ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2012Psychoanalyse: Spaltung, Entwicklung, Stillstand

THEMEN DER ZEIT

Psychoanalyse: Spaltung, Entwicklung, Stillstand

PP 11, Ausgabe August 2012, Seite 361

Kattermann, Vera

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Die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung widmete ihre Jahrestagung in Berlin dem Phänomen der Spaltung. Die Berliner Mauer als grobflächiges kollektives Spaltungssymptom diente dabei als Metapher, auch „kleinteiligere“ Spaltungen nachzuzeichnen und zu verstehen.

Das psychoanalytische Konzept der psychischen Spaltung ist ebenso schlicht wie überzeugend: Wenn die Komplexität ambivalenter Gefühlsinhalte allzu groß wird und in ihrer Widersprüchlichkeit für den Seelenhaushalt kaum noch zu ertragen ist, werden all jene Inhalte abgespalten und im Folgenden weder gefühlt noch gewusst, die zu schwierig oder seelisch gefährdend erscheinen. Bisweilen werden sie qua Abspaltung schlicht aus dem Bewusstsein „entsorgt“, bisweilen werden sie auch in das Außen projiziert und dort als das bedrohlich Fremde gefürchtet oder verachtet. Diese Prozesse lassen sich nicht nur bei Einzelnen beobachten, sondern auch in der Dynamik von Klein- und Großgruppen ebenso wie auf gesellschaftlicher Ebene.

Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts bietet eine Fülle an Beispielen kollektiver Spaltungsmechanismen, deren prominentestes wohl die Berliner Mauer ist. Als monumentales Bauwerk war sie prägnantes Symptom einer tief-greifenden Spaltung innerhalb der deutsch-deutschen Gesellschaft. So scheint es fast folgerichtig, dass die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) ihre diesjährige Tagung mit dem Thema: „Spaltung, Entwicklung und Stillstand“ in Berlin dem Phänomen der Spaltung widmete. Die Mauer, 45 km lang, umrahmt von 450 000 qm „Todesstreifen“, bewacht von 10 000 Grenzsoldaten und 1 000 Hunden, zerteilte die Stadt 28 Jahre lang. Sie bildete den Brennpunkt der Kollusion feindlicher politischer Systeme und eine politische Demarkationslinie als Bollwerk gegen emotionale Residuen der NS-Zeit.

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Hüben wie drüben konnten nationalsozialistische Repräsentanzen und Prägungen im jeweils anderen Teil Deutschlands verortet und dann auch ideologisch bekämpft werden, wie der Frankfurter Psychoanalytiker Tomas Plänkers in seinem Eröffnungsvortrag zur Tagung verdeutlichte. Und wie hängen Spaltungsprozesse der gesellschaftlichen Realitäten mit Spaltungsprozessen in der inneren Welt zusammen? Die Mauer als grobflächiges kollektives Spaltungssymptom kann als Metapher dienen, auch „kleinteiligere“ Spaltungen nachzuzeichnen und zu verstehen. So konnte Plänkers am Beispiel eines Forschungsinterviews mit einem ehemaligen Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit aufzeigen, wie dieser das Wissen um die oftmals frustrierende real-sozialistische Realität nachhaltig abspaltete, um zugleich an den sozialistischen Idealen umso leidenschaftlicher festzuhalten und diese narzisstisch zu überhöhen. Es ist diese eigentümliche Gleichzeitigkeit von Wissen und Nichtwissen, welche den paradoxalen Kern von Spaltungsmechanismen ausmacht.

