ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2012Eckpunkte zur anonymen Kindesabgabe: Vertrauliche Geburt statt Babyklappe

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Eckpunkte zur anonymen Kindesabgabe: Vertrauliche Geburt statt Babyklappe

Dtsch Arztebl 2012; 109(35-36): A-1742 / B-1412 / C-1392

Meißner, Marc

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Das Familienministerium hat Eckpunkte für ein Verfahren zur vertraulichen Geburt erarbeitet. Es soll künftig anonyme Geburten und langfristig auch Babyklappen ersetzen.

Babyklappe am Friederikenstift in Hannover – Wird die vertrauliche Geburt eingeführt, sollen solche Klappen evaluiert und gegebenenfalls abgeschafft werden. Foto: dpa
Babyklappe am Friederikenstift in Hannover – Wird die vertrauliche Geburt eingeführt, sollen solche Klappen evaluiert und gegebenenfalls abgeschafft werden. Foto: dpa

Angebote wie Babyklappen und die Möglichkeit zur anonymen Geburt haben vor allem ein Ziel: Sie sollen verhindern, dass Frauen ihre Neugeborenen aussetzen oder töten, um ihre Mutterschaft zu verbergen. Rechtlich agieren die Anbieter allerdings in einer Grauzone. Denn bei einer dauerhaft anonymen Kindesabgabe werden zwar die Interessen der Mutter gewahrt, jedoch die des Neugeborenen verletzt: Jedes Kind hat das Recht zu erfahren, wer seine Eltern sind.

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„Der rechtsfreie Raum bei diesem Thema darf nicht so bleiben“, erklärte die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ingrid Fischbach, vor kurzem im Rahmen einer Diskussionsrunde des Deutschen Caritasverbandes und der Katholischen Akademie in Berlin. Vor allem anonyme Geburten seien problematisch und könnten auch für die entbindenden Ärzte und Hebammen juristische Folgen haben. „Ärzte, die eine anonyme Geburt durchführen, machen sich strafbar“, bestätigte Dr. med. Michael Abou-Dakn, Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe des Berliner St.-Joseph-Krankenhauses. „Wir sind verpflichtet, die Daten der Mutter zu erheben.“ Verweigere die Mutter die Angaben, müsse der Arzt formaljuristisch nach der Entbindung die Polizei verständigen. „Wir brauchen in diesem Bereich mehr Rechtssicherheit“, forderte Abou-Dakn.

Um dieses Dilemma zu lösen, hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Eckpunkte entwickelt, die eine sogenannte vertrauliche Geburt gesetzlich regeln sollen. Dabei könnten Frauen weitgehend anonym gebären – anonym vor allem der eigenen Familie und dem Staat gegenüber. Sie dürften unter einem Pseudonym in einer Klinik entbinden und so auch die Geburt beim Standesamt melden.

Um den Ansprüchen des Kindes gerecht zu werden, müssten Frauen, die eine vertrauliche Geburt wählen, jedoch ihren Namen hinterlegen. Dieser bliebe sowohl dem Krankenhaus als auch den Behörden gegenüber unter Verschluss, bis das Kind sein Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft aktiv einfordern kann – das heißt bis dessen 16. Lebensjahr vollendet ist.

Eine Schlüsselrolle nehmen bei diesem Verfahren die Schwangerschaftsberatungsstellen ein: Da seit Anfang 2012 jede Schwangere das Recht auf eine anonyme Beratung hat, geht das BMFSFJ davon aus, dass eine Beratungsstelle der erste Anlaufpunkt für Frauen ist, die eine vertrauliche Kindesabgabe in Betracht zieht. Entscheidet sich eine Frau für das Verfahren, sucht sie zusammen mit der Beratungsstelle ein Pseudonym aus und hinterlegt darunter ihren Namen. Dieser wird in einem versiegelten Umschlag von den Beratern aufbewahrt.

Nach der Geburt würde das Kind in die Obhut des zuständigen Jugendamtes übergeben, das sich dann um ein Adoption kümmert. Die Mutter kann aber einen Weg vereinbaren, über den sie von der Beratungsstelle kontaktiert werden kann. Diese informiert sie rechtzeitig über die bevorstehende Adoption. Bis zu deren Abschluss hat die Mutter dann noch die Möglichkeit, das Kind zu sich zu holen.

Kritik an den Eckpunkten gab es vonseiten des Berliner Senats: „Es gibt Frauen, die ohne ein Angebot zur anonymen Geburt zur Entbindung nicht in die Klinik kommen würden“, erklärte Mario Czaja, Berliner Senator für Gesundheit und Soziales. „Die vertrauliche Geburt erreicht nicht die Mütter in Krisensituationen, die sicher sein wollen, dass am nächsten Morgen nicht die Staatsanwaltschaft oder die Polizei vor der Tür steht.“ Deshalb müsse die anonyme Geburt erhalten bleiben.

Dr. rer. nat. Marc Meißner

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