ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2012Interview mit Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer: „Wir müssen enger mit den Behörden zusammenarbeiten“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer: „Wir müssen enger mit den Behörden zusammenarbeiten“

Dtsch Arztebl 2012; 109(35-36): A-1737 / B-1407 / C-1387

Richter-Kuhlmann, Eva; Stüwe, Heinz

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Foto: Georg J. Lopata
Foto: Georg J. Lopata

Staat oder Selbstverwaltung? Diese Frage stellt sich für den Bundes­ärzte­kammer­präsidenten angesichts des Trans­plantations­skandals nicht. Er plädiert vielmehr für weitreichende Konsequenzen: Approbations­entzug und Schließung von Zentren.

Herr Dr. Montgomery, das Vertrauen der Bevölkerung in die Organspende, die Transplantationsmedizin und auch in die Selbstverwaltung ist beschädigt. Lässt sich das je wieder gutmachen?

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Montgomery: In der Tat ist das Vertrauen gestört. Das ist nicht nur sehr traurig, sondern auch falsch. Denn der Skandal von Göttingen und Regenburg ist kein Skandal der Organspende, sondern ein Skandal einiger Transplantationsmediziner. Zudem muss man die Relation sehen: Wir haben mehr als 50 000 Transplantationen in den letzten zehn Jahren erlebt. Dabei haben wir 119 Auffälligkeiten entdeckt; 21 Verstöße gegen die Richtlinien sind dabei gefunden worden. Auch die Nutzung des beschleunigten Vermittlungsverfahrens ist kein Skandal, sondern war von allen Beteiligten so gewollt, um keine Organe zu verschwenden. Wenn davon aber nun ein so starker Gebrauch gemacht wird, müssen wir uns fragen, ob wir die Richtlinien nachbessern müssen. Dies prüfen wir derzeit.

Trotzdem ist die Bevölkerung verunsichert. Wie wollen Sie das Vertrauen wiederherstellen?

Montgomery: Das Kernproblem ist: Wir haben uns schlicht nicht vorstellen können, dass ein Arzt so weit gehen kann und Daten fälscht, um schneller an Organe zu kommen. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, müssen wir auch nach den Motiven fragen. War es der Wunsch nach Ruhm und Ehre? Waren es altruistische Motive, oder sind zusätzliche Zahlungen geflossen?

Sicher steht der beschuldigte Arzt im Fokus. Der Skandal wirft aber auch einen Schatten auf das gesamte System. Hat es nicht die Manipulation erst möglich gemacht?

Montgomery: Ob es das gesamte System ist – da wäre ich vorsichtig. Aber der Vorfall gibt uns zu denken, weil der beschuldigte Arzt den Betrug sicher nicht ganz alleine gemacht hat. Er hat sowohl in Regensburg als auch in Göttingen Menschen in seinen Bann gezogen. Es muss geklärt werden, wer in der Abteilung und in anderen Abteilungen davon wusste. Auch sollten im Vorstand einer gut geführten staatlichen Klinik solche Veränderungen nicht unbemerkt bleiben können. Das müssen wir aufarbeiten.

Die Bundes­ärzte­kammer wusste bereits vor den Presseberichten von den Vorgängen . . .

Montgomery: Wir haben 2005 und 2006 über die Vorgänge in Regensburg die Klinikleitung, die Staatsanwaltschaft und die Ministerien informiert, auch über das gesamte Transplantationsprogramm mit Jordanien. Die Klinikleitung oder die aufsichtsführenden Ministerien hätten eigentlich reagieren müssen.

Werden transplantierende Chirurgen möglicherweise aufgrund ihres hohen Standings in der Klinik zu wenig kontrolliert?

Montgomery: Sicher empfinden viele Chirurgen Transplantationen im Bereich des Oberbauches als die Königsdisziplin der Chirurgie. Die dort Tätigen haben daher auch ein außergewöhnliches Standing, doch das enthebt sie nicht davon, die Regeln einhalten zu müssen. Es kann aber tatsächlich sein, dass bei ihnen zu wenig kontrolliert wird.

Würde staatliche Kontrolle mehr Sicherheit bieten?

Montgomery: In der Prüfungs- und Überwachungskommission sind Vertreter der Länder mit dabei. Sie sind über alles informiert. Insofern haben wir den Staat dabei. Deshalb empfinde ich die Frage, ob staatliche Kontrolle oder Selbstverwaltungskontrolle besser ist, als nachrangig. Wir können bei den jüngsten Vorfällen beweisen, dass die Selbstverwaltung hervorragend funktioniert hat: Wir haben alles aufgeschrieben, aber staatliche Instanzen haben nichts gemacht. Auf der anderen Seite nutzt uns ein Konflikt hier gar nichts. Denn die Zukunft kann nicht darin liegen, dass man einen Widerspruch konstruiert, entweder staatliche Kontrolle oder Selbstverwaltungskontrolle, sondern wir müssen enger zusammenarbeiten.

