ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2012Versorgungsforschung in der Hausarztpraxis: Konzepte für die Zukunft

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Versorgungsforschung in der Hausarztpraxis: Konzepte für die Zukunft

Dtsch Arztebl 2012; 109(35-36): A-1750 / B-1414 / C-1394

Spielberg, Petra

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Hochmotiviert: Das Praxisteam der Forschungspraxis von Gert Vetter in Frankfurt am Main. Foto: Institut für Allgemeinmedizin Frankfurt
Hochmotiviert: Das Praxisteam der Forschungspraxis von Gert Vetter in Frankfurt am Main. Foto: Institut für Allgemeinmedizin Frankfurt

In Frankfurt und Heidelberg können Hausarztpraxen den Titel „Akademische Forschungspraxis“ erwerben. Sie leisten damit auch einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag für das Fach Allgemeinmedizin.

Wie lässt sich die Versorgung chronisch kranker, dementer oder multimorbider Patienten verbessern? Wie muss eine Hausarztpraxis organisiert sein, um ihre Patienten optimal behandeln zu können? Um Fragen wie diese zu beantworten, gibt es die Versorgungsforschung. Doch die Hausarztmedizin ist in dieser Disziplin noch unterrepräsentiert. Das Institut für Allgemeinmedizin der JohannWolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main sowie die Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg wollen deshalb Hausarztpraxen für diesen wissenschaftlich interessanten Bereich motivieren.

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Mit einigem Erfolg: Im Rhein-Main-Gebiet nehmen mittlerweile 400 Praxen am „Frankfurter Netzwerk Akademischer Forschungspraxen“ teil. 100 von ihnen sind als „Akademische Forschungspraxis der Goethe-Universität Frankfurt/Main“ akkreditiert. Im Raum Heidelberg unterstützen seit 2005 circa 450 Praxen Forschungsprojekte der Universität. Aktuell dürfen sich dort 86 Praxen „Akademische Forschungspraxis“ nennen.

„Hausärzte benötigen für ihre Arbeit eigene wissenschaftliche Grundlagen“, erklärt Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt. Von der Teilnahme an Forschungsvorhaben profitierten die Praxen in zweifacher Hinsicht. Sie biete den Hausärzten die Möglichkeit einer engen fachlichen Anbindung an ihre akademische Heimat. „Außerdem können die Ärzte auf diese Weise dazu beitragen, das Fach Allgemeinmedizin weiterzuentwickeln“, betont Gerlach.

Die Akkreditierung zur „Akademischen Forschungspraxis“ sei eine schöne Anerkennung und garantiere eine verbindliche Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Hausärzten, sagt Dr. med. Frank Peters-Klimm von der Abteilung für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg. „Durch verlässliche Partner haben wir die Sicherheit, eine ausreichende Zahl von Patienten zu erreichen und verwertbare Daten zu erhalten. Das spielt auch für das Einwerben von Drittmitteln und damit für die Finanzierung der Projekte eine wichtige Rolle.“

Die Mitwirkung an den Projekten ist freiwillig, Forschungserfahrung keine Voraussetzung. „Im Gegenteil: Wir freuen uns über jeden interessierten Hausarzt, da wir möglichst viele repräsentative Praxen für unsere Projekte gewinnen wollen“, erklärt Gerlach. Bedingung für die Teilnahme an den Forschungsprojekten ist allerdings ein hohes Maß an Motivation, denn sie erfordert vom gesamten Praxisteam einen gewissen Mehraufwand. Für Schulungen, eine eventuelle Umorganisation der Praxis sowie die Dokumentation der Studienergebnisse können je nach Projekt etliche Stunden zusammenkommen.

Wenn das ganze Team dahintersteht, wie bei der Frankfurter Allgemeinärztin Dr. med. Christiane Kunz, ist das aber kein Problem: „Die Projektarbeit macht sehr viel Spaß und hält wach.“ Kunz, die ihre Praxis zusammen mit ihrem Ehemann und vier Mitarbeiterinnen betreibt, hat schon an mehreren Forschungsprojekten teilgenommen, unter anderem zum Depressionsmanagement und zur Verbesserung der Versorgung multimorbider Patienten.

Für Dr. med. Boye Hoops aus Gaggenau, der sich seit zehn Jahren regelmäßig an Forschungsvorhaben des Universitätsklinikums Heidelberg beteiligt, steht ebenfalls der Nutzen der Projektarbeit im Vordergrund: „Wenn es zum Beispiel in einer Studie um eine intensivere Betreuung von Patienten mit chronischen Erkrankungen geht, wirkt sich das insgesamt positiv auf die Versorgung unserer Patienten aus.“

Die Wissenschaftler wiederum hoffen darauf, dass ihr Engagement der Versorgungsforschung in Deutschland einen Schub verleihen kann. Denn andere europäische Staaten, wie die Niederlande oder Großbritannien, sind auf diesem Gebiet schon viel weiter. „Das hängt damit zusammen, dass in diesen Ländern die Akademisierung der Allgemeinmedizin eine längere Tradition hat“, erklärt Institutsdirektor Gerlach.

Petra Spielberg

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