ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2012Ambulante Vergütung: Ein 5-Milliarden-Euro-Streit

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Ambulante Vergütung: Ein 5-Milliarden-Euro-Streit

Dtsch Arztebl 2012; 109(33-34): A-1671 / B-1355 / C-1335

Rieser, Sabine

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Sabine Rieser, Leiterin der Berliner Redaktion
Sabine Rieser, Leiterin der Berliner Redaktion

Hat wirklich jemand erwartet, angesichts der guten finanziellen Situation der Kassen würden die bundesweiten Verhandlungen ums budgetierte Honorar 2013 für die Vertragsärzte und -psychotherapeuten ruhig verlaufen? Falls ja, dann wurde er gerade eines Besseren belehrt. Um rund fünf Milliarden Euro liegen derzeit die Vorstellungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen auseinander. Dabei geht es im Kern um Mengen- und Preisanpassungen.

Der KBV-Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Andreas Köhler, fordert insgesamt eine Erhöhung um circa 3,5 Milliarden Euro, um Inflation, steigende Praxiskosten sowie die Behandlung älterer und kränkerer Menschen auszugleichen. Der Spitzenverband der Krankenkassen will – bei den Preisen – mehr als zwei Milliarden Euro einsparen. Sein stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Johann-Magnus von Stackelberg, verweist zur Begründung auf ein Gutachten von Prognos: Danach sind zwar alle Praxiskosten seit 2007 gestiegen, am stärksten die Personalkosten mit mehr als sieben Prozent. Doch weil die Summe der erbrachten Leistungen und deren Gesamtvergütung zuletzt sehr viel stärker gewachsen sei als die Kosten, könne man weniger Honorar zahlen.

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KBV und Kassen verhandeln noch bis 30. August im Bewertungsausschuss. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er am Ende in erweiterter Besetzung tagen. Der Unparteiische Vorsitzende, Prof. Dr. Jürgen Wasem, muss dann entscheiden, welche Daten überzeugen. Dabei hat Wasem Größen zu beachten, die das Gesetz vorgibt: Um den Orientierungswert (Basis der Preiskomponente) anzupassen, sind Investitions- und Betriebskosten von Praxen zu berücksichtigen sowie Wirtschaftlichkeitsreserven oder Kostenrückgänge durch Fallzahlsteigerungen. Für – wahrscheinliche – Honorarsteigerungen aufgrund von Mengenänderungen, wie der Behandlung von mehr älteren und kränkeren Menschen, gelten andere Vorgaben.

Viele Ärztinnen und Ärzte fahren schon aus der Haut, wenn sie nur diese Aufzählung für die Preisanpassung hören. Sie argumentieren, dass aufgrund der schlechten Bezahlung vieler Leistungen in der ambulanten Versorgung allenfalls Honorarsteigerungen akzeptabel sind, nicht aber Kürzungen. Und sie erwarten Verständnis dafür, dass man die Versorgung von Patienten nicht optimieren kann wie eine Handcremeproduktion und Geräte sich in Praxen nicht amortisieren wie bei einem Maschinenbauer.

Eines ist offensichtlich: Eine Diskussion um die angemessene Bezahlung der einzelnen ambulanten Leistung, wie sie viele Ärzte fordern, wollen die Kassen gerade nicht forcieren. Genauso wenig wie eine Debatte darüber, ob die ursprüngliche Kalkulation des jüngsten Einheitlichen Bewertungsmaßstabs betriebswirtschaftlich in Ordnung war. Sie konzentrieren sich auf gestiegene Einkommen der Ärzte und eine „Das-muss-jetzt-aber-reichen“-Debatte. Dazu passt, dass sie die Psychologischen Psychotherapeuten im Gutachten auslassen. Deren Einkommen eignet sich extrem schlecht für Neidkampagnen.

Trotz Prognos-Gutachten: Gesetzlich vorgegebene Einflussgrößen für die Honorarentwicklung sind auf Dauer vorteilhafter für die Ärzte als beliebige politische Einzelfallentscheidungen. Das gilt auch mit Blick auf den Nachwuchs. Diesen Aspekt sollten die Ärzte bei allem Ärger über die Kassen nicht außer Acht lassen.

Sabine Rieser
Leiterin der Berliner Redaktion

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