Wie soll das konkret aussehen?

Montgomery: Wünschenswert wäre eine Kombination von Selbstverwaltung und Behörden. Denn jeder braucht den anderen. Es geht nie ohne den Sachverstand der Fachleute in den Kommissionen. Ich wünschte mir aber sehr, dass dort auch Menschen mit einer polizeiähnlichen Kompetenz sind, ob nun Staatsanwälte oder höhere Polizeibeamte – das vermag ich nicht zu beurteilen. Wir kommen nämlich bei Ermittlungen teilweise nicht schnell genug an Dokumente heran. Wir haben keine Kompetenz, etwas zu beschlagnahmen, und sind total auf die Kooperation derjenigen angewiesen, die wir kontrollieren sollen. In Göttingen hatten wir Glück: Der Klinikvorstand hat schnell und kooperativ reagiert. Verzögert hat dann die Staatsanwaltschaft Göttingen. Und solange eine Staatsanwaltschaft ermittelt, sind wir auch in der berufsrechtlichen Bewertung gehemmt.

Die Kammer darf ja nicht die Approbation entziehen. Würden Sie sich das künftig wünschen?

Montgomery: Ja. Wir würden auch gern die Approbationen erteilen. Denkbar wäre auch, der Bundes­ärzte­kammer Körperschaftsstatus zu verleihen, ähnlich wie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Warum hat die Prüfungskommission die 119 Fälle eigentlich erst jetzt veröffentlicht?

Montgomery: Bisher hat sich die Öffentlichkeit nicht dafür interessiert. Ferner waren es sehr datensensible Berichte: Kliniken, Spender und Empfänger waren rückverfolgbar. Jetzt haben wir sie gemeinsam mit Datenschutzbeauftragten anonymisiert.

Sollen die Berichte künftig regelmäßig veröffentlicht werden?

Montgomery: Ja, die Fälle sollen datenschutzrechtlich aufbereitet und als jährliche Berichte veröffentlicht werden.

Welche der vereinbarten „Krisenmaßnahmen“ halten Sie für besonders wichtig?

Montgomery: Zum einen versuchen wir, möglichen Betrug durch das Mehraugenprinzip sowie durch Transplantationskonferenzen zu unterbinden. Zum anderen wollen wir – wie gesagt – bei der Aufarbeitung von Problemfällen verstärkt mit Behörden zusammenarbeiten. Ferner werden wir unsere Richtlinien überprüfen. Möglicherweise waren sie zu weich formuliert. Aber auch die Instrumente, mit denen Verstöße geahndet werden, müssen schärfer werden: beispielsweise Entzug der Approbation, vielleicht nur begrenzt auf Transplantationen, und Schließung eines Transplantationszentrums.

Das wäre ein einschneidender Schritt.

Montgomery: Ja, es handelt sich aber auch um einschneidende Verstöße: Das Fälschen von Daten von Menschen auf einer Warteliste ist ein tiefer Einschnitt in die menschliche Gerechtigkeit. Da werden Lebenschancen verändert. Das ist keine Banalität.

Halten Sie strafrechtliche Sanktionen für angebracht?

Montgomery: Ja. Einen Allokations-Betrugsversuch kann man nicht nur als Ordnungswidrigkeit betrachten.

Wieso ist nicht mal das in Regensburg geschehen?

Montgomery: Das kann ich mir nicht erklären. Das muss die Staatsanwaltschaft sagen.

Was halten Sie von einer Reduktion der Anzahl der Transplantationszentren?

Montgomery: Ich glaube schon, dass man mit deutlich weniger Transplantationszentren auskäme.

Sollten Boni/Prämien für Transplanteure abgeschafft werden?

Montgomery: Ja. Rein ökonomisch motivierte Bonisysteme lehnen wir ab. Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat sich nun davon verabschiedet.

Mit dem neuen Transplantationsgesetz sollte eigentlich die Organspendebereitschaft erhöht werden. Wann wird das Vertrauen wiederhergestellt sein?

Montgomery: Jede Antwort wäre nur Spekulation. Die Menschen müssen begreifen, dass es sich nicht um ein Problem der Organspende, sondern in der Transplantationsmedizin handelt. Wir müssen jetzt durch Ehrlichkeit überzeugen.

Das Interview führten Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann und Heinz Stüwe.

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