Spaltungen kann man fasziniert beobachten, man kann tiefsinnig und auch klug darüber nachdenken – ungemütlich wird es immer dann, wenn sie im eigenen Denken und Handeln aufgezeigt werden. Es ist erfreulich, wie unerschrocken Plänkers in seinem Vortrag sowohl sich selbst als auch den Zuhörern den Spiegel vorhielt und nachwies, wie auch die neoliberale Marktideologie nur unter Einschluss eines zentralen Spaltungsvorgangs funktionieren kann: Ihr herrschendes ökonomisches Prinzip „Jeder gegen jeden, Hauptsache, es bringt Geld“ rückt das individuelle Profitstreben bewusst in den Vordergrund. Die damit verbundenen sozialen und ökologischen Auswirkungen werden öffentlich auch durchaus diskutiert und damit „gewusst“. So ist ja sattsam und hinreichend bekannt, dass die Globalisierung der Wirtschaft mit ausbeuterischer Produktion und ökologischer Zerstörung in bedrohlichem Maßstab einhergeht. Ein integratives, gleichsam nachhaltiges Wissen um diese Zusammenhänge, das eine Korrektur des Handelns zur Folge hätte, bleibt jedoch trotz der intensiven öffentlichen Diskussion aus – es scheint, dass das Wissen darum emotional immer wieder abgespalten wird.

Hier ist sie also wieder, die Gleichzeitigkeit von Wissen und Nichtwissen als paradoxaler Kern von Spaltungen. Spätestens bei der Suche nach einer sicheren Geldanlage für die Rente oder bei der Buchung des nächsten Fluges ist diese jedem zur Genüge bekannt. Plänkers bekräftigte in seinem Vortrag: „Die Mehrheit der Marktteilnehmer, Produzenten wie Konsumenten, praktiziert Abspaltungen. Sie symbolisieren sich in der abendlichen Szene vor den TV-Nachrichten, in der wir bei einem Glas Wein die Katastrophen dieser Welt zur Kenntnis nehmen.“ Der Psychoanalytiker konnte in seinem Beitrag die gesellschaftliche Relevanz psychoanalytischer Konzepte auch für globale und wirtschaftliche Probleme unter Beweis stellen. Die Psychoanalyse kann für die öffentliche Diskussion wichtige Impulse liefern und ist vor der heimeligen Verführung zu schützen, sich auf die „privaten“ Sphären von Behandlungen zu beschränken.

Bedauerlich war jedoch, dass Plänkers es bei seiner nüchternen Diagnose beließ und die Frage nach möglichen psychoanalytischen Ansätzen für eine Integration der beschriebenen Spaltungen gänzlich offenließ. Merkwürdig auch, dass gerade für diesen brisanten Vortrag keine Diskussion mit dem Publikum vorgesehen war. Vielleicht lässt sich dies auch als Befund für die bleiern-zementierende Qualität von Spaltungen verstehen – eine Reproduktion von Stillstand?

Umso leidenschaftlicher wurde aber in den weiteren Vorträgen und Arbeitsgruppen der Tagung diskutiert. Eine große Bandbreite von Themen zeigt auf, wie vielfältig die Anwendungsgebiete für das Konzept der Spaltung sind und wie sehr sich die Verständnisebenen aus diesen unterschiedlichen Anwendungsgebieten gegenseitig befruchten. Wie etwa der Zugang zu abgespaltenen Affekten gelingen kann, beschäftigte unterschiedlichste Tagungsbeiträge, etwa in der Untersuchung des Films über eine Borderline-Persönlichkeit „Indian Runner“, im Nachdenken über die Kunst von Gerhard Richter, in der Auseinandersetzung mit der Musik des Künstlers Dieter Schnebel oder einem Essay der Schriftstellerin Siri Hustvedt. Die reichhaltige Diskussion kultureller Ausdrucksformen von Spaltungen ergänzte sich mit der klinischen Reflexion von Spaltungsphänomenen bei der analytischen Arbeit mit Kindern, bei Psychosen, Perversionen, autistoiden Rückzügen, bei Trauma und bei Delinquenz.

