ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2012Von schräg unten: Polypharmazie

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Polypharmazie

Dtsch Arztebl 2012; 109(35-36): [136]

Böhmeke, Thomas

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Wer fordert nicht vom Fortschritt, in formidabler Form fröhlich alt zu werden? Wir Ärzte können unseren Mitmenschen diesen Wunsch immer mehr erfüllen, je üppiger sich das Füllhorn phänomenaler Pharmazeutika füllt. Ja, wir brauchen diese nur über unsere Schützlinge auszuschütten, nur die Unterschrift auf dem Rezept zu leisten, so einfach ist das. Jeden Tag haben wir solche wunderbaren Gelegenheiten, heute bin ich dran.

Der Sohn einer etwas älteren Dame legt mir den Entlassungsbrief aus dem Krankenhaus vor, man habe ihr zu mehr Bewegung und Gewichtsreduktion geraten, eine Medikation sei nicht erforderlich. Kann das denn wirklich alles sein? Nein, so stachelt mich mein Sendungsbewusstsein an, das ist schier unmöglich! Keine Tablette der guten Tat? Keine Pille zur Prophylaxe? So etwas geht gar nicht. So um die 65 Jahre alt ist die Mutter. Aha, da haben wir es schon. Kein Mensch in diesem Alter hat noch normale Gefäße, das ist wissenschaftlich belegt. Also müssen wir die thrombozytäre Cyclooxygenase mit Acetylsalicylsäure stören, da darf auch ein HMG-CoA-Reduktasehemmer nicht fehlen, flankiert von Omega-3-Fettsäuren! Sind diese Plaques gar in den Koronarien? Eine Sünde, keinen Betablocker, kein Retardnitrat, kein Molsidomin, kein Pentaerythrityltetranitrat zu verordnen! Alles ist indiziert, alles erlaubt! Wie kommen die Kollegen nur darauf, sie sollte sich mehr bewegen? Hat sie etwa erhöhte Blutdruckwerte? Da ist es schnöde Therapieverweigerung, keinen ACE-Hemmer, besser einen AT1-Blocker, ach nein, nehmen wir gleich beide; kein Dihydropyridin, kein Hydrochlorothiazid zu rezeptieren! Der Sohn ist beeindruckt. Das darf er auch weiterhin sein, denn mit Sicherheit hat seine Mutter auch eine Osteoporose, da ist eine Vitamin-D-Therapie, gepaart mit Bisphosphonaten und selektiven Östrogen-Rezeptor-Modulatoren nicht nur erlaubt, sondern zwingend erforderlich! Sie möchte doch bei Wohlbefinden und guter Gesundheit alt werden, oder?! Da darf man auch keine Magenschmerzen haben, dafür gibt es Protonenpumpenhemmer; kein Ischias darf drücken, dagegen gibt es nichtsteroidale Antirheumatika, kein Lüftchen fehlen, dafür gibt es Sympathomimetika, Anticholinergika, Leukotrienantagonisten – mal als Tablette, mal als Spray!

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Ich platze wie ein Spannungsabzess vor Glück, heute so viel Gutes tun zu dürfen. Der Nächste, bitte. Ein über 90-jähriger Patient möchte sich vergewissern, ob sein Herz noch gut pumpen würde. Ob er etwas zu beklagen hätte, will ich wissen. „Nein, es geht mir rundum gut.“ Das ist ungewöhnlich, das ist seltsam. Keine Luftnot, kein Drücken in der Brust?! „Nein, gar nichts.“ Das ist verdächtig. Wie viel Medikamente er denn nehmen würde. „Keine.“ Das ist unmöglich! Hat er denn nie eine Tablette genommen?! „Nein, noch nie.“ Das gehört verboten! Wie konnte er überhaupt so alt werden?!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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Avatar #656523
ärzte2734
am Montag, 17. September 2012, 11:30

Verkaufskunst und Polypharmazie

Exzellente Darstellung einer ärztlichen Dauersituation, die zwar noch überspitzt erscheint, aber m. E. die politisch gewollte Überformung des Gesundheitswesens für die Zukunft treffend darstellt. Die Kommerzialisierung des Arztberufes und durch die Behandlung aller Beteiligter als Ware degeneriert die Humanmedizin zum Quacksalbertum ohne Moral und Ethik - die industrielle Heilung wird gesellschaftsfähig gemacht.
passend dazu: http://www.aerzteblatt.de/archiv/125072/Gesundheitswesen-Aerztliche-Hilfe-als-Geschaeftsmodell?src=search
Als normaler Patient mit Interesse am gesunden Ärztebestand bin ich dankbar für entsprechend kritische Beiträge - weiter so.

MFG
Ulrich P. Kecke, Jena

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