation und störungsspezifischer Interventionen erscheint der Blick auf die Ganzheit der Person im sozialen Gefüge unabdingbar, insbesondere vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung von Virtualität und Strukturenzerfall.

Psychodynamisches Verstehen erfordert somit einen schulen- und fächerübergreifenden Zugang zum Patienten, der auch auf seine eigenen Bedingtheiten reflektiert und sich als Teil eines entschlossenen therapeutischen Vorgehens einerseits, auf der anderen Seite als Teil eines unwägbaren Vorhabens begreift.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2012; 11(8): 358–60

Anschrift des Verfassers:
Götz Egloff M.A., Psychotherapie, Psychoanalyse, Kinder- und Jugendpsychotherapeut, Richard-Wagner-Straße 18, 68165 Mannheim, g.egloff.medpsych.ma@email.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0812

1.
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2.
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