In der Zusammenschau der Tagungsdiskussionen wurde deutlich, dass das Ziel in der Auseinandersetzung mit Spaltungen nicht einfach darin bestehen kann, diese aufzuheben. Vielmehr ist anzuerkennen, dass sie normaler Bestandteil innerhalb eines weiten Spektrums seelischen Geschehens und somit nicht per se pathologisch sind. Darüber hinaus zeigt sich auch, dass sie Entwicklung und seelisches Wachstum nicht nur verhindern, sondern bisweilen auch begünstigen können. Über diesen hilfreichen und förderlichen Aspekt hat auch der britische Psychoanalytiker Donald Winnicott pointiert nachgedacht. Denn im Bezug auf die Berliner Mauer stellte er schon 1986 fest, dass Spaltung Konflikte im schlimmsten Fall einfach hinausschiebt, im besten Fall jedoch die nötige Distanz dafür schafft, dass „Menschen die Kunst des Friedens einüben und damit experimentieren können, so lange bis die Mauer aufhört, Gut und Böse voneinander zu trennen“. Die deutsch-deutsche Geschichte hat ihm Recht gegeben, die diesjährige Tagung der DPV differenzierte diese Überlegung vielfältig aus.

Dr. Vera Kattermann

3 Fragen an . . .

Dr. Christoph E. Walker, Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV)

Betrachten Sie institutionalisierte Spaltungen innerhalb der Psychoanalyse – etwa die historische Aufspaltung der Fachgesellschaften – 2012 als ein Thema der Vergangenheit?

Walker: Nein. Es braucht eine Erinnerungskultur, ein „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“, gerade nach 100 Jahren Psychoanalyse. Diese innere Verpflichtung zeigt sich auch in vielfältigen klinischen und theoretischen Auseinandersetzungen und in unseren vergangenen Tagungen. Dennoch gehören Spaltungen zum Leben. Gleichwohl wir Spaltungen seit den Anfängen der Geschichte der Psychoanalyse finden und diese oft schmerzhaft und bedauerlich sind, verhindern sie ja nicht nur etwas, sondern können auch Ausgangspunkt für die Entwicklung von Neuem sein: So sind etwa aus der Aufspaltung unterschiedlicher psychoanalytischer Schulen äußerst kreative Ansätze entstanden, die sich bis heute gegenseitig befruchten.

Wie charakterisieren Sie die Pole von Stillstand und Entwicklung innerhalb der Psychoanalyse der DPV?

Walker: Im Leben geht es unter anderem darum, einen angemessenen Rhythmus zu finden zwischen Stehen und Gehen. Stillstand kann zwar Stagnation und Verhärtung bedeuten, im Stillstand liegt aber auch eine Chance, nämlich innezuhalten, einen erreichten Punkt erst einmal zu bewahren und das Erreichte zu schützen. In der DPV gibt es ein beeindruckendes Engagement vieler Mitglieder auf klinischer, kulturtheoretischer und gesundheitspolitischer Ebene. Generell bedauere ich, dass der Kontakt und der wissenschaftliche Austausch zwischen den Hochschulen und der DPV derzeit sich noch schwierig gestaltet – von beiden Seiten aus. Das hat vielleicht auch zu einem gewissen Stillstand bei uns geführt – in einem negativen Sinne. Doch wir versuchen schon länger, die akademischen kollegialen Kontakte zu intensivieren und insbesondere auch Studierenden den lebendigen Alltag psychoanalytischer Praxis zu vermitteln.

Was sehen Sie als das wichtigste Zukunftsthema der Psychoanalyse?

Walker: Die Vernetzung mit Universitäten und die Transparenz und Öffnung der psychoanalytischen Institutionen nach außen. Grundsätzlich geht es darum, neben unserem zentralen Fokus, der psychoanalytischen Ausbildung und der Weiterentwicklung von theoretischen und klinischen Konzepten für die Arbeit in unterschiedlichen psychotherapeutischen Settings, die kulturtheoretische, wie die gesellschaftspolitische Perspektive der Psychoanalyse stärker einzubringen. Die DPV hat in den letzten Jahren Stellungnahmen zum sexuellen Missbrauch, zur Nutzung der Atomkraft nach Fukushima und zur kindlichen Frühförderung veröffentlicht. Im politischen Potenzial der Psychoanalyse liegt noch mancher Spielraum.

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